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Rettung in letzter Sekunde: Falkenberger Verein evakuiert Menschen mit Behinderung aus der Ukraine

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Von: Daniel Seeger

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Bei den regelmäßigen Fahrten evakuiert der Verein Hoffnung für Dich Menschen mit Behinderung aus der Ukraine.
Bei den regelmäßigen Fahrten evakuiert der Verein Hoffnung für Dich Menschen mit Behinderung aus der Ukraine. © Hoffnung für Dich

Durch den Anstoß einer Fritzlarerin und das Engagement eines Waberner Vereins konnte eine schwerkranke Frau aus der Ukraine evakuiert werden. Die Rettung kam genau zur richtigen Zeit.

Fritzlar/Falkenberg – „Ich bin unglaublich dankbar, dass alles so funktioniert hat“, sagt Elisabeth Orth. Die Fritzlarerin hatte sich per E-Mail mit einem Hilfegesuch an den Waberner Verein Hoffnung für Dich gewandt, der momentan Menschen mit Behinderung aus der Ukraine evakuiert – und damit eine ganze Kette an Ereignissen ausgelöst.

Doch von vorn: Bei Orths Familie wohnt derzeit Inna Blazhkova. Die Ukrainerin floh mit ihren Kindern vor dem Krieg in ihrem Heimatland. Ihren Mann musste sie zurücklassen. In Gesprächen mit der Ukrainerin erfuhr Orth, dass Blazhkova eine Freundin, die schwer an Multipler Sklerose (MS) erkrankt ist, in der ostukrainischen Stadt Charkiv hat. Inna Loboyko und ihr Mann Roman Zhitkov saßen in Charkiv fest und waren dringend auf Hilfe angewiesen. „Die Situation vor Ort war schlimm. Es gab keine medizinische Versorgung und das Stromnetz war zeitweise zusammengebrochen“, sagt Orth über die dortige Lage.

Fritzlarerin wurde durch HNA-Bericht auf Verein aufmerksam

Durch einen Bericht in der HNA wurde die Fritzlarerin auf die Aktivitäten des Vereins „Hoffnung für Dich“ aus Falkenberg aufmerksam – und wandte sich per E-Mail an den Vorstand. „Keine 24 Stunden später hatte ich eine Rückmeldung“, sagt Orth. Über Kontakte vor Ort gelang es dem Verein, Inna Loboyko und Roman Zhitkov. aus Charkiv in die Westukraine zu holen. Dort, in der Stadt Luzk, rund 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, befindet sich das Agape-Zentrum. Dieses kümmert sich seit 2016 um Menschen mit Behinderung und ist ein wichtiger Partner für Hoffnung für Dich.

Sind froh, endlich in Sicherheit zu sein: Inna Loboyko und Roman Zhitkov. Loboyko ist schwer an MS erkrankt und auf Hilfe angewiesen.
Sind froh, endlich in Sicherheit zu sein: Inna Loboyko und Roman Zhitkov. Loboyko ist schwer an MS erkrankt und auf Hilfe angewiesen. © Privat

Verein evakuiert 40 bis 60 Menschen pro Fahrt aus der Ukraine

„Das Zentrum ist unser Anlaufpunkt für Hilfsfahrten in die Ukraine“, sagt German Karatsev. Normalerweise ist er als pädagogischer Bereichsleiter in der Drogenhilfe bei Hoffnung für Dich tätig – doch momentan kümmert er sich zusammen mit Axel Ermke und einigen anderen Kollegen vor allem um die Fahrten in die Ukraine. „40 bis 60 Menschen nehmen wir jedes Mal mit. Das ist eine große Verantwortung.“ Die Evakuierungen von Hoffnung für Dich begannen im Februar. Drei bis vier Tage dauern die Fahrten jeweils. Mittlerweile hat der Verein laut eigener Aussage rund 400 Menschen aus der Ukraine gerettet.

Im Fall von Inna Loboyko und Roman Zhitkov kam die Hilfe genau zur rechten Zeit. „Es war tatsächlich eine Rettung in letzter Sekunde“, berichtet Orth. Denn nur einen Tag nachdem das Paar die Wohnung in Charkiv verlassen hatte, wurde das Haus von einer russischen Bombe getroffen. Gut möglich, dass die beiden diesen Angriff nicht überlebt hätten.

Solche Geschichten machen Mut.

Marcus Birkelbach (Vorstand)

Auch Vorstandsmitglied Marcus Birkelbach freut sich über den positiven Ausgang der Aktion: „Solche Geschichten machen Mut“, sagt er. Das sieht auch German Karatsev so: „Wenn ich zurückblicke, ist die Freude über das Erreichte sehr groß.“ Das Engagement könne jedoch nur in dieser Form funktionieren, weil ihn seine Kollegen bei Hoffnung für Dich tatkräftig unterstützen. Denn seine tägliche Arbeit bei der Drogenhilfe falle weiter an.

Mit leeren Händen kommen die engagierten Helfer übrigens nie in die Ukraine. „Der Bus ist voll, wenn wir losfahren“, sagt Ermke. „Wir benötigen derzeit dringend Konserven mit Fertiggerichten.“ Aber auch an Sommerbekleidung, Inkontinenzmaterial und Hygieneartikeln gebe es Bedarf.

Auch während der Rückfahrt ist viel Flexibilität erforderlich. „Es kann passieren, dass sich unser Fahrtziel auch kurzfristig ändert“, sagt Ermke. Nicht nur in Deutschland werden die Menschen untergebracht, sondern beispielsweise auch in Polen oder in der Schweiz. „Unser Ziel ist es, dass Gruppen möglichst zusammenbleiben können.“ Die Suche nach Unterkünften sei eine große Herausforderung.

Rettung aus der Ukraine: Lichtenau unterstützte Hoffnung für Dich

Zuletzt profitierte Hoffnung für Dich auch von der Unterstützung durch den Verein Lichtenau. Der diakonische Verbund von Medizin, Rehabilitation und Pflege betreibt eine der größten deutschen Fachkliniken für Orthopädie und stellt zahlreiche Angebote für Menschen mit Behinderung. Lichtenau stellte einen Bus zur Verfügung. Das Besondere an dem Fahrzeug: Es ist behindertengerecht, verfügt über einen Lift und Plätze speziell für Rollstuhlfahrer.

Inna Loboyko und Roman Zhitkov befinden sich nun nach einem Zwischenstopp in Polen in Dresden. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass eine einzige E-Mail so viel bewirken kann“, sagt Orth im HNA-Gespräch. „Darüber habe ich mich so sehr gefreut.“

Wer den Verein Hoffnung für Dich unterstützen möchte, kann sich unter Tel. 05683/99800 melden. Weitere Informationen unter hoffnung-fuer-dich.de.

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