Erste Klinik im Landkreis

Fritzlarer Hospital bezahlt alle Pflegekräfte ab 2021 tariforientiert

Sie liebt ihren Job,doch ihr Alltag ist hart: Saskia Waas aus Wabern ist Gesundheits- und Krankenpflegerin im Fritzlarer Hospital.
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Sie liebt ihren Job,doch ihr Alltag ist hart: Saskia Waas aus Wabern ist Gesundheits- und Krankenpflegerin im Fritzlarer Hospital.

In den Krankenhäusern im Schwalm-Eder-Kreis herrscht ein regelrechter Wettbewerb um Pflegefachkräfte. Während Mitarbeiter und Betriebsräte der meisten Kliniken noch für mehr Gehalt und mehr Orientierung am Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) kämpfen, geht das Fritzlarer Hospital nun einen im Landkreis bislang einzigartigen Schritt: Die Geschäftsführung will alle Pflegekräfte der Klinik ab dem 1. Januar kommenden Jahres tariforientiert bezahlen.

Die Krankenhäuser im Landkreis sind privat und grundsätzlich nicht tarifgebunden. Dennoch setzt das Hospital zum Heiligen Geist auf Tariforientierung. Zukunftsfähige Investitionen, beispielsweise die neue Intensivstation, hätten diesen „mutigen Vorstoß“ möglich gemacht. „Die Pflege ist der limitierende Faktor der Zukunft in den Krankenhäusern“, sagt Dr. Sven Ricks, kaufmännischer Geschäftsführer. Laut Ricks ist eine angemessene Bezahlung der Pflege unerlässlich. Bereits das Pflegepersonalstärkungsgesetz, das seit diesem Jahr die Bezahlung einiger Mitarbeiter außerhalb der Fallpauschale möglich macht, habe den Ernst der Lage verdeutlicht.

Rune Hoffmann, Sprecher bei den Asklepios Kliniken, weist indes auf die duale Finanzierung von Krankenhäusern hin. „Wir sind nicht frei in der Preisgestaltung.“ In den Asklepios Kliniken werde „ortsüblich und angemessen“ bezahlt. Private Krankenhäuser seien gezwungen, auf Wirtschaftlichkeit zu achten. „Die Verluste von kommunalen Kliniken werden am Ende des Jahres ausgeglichen. Darauf können private Häuser nicht setzen.“

Der Betriebsratsvorsitzende der Asklepios Kliniken Schwalm-Eder, Klaus Bölling, fordert jedoch: „Es muss eine ordentliche Tarifierung geben.“ Es dürfe keine Verweigerung mehr geben, man müsse sich „mit verdi hinsetzen“ und über angemessene Gehälter sprechen. Es handele sich um einen massiv anstrengenden Job, der jedoch schlecht bezahlt sei. „Das ist eine sehr ungünstige Kombination.“ Jugendliche seien inzwischen nur schwer für das Berufsfeld zu begeistern.

Betriebsräte fordern faire Bezahlung

Das Fritzlarer Hospital ist eine von ihnen. Dass die Klinik ab dem kommenden Jahr alle Pflegekräfte orientiert am Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) bezahlen will, ist im Schwalm-Eder-Kreis einmalig.

„Unsere Investitionen machen zusätzliche Erlöse möglich“, sagt Dr. Sven Ricks. Dies sei die Chance, Pflegekräfte besser zu bezahlen. „Ausreichende Pflege ist die Zukunft“, sagt Ricks. „Wir sind gemeinnützig und investieren jeden verdienten Euro wieder in unsere Infrastruktur und unsere Mitarbeiter.“ Deshalb sei die Bezahlung auf TVöD-Niveau die einzig richtige und angemessene Lösung.

Rune Hoffmann rückt in der Gehaltsdebatte die Finanzierung von Krankenhäusern in den Fokus. Wirtschaftliches Arbeiten, darauf müsse geachtet werden. Mehr Gehalt sei also nur auf einem bestimmten Weg möglich, entweder über die Erhöhung der Fallpauschale oder über die Ausweitung des Pflegepersonalstärkungsgesetzes.

