Es droht ein Mangel

Zahl der Tierärzte sinkt: Gleichzeitig steigt Arbeitsvolumen der Veterinäre im Landkreis

Viele Tierarztpraxen im Landkreis haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht: Hunde und andere Haustiere müssen hin und wieder geimpft werden.
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Viele Tierarztpraxen im Landkreis haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht: Hunde und andere Haustiere müssen hin und wieder geimpft werden.

Viele Tierärzte auf dem Land arbeiten am Limit. Die Zahl der Haustiere steigt, die der Tierärzte sinkt - auch im Schwalm-Eder-Kreis. Im ländlichen Raum droht ein Tierärztemangel.

Für Tierhalter im Landkreis könnte es künftig schwerer werden, bei einem Notfall am Abend oder am Wochenende einen Tierarzt zu finden. Einen drohenden Mangel, speziell für Nutztiere auf dem Land, befürchtet der Präsident der Landestierärztekammer Hessen, Ingo Stammberger.

Schon jetzt haben die meisten Tierärzte im Schwalm-Eder-Kreis viel zu tun. „Die meisten Kollegen arbeiten weit über ihre normalen Praxiszeiten hinaus, um die Grundversorgung zu sichern“, sagt Tierärztin Dr. Carmen Hufnagel aus Melsungen. Die Kapazität vieler Praxen und Kliniken sei bereits erschöpft.

Tierärzte auf dem Land arbeiten oft am Limit

Christian Schwering, Tierarzt aus Fritzlar, behandelt vor allem Klein- und Heimtiere sowie Reptilien. „Wir sind sehr gut ausgelastet“, sagt er. Es könne durchaus sein, dass Tierbesitzer drei Tage bis eine Woche auf einen Termin für warten müssten. „Notfälle versuchen wir irgendwie reinzukriegen.“ Der OP-Plan sei voll, deshalb könne es bis zu drei Wochen dauern, bis eine Katze kastriert werde. „Manchmal müssen wir auch Leute wegschicken und sagen: Gehen Sie bitte in die Tierklinik.“

Vor allem an den Wochenenden gebe es einen Ansturm, sagt Schwering, der zusammen mit der Praxis Dr. Matthes in Bad Wildungen 24-Stunden-Notdienste anbietet. Dazu seien nur noch wenige Tierärzte bereit. Tierärztin Bettina Mangold, die in der Waberner Nutztierpraxis Am Reiherwald arbeitet, berichtet, dass es schwierig sei, bei den nicht familienfreundlichen Arbeitszeiten und körperlich anstrengenden Arbeitsbedingungen Angestellte für die Praxis zu finden.

Zahl der Tierarztpraxen im Schwalm-Eder-Kreis ist rückläufig

27 Tierarztpraxen gibt es im Schwalm-Eder-Kreis. „Die Entwicklung ist rückläufig“, sagt Stephan Bürger, Pressesprecher des Landkreises. Zur genauen Zahl der offenen Tierarztstellen könne er keine Angaben machen. Besonders gesucht seien jedoch Assistenzkräfte.

Auch das Veterinäramt spürt den Rückgang bei Tierärzten. „Es ist zu beobachten, dass die Anzahl an Bewerbungen bei Stellenausschreibungen für Veterinäre im Öffentlichen Dienst zurückgegangen ist. Grundsätzlich sind solche Stellen aber noch immer attraktiv“, so Bürger.

Zu wenig Uniabsolventen in Tierarztpraxen

„Wir bilden an den Universitäten ausreichend Tierärztinnen und Tierärzte aus, aber in der Praxis kommen zu wenig an“, sagt Dr. Siegfried Moder, Präsident des Bundesverbands praktizierender Tierärzte. Ein Viertel der Uniabsolventen arbeite niemals in der kurativen Tierarztpraxis. Ein weiterer Teil kehre nach der Baby-Pause nicht zurück. Besonders betroffen vom Tierarztmangel seien der ländliche Raum und strukturschwache Regionen. chr

Die niedergelassenen Tierärzte arbeiteten weit über das normale Maß hinaus

Die Anzahl der Patienten pro Tierarzt ist gestiegen, bedingt durch immer weniger Tierärzte und mehr Tierhaltung, berichtet Dr. Carmen Hufnagel aus Melsungen. „Tierärzte, die in Rente gehen oder sterben, werden oft nicht mehr ersetzt, weil es zu wenige junge Tierärzte gibt.“ Dies betreffe sowohl Einzelpraxen als auch Kliniken. Die Folge:

Die niedergelassenen Tierärzte arbeiteten weit über das normale Maß hinaus. „Wir sprechen hier von oft deutlich mehr als 60 bis 70 Stunden pro Woche“, sagt Hufnagel.

