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Pfarrerin über Einsamkeit an Weihnachten: „Vermissen tut weh“

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Von: Maja Yüce

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Das Gefühl von Einsamkeit kann dann besonders groß sein, wenn sich überall Menschen zum Feiern treffen. Denn das Weihnachtsfest ist ein hoch emotionalisiertes Familienfest.
Das Gefühl von Einsamkeit kann dann besonders groß sein, wenn sich überall Menschen zum Feiern treffen. Denn das Weihnachtsfest ist ein hoch emotionalisiertes Familienfest. © Christin Klose/dpa

Fritzlar-Homberg – Weihnachten ist für viele Menschen das Fest der Familie. Doch können der Tod eines geliebten Menschen, eine Trennung, Krankheit oder auch Streit in der Familie dafür sorgen, dass es schwerfällt, in Weihnachtsstimmung zu kommen. Das Gefühl der Einsamkeit ist dann an den Feiertagen besonders groß. Pfarrerin Doreen Göbel aus Wernswig spricht im Interview darüber, was hilft, wenn der Kummer groß ist.

Was sind es für Sorgen, die die Menschen an Weihnachten haben?

Die Sorgen der Menschen vor Weihnachten sind sicher vielfältig: die gestiegenen Energiepreise, unerfüllte Weihnachtswünsche der Kinder, Angst vor Streit, wenn die Familie zusammenkommt, Angst vorm Alleinsein. Aber wer einen Abschied erlebt hat, einen Menschen schmerzlich vermisst, für den kann Weihnachten richtig beängstigend sein.

Weihnachten ohne das geliebte Gegenüber: Wie kann das gehen?

Da ist die große Angst, allein zu sein, aber auch die Angst zu feiern, als sei alles gut. Da ist die Angst, dass unter dem Weihnachtsbaum die große Trauer wieder über mir zusammenschlägt und die Kinder sollen doch ein schönes Fest haben. Ängste sind vielfältig und sie alle haben ihre Berechtigung.

Warum verstärkt sich das Gefühl der Einsamkeit an Weihnachten so sehr?

Weihnachten ist traditionell immer auch das Fest der Familie. Überall kommen Menschen zusammen, sitzen lachend am Tisch, teilen Zeit. Die Bilder, die uns an Weihnachten vor Augen stehen, sind die eines schön geschmückten Wohnzimmers mit Weihnachtsbaum, Kerzen, lachenden Kindern und schöner Musik. Bei vielen sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Aber die Bilder teilen die wenigsten.

So bleibt die Sehnsucht im Herzen, auch selbst diese heile Welt an Weihnachten zu erleben, wo wir uns sicher und geborgen fühlen. Und wer einen Menschen vermisst, der weiß: Nichts ist mehr heil und sicher. Ganz egal, ob dieser gestorben ist oder uns verlassen hat. Vielleicht brach der Kontakt nach einem Streit ab, vielleicht hat man sich auseinandergelebt: Es bleibt die Sehnsucht danach, dass die vertraute Welt wieder heil ist.

Was raten Sie einsamen Menschen? Was können sie selbst gegen dieses Gefühl tun?

Hören Sie in sich hinein und fragen sich mal ganz bewusst: Was tut mir dieses Jahr zu Weihnachten gut? Ein Spaziergang? Ein Besuch bei Freunden und Familie? Ein Konzertbesuch und anschließend ins Restaurant? Ablenkung kann guttun, aber das muss jeder für sich entscheiden.

Manchmal brauchen wir Zeit für uns. Dann ist auch das gut und richtig. Wo wir aber unfreiwillig allein sind, uns einsam fühlen, tut es uns nicht gut. Darum reden Sie offen darüber: mit Freunden, Familie, ihrem Pfarrer oder ihrer Pfarrerin. Besuchen Sie die Gottesdienste. Wenn Ihnen kein Weihnachtslied über die Lippen geht – auch gut. Andere singen und beten für Sie mit.

Wie kann man Menschen, die einen Verlust erfahren haben, gerade vor und an Weihnachten auffangen?

Indem wir sie nicht allein lassen und genau hinhören, was ihnen Weihnachten guttut. Und wenn sie keinen Besuch haben wollen, vielleicht mit einem lieben Gruß vor der Tür überraschen oder einem Anruf. Damit zeigen: Ich bin für dich da. Ich hab dich nicht vergessen. Ich höre dir zu.

Und wird das Gefühl der Einsamkeit mit der Zeit weniger?

