"Viele Menschen leben von 20 Euro pro Tag"

Die Schuldenkrise beschäftigt auch nach Deutschland ausgewanderte Griechen

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Panik vor Totalausfall: Viele Griechen warten wie hier in Athen in Schlangen vor den Banken, um ihr Geld abzuheben.

Fritzlar/Treysa. Die Krise in Griechenland spitzt sich zu: Seit Montag sind alle Banken im Land geschlossen. Wir haben Betroffene aus dem Landkreis nach ihrer Meinung gefragt.

Er atmet tief ein und dann ganz tief aus. „Mir tut jedes Wort weh“, sagt Athanasios Xanthopolidis. Das sei in den vergangenen Wochen immer so, wenn er über sein Heimatland berichten soll. Die wirtschaftliche Situation, in der Griechenland stecke, treibe viele Menschen - auch aus seinem Bekanntenkreis - in die Armut. „Das ist schlimm“, sagt der Besitzer des Restaurants Taverne Athos in Fritzlar. „Es ist eine unsichere Zeit für die Menschen. Sie wissen nicht, was morgen ist“, sagt Xanthopolidis.

Denkt oft an seine Heimat: Athanasios Xanthopolidis lebt in Fritzlar und ist in Gedanken seinem Heimatland verbunden. Foto: Zerhau

Seine Familie habe ihm am Telefon erzählt, dass die Leute bereits Lebensmittel auf Vorrat einkaufen. An einem Tag seien die Banken zu, am nächsten vielleicht die Geschäfte, so ihre Befürchtung. „Die Menschen sind verzweifelt“, so Xanthopolidi. „Viele leben von 20 Euro am Tag und haben mehrere Jobs.“

Das Festhalten vieler Griechen an der Regierung kommentiert der 55-Jährige so: „Sie sehen das als einzige Chance, diese Krise zu überstehen.“ Dabei versuche die Regierung zu retten, was nicht zu retten ist.

Sicher habe auch der griechische Premierminister Tsipras nicht immer richtig gehandelt, doch habe bereits die Vorgänger-Regierung Fehler gemacht, sagt Xanthopolidis, der die Berichterstattung über die Krise in den deutschen und den griechischen Medien verfolgt. „Die ist völlig unterschiedlich“, sagt er und schüttelt den Kopf. Klar sei jedenfalls, dass die Menschen mit mehr Einschränkungen rechnen müssten.

Xanthopolidis appelliert an die Deutschen, Griechenland touristisch nicht den Rücken zu kehren: „Es ist ein wunderschönes Urlaubsland und man hasst die Deutschen dort nicht.“ Er wünsche Griechenland, dass die Menschen dort endlich wieder zur Ruhe kommen. „Dass sie Arbeit haben und in eine normale Zukunft schauen können.“ Doch davon sei man meilenweit entfernt.

Lange Schlangen

Wolfgang Buck (67) aus Treysa lebt seit über 30 Jahren mit seiner Frau in Nikiti, auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki, und betreibt dort eine Appartement-Anlage. „Bei uns auf dem Land ist es friedlich und den Griechen hier geht es ganz gut“, sagt Buck. Erzählungen aus Städten wie Athen würden andere Eindrücke vermitteln. Der 67-Jährige habe gehört, dass sich dort lange Schlangen vor Bankautomaten bildeten und die Menschen besonders viel in den Supermärkten einkaufen und sogar Benzin horten würden. Ihm zufolge sei es gut, dass die Griechen nicht ihr ganzes Geld abholen können, da die Wirtschaft ansonsten noch mehr in die Krise getrieben werde. „Es ist unmöglich, dass viele versuchen, ihre Konten leer zu räumen. Ich denke, dass die griechischen Medien die gesamte Situation aber hochspielen“, sagt Buck.

Die Abstimmung zum Sparkurs hält Buck für zu spät. Die Regierung zocke bis zum Letzten. Er sehe die Ansprüche Griechenlands an die EU kritisch, da Länder wie Spanien schließlich auch während ihrer Krise gespart hätten.

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