Ein Ordner voller Absagen

Abschluss mit Mitte 40: Ilona Scholz findet nach Wirtschaftsstudium keinen Job

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Verzweifelt: Ilona Scholz ist nach ihrem Studium seit eineinhalb Jahren auf Jobsuche.

Fritzlar. Immer wieder ist von Fachkräftemangel und nicht ausreichend qualifizierten Bewerbern die Rede. Ilona Scholz kann darüber nur den Kopf schütteln.

Sie hatte es mit 37 Jahren noch einmal gewagt, das Abitur nachgeholt und Wirtschaft studiert. Seit ihrem Abschluss Anfang 2014 sucht sie einen Job. Die 47-Jährige hat mehr als 50 Bewerbungen geschrieben - ohne Erfolg.

„Mit diesen Voraussetzungen haben Sie keine Chance“, heißt es beim Arbeitsamt, als Ilona Scholz sich nach zwölf Jahren Familienpause entscheidet, wieder arbeiten zu gehen. Die Fritzlarerin ist gelernte Bekleidungsfertigerin, arbeitet aber nie in dem Beruf. Stattdessen sammelt sie Erfahrung in der Verwaltung eines Krankenhauses.

Scholz nimmt nach dem Besuch beim Arbeitsamt ihr Schicksal in die Hand und entscheidet sich für Schule und Studium. Es ist eine anstrengende Zeit. Die zweifache Mutter muss Ausbildung und Familienleben unter einen Hut bekommen. Unterstützung erhält sie von ihrem Mann, der oft von Zuhause aus arbeitet. Erst drei, später zwei Tage die Woche geht Scholz zur Universität Kassel. Sie lernt, fällt auch mal durch Prüfungen, gibt aber nicht auf. „Ich hatte immer das Ziel vor Augen“, sagt Scholz.

Und immer diesen einen Gedanken im Kopf: „Irgendwann habe ich das Studium geschafft und dann werde ich dafür belohnt.“ Anfang 2014 hält Ilona Scholz ihre Diplomurkunde in den Händen. Auf die Belohnung, eine passende Stelle, wartet sie seitdem. „Ich schreibe eine Bewerbung nach der anderen“, erklärt die 47-Jährige. Von mehr als 50 Bewerbungen bleiben fünf Vorstellungsgespräche und kein Job.

Ilona Scholz ist mit ihrer Familie gebunden, möchte am liebsten in der Region bleiben. Sie schraubt ihre Ansprüche herunter, will einfach eine Arbeit finden, die ihr Spaß macht. Aber auch das klappt nicht. Immer wieder hört sie, dass sie überqualifiziert sei.

Der Druck steigt 

Mit jeder Bewerbung schwindet bei der Diplom-Ökonomin der Mut und steigt der Druck. Ilona Scholz nimmt die Absagen persönlich, sucht den Fehler bei sich. Habe ich etwas falsch gemacht? War die Bewerbung nicht gut genug? Die Sorge, keinen Job zu finden, macht der Mutter von zwei 17- und 22-Jahre alten Söhnen zu schaffen. „Wenn es noch länger dauert, will einen gar keiner mehr“, fürchtet sie. Ilona Scholz „weiß nicht mehr, was sie machen soll.“

Kraft findet sie in ihren Ehrenämtern. Sie ist Kirchenvorsteherin und Vorstandsmitglied der ökumenischen Sozialstation. „Dort sehe ich, dass ich gebraucht werde“, erklärt Ilona Scholz das gute Gefühl. Durch ihre Ehrenämter bekomme sie viel zurück. Mitte dieser Woche schöpft Ilona Scholz neue Hoffnung. Eine Fritzlarer Firma braucht für die nächsten sechs Monate Unterstützung in der Personalabteilung und hat sich für Scholz entschieden. „Ich freue mich einfach, eine Chance zu bekommen und zeigen zu können, was ich kann“, sagt Scholz.

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