Manche denken, der Verlust sei doch nicht mehr so schwer, weil es „bereits vor Monaten“ gewesen ist. Aber das erste Weihnachten nach einem Abschied ist immer schwer. Eben weil es ganz anders ist. Und unser Herz das geliebte Gegenüber so sehr vermisst. Darum braucht es gerade zu Weihnachten Menschen wie Engel, die einfach da sind, zuhören, einladen, umarmen, den anderen spüren lassen: Du bist nicht allein.

Wie kann man den Tag gestalten, falls man an Weihnachten zum ersten Mal allein ist?

Mein Vater verstarb ganz unerwartet zwei Monate vor Weihnachten mit 58 Jahren. Meine jüngste Schwester war damals erst 14 Jahre alt. Dieses Weihnachtsfest war für uns alle eine Herausforderung. Papas Platz war leer und wir versuchten, einen Weg zu finden, damit es dennoch für alle gut ist. Es war das erste Weihnachten ohne den Gänsebraten meiner Mutter. Wir sind Essen gegangen. Bereits vor Weihnachten haben wir das Friedenslicht auf sein Grab gebracht. Dieses Licht hatte immer eine besondere Bedeutung für ihn.

Können Bräuche in dieser Zeit weiterhelfen?

Wir haben einen Brauch für uns entdeckt, der auf die Familie Bonhoeffer zurückgeht. Nachdem Sohn Walter 1918 an der Westfront gefallen war, schnitten die Eltern vom bereits geschmückten Weihnachtsbaum einen Zweig ab und legten ihn mit Kerze und Weihnachtsschmuck auf sein Grab. Der Baum selbst bekam dadurch natürlich eine sichtbare Lücke. Sie stand für den großen Verlust, war aber zugleich ein Zeichen: Du bist nicht vergessen. Auch wir haben einen solchen Zweig auf das Grab unseres Vaters gelegt. Das hat uns damals gutgetan.

Wie kann der Schmerz gelindert werden?

Der Schmerz ist da. Der lässt sich nicht wegpusten oder kleinreden. Und gerade das erste Weihnachten nach einem schmerzhaften Abschied tut einfach weh. Und manchmal sind da auch Wut und Schuldgefühle, weil eine Beziehung abgebrochen ist durch Streit oder Versäumnis. Gleichwie: Vermissen tut weh. Und gehört zur Liebe dazu.

Dennoch: Was kann dabei helfen, den Schmerz über den Verlust besser auszuhalten?

Es hilft den Schmerz zu teilen, über den Verlust zu reden, sich zu erinnern. Gemeinsam. Das waren ihre Lieblingsplätzchen. Wisst ihr noch, wie er sich das neue Hemd am Weihnachtsbaum versengt hat? Bei dem Lied hat sie immer geweint. Fröhliche und traurige Erinnerungen miteinander teilen, Lachen und Weinen zulassen, all das kann schwere Herzen erleichtern. Und wo wir niemanden haben, der mit uns lacht oder weint: Gott hört zu. Und weint mit uns. Und lacht mit uns. Sitzt neben uns, hält uns im Arm und flüstert leise: Fürchte dich nicht, ich bin da!

Was sollte man für einen guten Verlauf der Feiertage sonst noch beachten?

Weniger ist mehr. Vergessen wir nicht: Gott kam in einem Stall zu Welt. Die Eltern völlig überfordert und obdachlos. Die ersten Besucher ein paar arme Hirten, die nirgends wirklich willkommen waren. Das erste Weihnachten war alles andere als perfekt. Und genau da war Gott. Mittendrin. In all den Ängsten und Zweifeln und dem, was nicht heil war. Eben das ist Weihnachten. Wir sollten mutiger sein: weniger Gehetze und Vorbereitung, mehr Zeit füreinander und für die Menschen, die uns nahestehen. Zeit, für das, was mir guttut und mehr Zeit für Gott und seinen Geburtstag.

Es ist die Zeit der Wünsche, aber oft auch der Enttäuschungen ...

Wo wir weniger Energie dahineinstecken, dass Weihnachten irgendwelche Erwartungen erfüllen soll, gibt es weniger Enttäuschungen. Das gilt auch für unseren Umgang mit Trauernden und Verlassenen: Es ist nicht gut, wenn wir sie mit unseren Vorstellungen davon überfahren, was ihnen jetzt vermeintlich guttut. Trauernde sind sehr sensibel. Sie spüren, was sie jetzt brauchen. Daher ist es das Beste, einfach genau zuzuhören und gemeinsam einen Weg zu finden, wie es in diesem Jahr Weihnachten werden kann.
(Maja Yüce)

Rituale können guttun: ein Friedenslicht für das Grab eines verstorbenen Menschen.
Rituale können guttun: ein Friedenslicht für das Grab eines verstorbenen Menschen. © Patrick Pleul/dpa

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