Maske ist für ihn unmöglich

Psychisch Erkrankter sucht dringend Therapieplatz und Ärzte

Nicht jeder Mensch ist aufgrund seines seelischen oder körperlichen Gesundheitszustandes in der Lage, eine Maske zu tragen.
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Nicht jeder Mensch ist aufgrund seines seelischen oder körperlichen Gesundheitszustandes in der Lage, eine Maske zu tragen.

Eine Mund-Nasen-Bedeckung aufzusetzen, findet wohl kein Mensch besonders angenehm. Doch wie es sich anfühlt, wenn das Masketragen aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen zur Hölle wird, können sich wohl nur die Wenigsten vorstellen. Einer von ihnen ist Leo (Name von der Redaktion geändert).

Fritzlar - Der 38-Jährige ist vor Beginn der Corona-Pandemie in den Schwalm-Eder-Kreis gezogen und wollte dort ein neues Leben anfangen. Doch ihm werden riesige Steine in den Weg gelegt. Denn Leo ist psychisch krank.

Er leidet an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, die seinen Alltag ohnehin massiv einschränkt. Die Coronakrise hat seinen Radius nun auf das absolute Minimum reduziert. „Ich brauche beim Einkaufen und bei Arztbesuchen ständige Begleitung.“ In der Kindheit und Jugend habe er Gewalt und sexuellen Missbrauch erfahren. Halte man ihm eine Maske aufs Gesicht, setze das selbstbestimmte Denken aus. Leo verliere die Orientierung, könne nicht mehr sprechen, sehe nur noch verschwommen. Der Grad seiner Behinderung liegt bei 80.

Masketragen unmöglich aufgrund psychischer Erkrankung

Die gesellschaftliche Akzeptanz für seine Erkrankung – gerade in Zeiten, in denen die Menschen einen Berg an eigenen Problemen hätten – fehle jedoch an vielen Stellen. „In den meisten Supermärkten werde ich wieder rausgeschmissen, weil ich keine Maske aufsetzen kann.“ Dabei trage der 38-Jährige immer ein Attest bei sich. Rechtlich sei also alles geregelt. Doch die Hürden auf der menschlichen und emotionalen Ebene schafft auch das Attest nicht aus dem Weg. Leo habe durchaus Verständnis für die Angst vor dem Coronavirus: „Aber ich lebe doch sowieso mehr oder weniger in ständiger Quarantäne.“ Dass jemand ihm zuhört, jemand Verständnis für sein Dilemma aufbringt – das sei doch schon alles, was er sich wünsche.

Das Schlimmste an allem jedoch sei: „Ich hatte eigentlich einen Therapieplatz sicher.“ Die Behandlung sei zwingend notwendig für den 38-Jährigen. Doch ohne Maske? Keine Chance für einen Platz in einer Klinik. Auch einen Hausarzt vor Ort habe Leo noch nicht ausfindig machen können.

Deshalb wendet er sich mit einem dringenden Aufruf an die Öffentlichkeit: Er sucht einen Hausarzt und einen Therapeuten, eine psychiatrische Anbindung, aber auch weitere Fachärzte, die sich seiner annehmen. Eine umfassende medizinische Versorgung sei in seinem komplexen Fall unerlässlich.

Sozialpädagogin Nicole Schüßler

Bislang bekommt der 38-Jährige Unterstützung vom Sozialbüro „Eigene Wege in Fritzlar“, die sich um Ambulant Betreutes Wohnen kümmern. Die Sozialpädagoginnen Nicole Schüßler und Sabine Wilckens begleiten ihren Klienten bei den wichtigsten Entscheidungen im Alltag, fahren ihn kilometerweit zu seinem alten Hausarzt in der ehemaligen Heimat. „Dies ist allerdings auch nur ein Feuerlöschen“, erklärt Schüßler. Wichtig wäre eine langfristige Lösung, bei der der Schutz von schwerbehinderten Menschen wieder ernst genommen werde.

In der Coronakrise würden viele Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen vermehrt vergessen. Dies sei ein strukturelles Problem, erklären die Pädagoginnen. „Die Pandemie stellt Menschen, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, in sozialen Kontakt zu treten, vor große Probleme.“ Viele Klienten würden vereinsamen. „Die Angst vor Zurückweisung ist groß“, sagt Wilckens.

Wer eine Idee hat, Leo zu helfen, kann sich unter Tel. 056 22 / 9 30 25 62 oder unter per E-Mail an info@eigenewege-ssw.de an das Sozialbüro Schüßler und Wilckens wenden.

Dort wird jeder Anruf und jede E-Mail dankbar erwartet. Gesucht werden Anlaufstellen insbesondere im Landkreis, in Bad Wildungen, Kassel oder der näheren Umgebung. (Daria Neu)

Klinik empfiehlt als allgemeinen Rat eine Einzeltherapie 

Dr. Manfred Schäfer ist ärztlicher Direktor an der Hardtwaldklinik II in Bad Zwesten und äußert sich mit einem allgemeinen Rat zur Situation. Denn das Krankenhaus behandelt Patienten mit psychischen Erkrankungen sowohl im Bereich der Rehabilitation als auch im Bereich der Akutbehandlung. In beiden Fällen müsse die Klinik wie andere Krankenhäuser auch derzeit Sorge dafür tragen, dass sich niemand mit Covid-19 anstecke. „Eine Teilnahme an der Gruppentherapie, wie sie bei uns oft vorgenommen wird, und der stationäre Aufenthalt mit anderen Patienten ist ohne das Tragen des Mund-Nasenschutzes im Moment zum Beispiel nicht möglich.“ Wenn mehr Impfungen vorgenommen würden, sehe dies schon wieder anders aus. Derzeit empfehle Schäfer als Experte dem Patienten, sich in ambulante Behandlung zu begeben, wo Einzeltherapie besser möglich sei. (neu)

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