1. Startseite
  2. Lokales
  3. Fritzlar-Homberg
  4. Fritzlar

Seniorenzentren von steigenden Energiepreisen betroffen

Erstellt:

Von: Daniel Seeger, Kerim Eskalen, Cora Zinn

Kommentare

 Seniorenheim Blumenhain in Borken
Auch das Seniorenheim Blumenhain in Borken ist von den steigenden Energiepreisen betroffen. © Peter Zerhau

Die steigenden Energiepreise setzen viele soziale Einrichtungen wie beispielsweise Seniorenheime im Kreisteil Fritzlar-Homberg unter Druck.

Fritzlar-Homberg – Die seit September geltenden Raumtemperaturen von 19 Grad für Büroräume gelten in Altenheimen nicht. So dürfen die Zimmer der Senioren zwar mehr als 19 Grad haben, aber deren Flure sollen laut der Verordnung zur Sicherung der Energieversorgung nicht geheizt werden.

Florian Debes, Geschäftsführer des Alten- und Pflegeheims Blumenhain in Borken, unterstützt die Ausnahme bei den Seniorenheimen: „Eine Runterregelung der Temperatur ist bei Pflegebedürftigen und alten Menschen nicht möglich, da sie ein anderes Wärmeempfinden haben“, sagt er. Statt Wärmeeinsparungen habe man versucht, mit LED-Lampen Energie zu sparen. Neben den Heizproblemen sieht er eher das Problem der Kostenumwälzungen auf die Heimbewohner: „Noch haben wir Verträge für Öl und Gas“, sagt Debes. „Unser Budget wird aber in den einjährigen Pflegesätzen festgelegt. Wir erwarten, dass die nicht ausreichen und wir die Zusatzkosten an die Bewohner weitergeben müssen. Unsere Rücklagen reichen dafür nicht.“

Die Häuser der Awo Nordhessen, von denen sich vier in Homberg, Bad Zwesten, Niedenstein und Wabern befinden, werden laut Pressesprecherin Sigrid Wieder mit Gas und Pellets beheizt. „Die Awo Nordhessen hat sich intensiv mit praxistauglichen Möglichkeiten zum maßvollen Umgang mit Energie beschäftigt und Vorbereitungen getroffen“, sagt Wieder auf HNA-Anfrage. Dazu zählten neben Verhaltensmaßnahmen wie dem regelmäßigen Stoßlüften bei gedrosselten Heizungen auch der Einsatz von effizienteren Thermostaten.

Seniorenzentren sind eine Ausnahme

Seit dem 1. September gelten strikte Vorgaben zum Energiesparen: Die gibt die sogenannte „Verordnung zur Sicherung der Energieversorgung durch kurzfristig wirksame Maßnahmen (EnSikuMaV)“ vor. Unter anderem dürfen öffentliche Gebäude nur noch bis maximal 19 Grad beheizt werden. Ausnahmen gibt es für Pflegeeinrichtungen, Kliniken und weiteren Einrichtungen, bei denen die Gesundheit der Menschen aufrecht erhalten werden muss. 

Die Dynamik der gestiegenen Energiekosten sei zu groß – sprich: Die derzeitigen Pflegesätze können die gestiegenen Gaspreise nicht auffangen. „Die Finanzierung der Kosten reicht nicht und belässt die Restfinanzierung mit steigender Tendenz bei den Angehörigen beziehungsweise bei den Kommunen, wenn die Sozialhilfe einspringen muss“, so Wieder.

Hier sei der Bund gefordert, finanziell zu unterstützen – sodass auch die Angehörigen der Heimbewohner entlastet werden. Sigrid Wieder von Awo Nordhessen fordert: „Der geplante Rettungsschirm für soziale Einrichtungen muss dringend ausgestaltet werden, um die Kosten nicht vollends auf die Bewohner umlegen zu müssen.“

Energiepreise sorgen in Pflegeeinrichtungen für Unsicherheit

Auch ihnen stehen finanziell unsichere Zeiten bevor: Die Seniorenzentren aus dem Kreisteil Fritzlar-Homberg bereiten sich wegen der immens steigenden Gaspreise auf einen harten Winter vor. Wir haben uns exemplarisch bei drei Seniorenheimen in Borken, Fritzlar und Gudensberg umgehört.

