Ausverkauf läuft noch

Nach 122 Jahren ist Schluss: Traditionsgeschäft „Reich Uhren und Schmuck“ in Fritzlar schließt

Nach Jahrezehnten schließt das Uhren- und Schmuckgeschäft Reich in der Fritzlarer Innenstadt: Heike Reich sagt schweren Herzens „Tschüss“ und startet den Ausverkauf.
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Nach Jahrezehnten schließt das Uhren- und Schmuckgeschäft Reich in der Fritzlarer Innenstadt: Heike Reich sagt schweren Herzens „Tschüss“ und startet den Ausverkauf.

Das Traditionsgeschäft „Reich Uhren und Schmuck“ in Fritzlar macht zu. Nach dem Tod ihres Mannes Claus Reich, der als Stadtrat, Uhrmacher und Freund überall in der Domstadt bekannt war, geht Heike Reich den schweren Schritt.

Fritzlar – Heike Reich aus Fritzlar muss stark sein. Und das, obwohl sie kräftezehrende Zeiten hinter sich hat. Im vergangenen Monat ist ihr Ehemann, der in Fritzlar allseits bekannte Uhrmacher Claus Reich, nach schwerer Krankheit gestorben. Gemeinsam hatte das Paar jahrzehntelang ein Uhren- und Schmuckgeschäft in der Innenstadt betrieben. Nun soll nach insgesamt 122 Jahre langer Familientradition Schluss sein. Heike Reich macht zu – ein emotionaler Schritt für die 59-Jährige, die im November den Ausverkauf gestartet hat.

Dieser könnte nach Absprache mit einem Spezialisten für Ausverkäufe aus Köln, an den sich Heike Reich gewandt hatte, noch bis März gehen. „Aber wenn das so weitergeht wie bisher, ist der Laden an Weihnachten leer.“ Denn der Fachangestellten für Uhren und Schmuck rennen die Menschen förmlich die Tür ein. „Manche Kunden von früher kommen und sagen: Heike, wir brauchen gar nichts, aber wir kaufen jetzt trotzdem eine Uhr bei dir.“ Die Unterstützung von außen sei rührend.

Auch im Geschäft selbst hat die Fritzlarerin fleißige Hände an der Seite. „Alle sind gekommen. Meine beste Freundin, meine Nichte, meine Tochter und viele mehr greifen mir hier unter die Arme.“ Denn ein Ausverkauf ist eine anstrengende Angelegenheit – von der emotionalen Belastung ganz zu schweigen. Der Experte in der Werkstatt fehle schließlich komplett. „Natürlich habe ich den einen oder anderen Handgriff gelernt: ein Armband austauschen, Batterien wechseln“, sagt Heike Reich. Schließlich hat sie 38 Jahre lang ihrem Mann Claus über die Schulter geschaut. Doch mit dem 67-Jährigen sei eben auch eine riesige Portion Wissen gegangen. „Die Werkstatt war seine Welt, meine ist und bleibt das Verkaufen im Laden, das Beraten und das Plaudern mit den Kunden.“

Diese Ära nun zu beenden, sei ein harter Schritt. Doch ganz aufhören will die 59-Jährige nicht. „Ich möchte gern wieder als Angestellte in einem Laden verkaufen, aber es soll etwas Kleines sein, so wie es unser Laden war.“ Das sei ihr wichtig, so sei sie es gewohnt.

Die Uhrmacher der Familie Reich haben eine lange Geschichte in der Domstadt. Schon Claus Reichs Großvater Wilhelm hatte einen Laden. Claus Reich übernahm ihn später von seinem Vater Lothar. Fast sein ganzes Berufsleben wurde der Fritzlarer von seiner Heike begleitet. „Wir haben Hand in Hand funktioniert.“ Alle Räume im Geschäft erinnern die 59-Jährige an ihren Mann. Allerdings werden die schmerzhaften Augenblicke von zahlreichen schönen Momenten überlagert. (Daria)

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