Deutschlandweit würden viele Tierkliniken ihren Klinikstatus abgeben, weil sie die dafür geforderte 24-Stunden-Notdienstbereitschaft an 365 Tagen im Jahr durch Personalmangel nicht mehr leisten können. Auch Notfälle, die klinisch versorgt werden müssen, sind laut Hufnagel schwieriger zu überweisen.

Tierärzte setzen zunehmend auf Terminsprechstunde

In den Praxen könne aufgrund der hohen Belastung nicht jeder Tierbesitzer sofort einen Termin bekommen. „Es ist zwingend notwendig, egal ob Praxis oder Klinik, egal ob normales Problem oder wirklicher Notfall, erst telefonisch einen Termin zu vereinbaren. Wer einfach vor der Türe steht, kann meist nicht spontan dazwischen geschoben werden, dafür gibt es keine Zeitfenster mehr“, sagt Hufnagel. Deshalb werde zunehmend mit Terminsprechstunde gearbeitet, um allen möglichst gerecht zu werden. Aber auch diese Kapazitäten seien irgendwann erschöpft und deshalb müsste bei akuten Fällen teilweise an andere Kollegen verwiesen werden.

„Nicht jeder hat Verständnis für die aktuelle Situation“, sagt Hufnagel. Die Anzahl der respektlosen Anrufe habe zugenommen, nicht nur in ihrer Praxis, sondern auch bei den Kollegen. „Aufgrund der hohen Kapazitätsauslastung sind derzeit manchmal auch mehr Bemühungen der Patientenbesitzer nötig, das heißt, längere Fahrzeiten und auch mal die Nachfrage bei mehr als einem Kollegen, wir haben alle auch nur zwei Hände.“ Gegebenenfalls müsse ein Tierbesitzer auch größere Strecken fahren, damit sein Tier auch außerhalb der normalen Zeiten versorgt werden kann. „Diesen Einsatz für seine Tiere sollte man aber erwarten dürfen“, sagt Hufnagel.

Zahl der Nutztiere ist im Gegensatz zur Zahl der Haustiere rückläufig

Dr. Klaus Pfannes von der Waberner Tierarztpraxis Am Reiherwald, befindet sich in einer anderen Situation als Hufnagel. Pfannes und seine sechs Mitarbeiter, fünf davon in Teilzeit, behandeln Kühe, Schweine, Ziegen und Schafe. „In einer Nutztierpraxis Teilzeit zu arbeiten, ist schwierig“, sagt die für Pfannes tätige Tierärztin Bettina Mangold. Termine auf den Höfen dauerten meist länger als zunächst angenommen. „Dann schafft man es nicht immer, die Kinder pünktlich von der Kita abzuholen.“

Schwierig für Pfannes war es, Angestellte für seine Praxis zu finden. Denn Nordhessen sei bei möglichen Kandidaten für Großtierpraxen nicht sonderlich gefragt. „Viele wollen ans Meer oder ins Allgäu.“ Die fünf bei ihm in Teilzeit beschäftigten Ärztinnen stammen aus dem Landkreis. „Im Moment kommen wir mit der Arbeit klar“, sagt Pfannes. Bei ihm fahren die Tierhalter nicht in seine Praxis, sondern er und sein Team auf die Höfe. „Bis um 8 Uhr müssen alle angerufen haben, dann werden die Touren erstellt und wir fahren raus.“ Doch die Nutztierhaltung ist rückläufig. Gründe dafür seien Haltungs- und Preisdiskussionen. Pfannes hofft, dass es noch eine Weile genug Arbeit für sein Team gibt. (Christina Zapf)

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