Energiepreise in Seniorenheimen: Borken

„Das Budget, das den Pflegeheimen zur Verfügung steht, wird in den Pflegesätzen festgelegt“, erklärt Florian Debes, Geschäftsführer des Alten- und Pflegeheims Blumenhain in Borken. Die Pflegesätze laufen in der Regel am Ende eines Jahres aus und werden dann neu festgesetzt. Doch bereits jetzt reiche das Geld für das Heim nicht mehr aus, so Debes. „Wir müssen vieles aus unseren eigenen Rücklagen zahlen“, sagt er. Für das Borkener Heim sei die Doppelbelastung bezüglich der Kosten enorm.

Die Pflegereform, gekoppelt mit den steigenden Energiekosten, werde zu einem großen Problem, denn die Kosten müssten auf die Heimbewohner umgewälzt werden: „Bereits jetzt haben wir Mehrkosten von 400 Euro pro Heimbewohner durch die Reform“, berichtet Debes. „Das wird mit den neuen Pflegesätzen weiter ansteigen, denn wir rechnen nicht damit, dass uns viel mehr Geld bereitgestellt wird, eher mit dem Gegenteil.“ Er fordere von der Politik klare Lösungsvorschläge, denn die Zahl der Anträge auf Sozialhilfe seien schon jetzt gestiegen. Debes erwartet, dass viele Familien auf die hauseigene Pflege umstellen werden, weil die Unterbringung im Heim für viele auf Dauer zu teuer werde.

Energiepreise in Seniorenheimen: Fritzlar

„Natürlich haben wir uns bereits informiert, was da auf uns zukommen könnte,“, sagt Barbara Robert, Geschäftsführerin der Vita Comunis gGmbH, die Trägerin des Fritzlarer St. Elisabeth Seniorenstifts ist. Die Einrichtung habe zwar langfristige Verträge für die Energieversorgung abgeschlossen, doch die laufen am Jahresende aus. „Die aktuellen Berechnungen sind mehr als ernüchternd“, sagt Robert. Die Einrichtung gehe von einer Verdreifachung des Strompreises sowie einer Vervierfachung des Gaspreises aus. Doch diese Zahlen können sich noch deutlich ändern. „Das sind Steigerungen, die wir allein durch Einsparungen nicht kompensieren können“, so die Geschäftsführerin. Zumal man alte und kranke Menschen betreue und diesen nicht einfach so die Heizung abdrehen könne.

Sofort weitergeben könnten Pflegeeinrichtungen die Kosten auch nicht. Aber man werde versuchen, im Rahmen der Pflegesatzverhandlungen umzusetzen.

„Das ist nichts, was man gern macht, denn das trifft die Bewohner“, so Robert weiter. Doch bereits bei der vergangenen Kostenerhöhung wegen der seit dem 1. September verpflichtenden tariflichen Bezahlung der Pflegekräfte warte man noch auf eine Rückmeldung der Kostenträger.

Die gestiegenen Kosten müsse die Einrichtung derzeit vorfinanzieren. „Wenn dann die Genehmigungen kommen, gelten diese rückwirkend“, so Robert. Das werde für die Bewohner teils erhebliche Nachzahlungen bedeuten. „Ich habe im Moment wenig Hoffnung, dass wir zu einem Verfahren kommen, mit dem wir alle leben können“, sagt Robert. Sie fordert Planungssicherheit von staatlicher Seite. Denn: „Diesmal sind es Beträge in Größenordnungen, die sich viele nicht mehr leisten können.“

Der Gesetzgeber habe zwar einen Gaspreisdeckel und Unterstützung angekündigt, aber konkrete Konzepte für soziale Einrichtungen lägen derzeit nicht auf dem Tisch.

Energiepreise in Seniorenheimen: Gudensberg

Auch im Seniorenzentrum Eben-Ezer in Gudensberg steht man vor einem ungewissen Winter. „Wir heizen mit Gas“, sagt Leiterin Susanna Brüllke. Gerade bei Senioren sei es unmöglich, Temperaturen herunterzufahren: „Sie frieren schneller, weil sie sich nicht viel bewegen“, so Brüllke. Die Heimleiterin versuche derzeit, mit ihrem Technikteam Lösungen zu finden, wie und wo man einsparen könne, doch sehe sie da kaum Möglichkeiten. „Wir setzen uns demnächst mit verschiedenen Strom- und Gaslieferanten zusammen und schauen, was wir bewirken können“, sagt Susanna Brüllke.

Das Seniorenzentrum Eben-Ezer sei nicht auf Gewinnerzielung aus, doch wenn alle Kosten explodierten, kämen auf die Heimbewohner beziehungsweise die Angehörigen Kostensteigerungen zu, sagt sie. „Das ist leider kaum vermeidbar“, erklärt auch Brüllke. (Cora Zinn, Kerim Eskalen und Daniel Seeger)

Auch interessant

Kommentare