Domstadt wird keine CDU-Hochburg mehr sein

Machtwechsel in Fritzlar: SPD, Freie Wähler und Grüne bilden Koalition 

Haben eine Koalition in Fritzlar gebildet und wollen die CDU an der Spitze ablösen: von links Dr. Christoph Pohl (Freie Wähler), Mario Jung (SPD) und Dr. Christina Starke (Grüne).
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Haben eine Koalition in Fritzlar gebildet und wollen die CDU an der Spitze ablösen: von links Dr. Christoph Pohl (Freie Wähler), Mario Jung (SPD) und Dr. Christina Starke (Grüne).

Der politische Wind in Fritzlar dreht sich – und zwar um 180 Grad. Nach 24 Jahren wird die CDU ihre Spitzenposition im Parlament räumen müssen. Denn das, was in der Domstadt fast niemand erwartet hat, ist passiert: Die SPD, die Freien Wähler und die Grünen haben einen Koalitionsvertrag geschlossen.

Fritzlar – Gemeinsam besetzen sie somit 20 von 37 Sitzen in der Stadtverordnetenversammlung. Das wird auch für die Zusammenarbeit mit CDU-Bürgermeister Hartmut Spogat spannend werden.


Zwar bleibt die CDU mit 16 Sitzen die stärkste Fraktion, bildet aber zum ersten Mal seit Jahrzehnten keine absolute Mehrheit mehr gemeinsam mit der FDP, die diesmal nur mit einem Sitz vertreten ist. „Nach einem langen Sondierungsgespräch haben wir gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge sind“, betont Dr. Christina Starke von den Grünen. Ihre Fraktion hat sich mit fünf Sitzen deutlich mehr Platz als zuvor im Parlament verschafft. Das Thema Klimafreundlichkeit in puncto Bauen, Verkehr und Co. werde in Fritzlar nun spürbar an Bedeutung gewinnen, sagt die Vorsitzende.

Dem stimmen der SPD-Fraktionsvorsitzende Mario Jung und der Vorsitzende der Freien Wähler, Dr. Christoph Pohl, zu. „Auch in der Vergangenheit haben wir häufig einen Konsens bei den Beschlüssen gefunden. Es ist fast ein Muss, dass wir uns zusammentun“, sagt Pohl. Faktenbasiertes, sinnhaftes und zielorientiertes Arbeiten – das sei von der Koalition in Zukunft zu erwarten, betont Mario Jung. „Diese Offenheit wird auch für gute Anträge aus der Opposition gelten“, sagt er. Dass sich die kommunalpolitische Struktur in einer Stadt verändert, die seit mehr als 20 Jahren als CDU-Hochburg gilt, sei eine positive Entwicklung – auch für die Bürger.

Die CDU selbst wollte sich gestern bis Redaktionsschluss nicht inhaltlich zur Lage äußern. Gestern Abend kamen Fritzlars Fraktionen coronakonform zusammen, um die konkreten Pläne miteinander zu besprechen. Bevor diese noch nicht offiziell benannt worden seien, wolle die CDU kein Statement abgeben, sagt Christian Seyffahrt, Vorsitzender des Stadtverbandes.

Parlament in Fritzlar: Gemeinsam haben SPD, Freie Wähler, Grüne drei Sitze mehr 

Bei der Kommunalwahl am 14. März haben die Wähler in Fritzlar entschieden, dass die CDU mit 16 Sitzen, die FDP mit einem Sitz, die Freien Wähler mit fünf Sitzen, die Grünen mit fünf Sitzen und die SPD mit zehn Sitzen ins Parlament ziehen. So hätte die neue Koalition insgesamt drei Sitze mehr als die künftige Opposition. Als Stadtverordnetenvorsteherin stellt sich Gerlinde Draude (SPD) zur Wahl. Melissa Wenderoth (FW) möchte das Amt als 1. Stadträtin übernehmen.

In erster Linie soll es um Fritzlar gehen

„Mit wem bildet die CDU wohl zukünftig eine Koalition?“ – dies ist die Frage, die sich viele Fritzlarer mit Blick auf das künftige Parlament gestellt haben dürften. Doch jetzt ist klar: Es wird ganz anders kommen. SPD, Freie Wähler und Grüne schließen sich zusammen und sorgen dafür, dass die Domstadt nach fast drei Jahrzehnten keine CDU-Hochburg mehr ist.

