Nicht alle wollen neuen Dreh

Meinungen zum Fritzlarer Museum gehen auseinander - Vor allem Fluchtturm sorgt für Kritik

Tradition trifft Moderne: So unterschiedlich können benachbarte Gebäudefassaden sein.
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Tradition trifft Moderne: So unterschiedlich können benachbarte Gebäudefassaden sein.

Das Hochzeitshaus in Fritzlar nimmt weiter Formen an. Voraussichtlich Ende des Jahres soll das sanierte Museum eröffnet werden. Doch längst sind nicht alle Beteiligten mit der neuen Ausrichtung zufrieden.

Fritzlar – Auf mehr als 1000 Quadratmetern sollen Besucher in die Fritzlarer Stadtgeschichte eintauchen. Zuletzt haben Bauarbeiter den Fluchtturm, über den man im Krisenfall flüchtet und der außerdem einen barrierefreien Zugang ermöglicht, mit Sicherheitsglas verkleidet. „Es wird eines der modernsten Stadtmuseen in ganz Nordhessen“, sagt Bürgermeister Hartmut Spogat.

Dr. Johann-Henrich Schotten, ehemaliger wissenschaftlicher Leiter des Regionalmuseums, kritisiert, dass die Beständigkeit und bisherige Sammlungstätigkeit im neuen Museum nur eine untergeordnete Rolle spielen würden. Der Sinn eines Museums werde so ad absurdum geführt. Das Inventar, das er über Jahrzehnte mit aufgebaut und gepflegt habe, werde teilweise für überflüssig erklärt. Damit ist Schotten nicht einverstanden: „Da wurden archäologische Fachbücher einfach in die Tonne geworfen und vereinseigene Akten, Computer sowie wertvolle Dauerleihgaben durch den Hessischen Museumsverband verschwanden spurlos.“

Bürgermeister Spogat entgegnet, der Stiftungsvorstand habe ein neues und gutes Konzept in Abstimmung mit dem hessischen Museumsverband auf den Weg gebracht. Bestandteile des bisherigen Inventars blieben erhalten. Die Fritzlarer Geschichte habe jedoch so viele wichtige Themen zu bieten, dass nicht alle Exponate des alten Bestandes übernommen werden könnten.

Der Plan: Im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss werden Besucher die wissenschaftliche Sammlung vorfinden. Auf einer Ebene soll Platz für Sonderausstellungen sein. Außerdem entstehen dort ein Trauzimmer, ein 90 Quadratmeter großer Raum für Gäste sowie ein weiterer Versammlungsraum. Versammlungen jeglicher Art seien selbstverständlich an die aktuell geltenden Coronaregeln anzupassen, sagt Spogat.

Doch auch abseits der Coronakrise hält Schotten Gesellschaftsräume dieses Umfangs in einem Museum für unpassend und zweckentfremdend. Zumal genügend solcher Räumlichkeiten in Fritzlar schon vorhanden seien. Zudem kritisiert er die Gestaltung des Renaissancesaales. „Das sieht mittlerweile aus wie in einem Krankenhaus.“ Ein wichtiges Gemälde, das restaurierte Fresco aus dem 16./17. Jahrhundert am Hochzeitszimmer, sei einfach weiß überstrichen worden. „Das kann nicht sein.“

Das Museum sei ursprünglich vom Ehrenamt geprägt gewesen, von wissenschaftlichem Interesse und von persönlicher Empathie, sagt Schotten. Nun würden viele parteipolitische Interessen eine Rolle spielen.

Und noch etwas geht dem 73-jährigen Geismarer, der Ur- und Frühgeschichte, mittelalterliche Geschichte und Geologie studiert hat, gegen den Strich: „Der Fluchtturm sieht aus wie ein großes Terrarium.“ Der Turm wirke wie ein Fremdkörper. Er hätte sich eine andere Lösung für einen barrierefreien Zugang gewünscht.

Spogat betont indes, der Turm sei bei der Sanierung unverzichtbar gewesen. „Dies war Vorgabe im Hinblick auf die Brandschutzauflagen des Landkreises.“ Ansonsten hätte man das Museum nur im Erdgeschoss öffnen dürfen. Ein zukunftsfähiges Museum im Hochzeitshaus funktioniere aber nur auf mehreren Etagen, sagt der Rathauschef. (Daria Neu und Peter Zerhau)

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