Eines sei den Mandatsträgern Mario Jung (SPD), Dr. Christina Starke (Grüne) und Dr. Christoph Pohl (Freie Wähler) aber ganz wichtig: „Dies ist nicht als Retourkutsche zu verstehen.“

Es soll in Fritzlar weiterhin um glaubhaftes und sachorientiertes Arbeiten gehen. Schließlich seien alle Parlamentarier nach wie vor in erster Linie Ehrenamtliche, die sich neben ihrem Job für das Wohl der Stadt engagieren – und zwar unabhängig von der Fraktion. „Wir wollen alle Anträge und Beschlussvorlagen nach Inhalt bewerten“, sagt Jung.

Die großen Pläne auch mit Blick auf den Hessentag 2024 bleiben dieselben: die Sanierung der Stadthalle, der Bau von Parkplätzen, die Idee einer neuen Sporthalle – all das sei nach wie vor wichtig. Dennoch sollen die Themen anders angepackt werden als bisher. Grüne Energie beispielsweise werde eine größere Rolle spielen als bislang, betont Starke. Carsharing-Projekte, Photovoltaikanlagen, Radwegeausbau und vieles mehr stünde auf der Agenda der zukünftigen kommunalpolitischen Spitze Fritzlars. Ändern soll sich dabei laut Pohl: „Wir wollen nicht mehr Einzelmaßnahme für Einzelmaßnahme beschließen, sondern Ideen bezüglich Parkraum, Wohnbebauung und Verkehr mehr in Zusammenhang setzen.“

Auch mit der CDU hätten alle Fraktionen Sondierungsgespräche geführt, eine Zusammenarbeit sei nicht grundsätzlich ausgeschlossen worden. Aber: „Wir hatten einfach das Gefühl: Irgendwie passt das hier am besten“, sagt Pohl. Am Ende sei es auch die persönliche Schiene, die Wellenlänge, die über eine konstruktive Zusammenarbeit entscheide.

„Es steht ein klassischer demokratischer Wechsel in Fritzlar an“, sagt Starke. Und das sei nach Jahrzehnten eine gute Entwicklung.

Die Koalition habe viele Ideen: Flächenfraß vermeiden, die Stadtteile mehr einbeziehen, als es bisher der Fall gewesen sei, die Belange der Bürger noch stärker in den Fokus rücken. „Nachhaltigkeit ist die große Überschrift“, fasst Pohl zusammen. „Neue Besen kehren gut – es ist ein altes Sprichwort, aber es passt.“

Doch auch, was die politische Zusammenarbeit betrifft, soll es einen Kulturwandel geben, betont Mario Jung. „Es muss wieder kompromissorientiert diskutiert werden.“ Zu beschließen, „dass Gras grün ist“, sei in diesen herausfordernden Zeiten mitten in der Coronakrise für keine der Fraktionen im Parlament sinnvoll.

Ob es schwierig sei, die Unterschiedlichkeit dreier Fraktionen in eine Linie zu bringen? „Ganz ehrlich? Nein. Wir haben in unserem ersten Gespräch festgestellt, dass es ein gegenseitiges Befruchten ist“, sagt der Vorsitzende der Freien Wähler. „Es fühlt sich einfach frisch an“, bestätigt auch Starke von den Grünen. Mit Problemen rechne daher keiner.

Übrigens auch nicht mit Blick auf Bürgermeister Hartmut Spogat, der der CDU angehört. „Er ist der direkt gewählte Bürgermeister. Wir sind bereit, auf Augenhöhe mit ihm zusammenzuarbeiten“, betont Jung.

Aus der Opposition herauszutreten, sei nicht immer einfach, das sei den drei Fraktionen klar. Dennoch seien sie voller Tatendrang: „Diese Koalition ist eine Einladung zum Mitmachen“, so Jung. Und das gelte sowohl für die Bürger als auch für alle Mandatsträger im Fritzlarer Parlament. (Daria Neu)

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