Das Refinanzierungssystem der Krankenhäuser ist laut auch laut Betriebsratsvorsitzendem Klaus Bölling ein Problem. Hohe Personalkosten bedeuten weniger Gewinn – das sei das Dilemma. Für die examinierten Pflegekräfte orientiert man sich laut Klaus Bölling auch bei Asklepios am TVöD. Für die anderen Veschäftigungsgruppen wie beispielsweise Pflegehilfen bleibe der Unterschied aber eklatant.

Auch Ricks sagt, es sei vor allen Dingen Folge der Politik, dass die Pflege dort steht, wo sie gerade steht. Geld für Investitionen, das eigentlich vom Land hätte kommen müssen, fehle. Nötige Neuerungen müssten also ebenfalls über die Fallpauschale bezahlt werden. Wesentlicher Gestaltungsraum bestehe dann nur bei dem Gehalt der Mitarbeiter und der Anzahl der Kräfte. „Das sind Einsparungen, die auf dem Rücken der Pflege passieren.“

Dem stimmt auch verdi-Gewerkschaftssekretär Frank Lange zu. „Wir fordern ein bedarfsgerechtes Refinanzierungssystem und bessere Personalbemessung.“ Außerdem lege verdi Wert darauf, dass die Beschäftigten einheitlich behandelt werden. „Alle tragen zu der Gesundheit des Menschen bei“, sagt Lange. Also sei auch bei allen ein angemessenes Gehalt erforderlich.

Im Schwalm-Eder-Kreis gibt es mit dem Fritzlarer Hospital, der Hartwald Klinik in Bad Zwesten und den Asklepios Kliniken zwar nur private Kliniken. Perspektivisch sei die Orientierung an dem geltenden Tarif nach TVöD-Niveau aber auch in diesem Bereich notwendig, um Mitarbeiter zu halten. „Applaudieren reicht nicht“, sagt Lange. Gerade in der Coronakrise sei die besondere Herausforderung des Berufs einmal mehr deutlich geworden.

Auch Götz Pfannkuche, Verwaltungsdirektor der Hartwaldklinik I in Bad Zwesten, sieht die Verantworung für die Bezahlung von Pflegekräften auf Seiten der Politik. „Pflegekräfte, die im Rehabilitationsbereich arbeiten, sind im Pflegepersonalstärkungsgesetz überhaupt nicht berücksichtigt.“ Hier sehe er Handlungsbedarf. Die Klinik sei derzeit mit dem Betriebsrat bezüglich einer Erhöhung der Gehälter in Verhandlung.

Nach Angaben von Hoffmann sind in diesem Jahr so viele Bewerbungen von jungen Menschen, die in den Pflegeberuf einsteigen wollen, eingegangen wie schon seit langer Zeit nicht mehr. „Der Pflegeberuf ist schön und abwechslungsreich.“ Oftmals werde er nur schlecht geredet und habe daher ein negatives Image.

Krankenhäuser werden dual finanziert

Die Krankenhäuser in Deutschland werden dual finanziert. Das heißt: Investitionen übernimmt das jeweilige Bundesland. Die gesetzlichen Krankenkassen finanzieren die laufenden Betriebskosten der Krankenhäuser. Um Pflegekräfte besser und unabhängig von Fallpauschalen (Form der Vergütung von Leistungen) zu bezahlen, trat in diesem Jahr das Pflegepersonalstärkungsgesetz in Kraft. Dieses Pflegebudget gilt aber nur für die examinierte Pflege am Bett.

Pflegekraft berichtet von ihrem Arbeitsalltag

Die Debatten zum Thema Bezahlung von Pflegekräften reißen vor allem seit Beginn der Coronakrise nicht ab. Unterschiedliche Haltungen, Meinungen und Argumente kursieren. Doch wie hart der Job wirklich ist, wissen nur diejenigen, die ihn täglich bewältigen. Saskia Waas aus Wabern arbeitet seit vier Jahren als Gesundheits- und Krankenpflegerin im Fritzlarer Hospital. Die 24-Jährige weiß genau, wovon sie spricht. Und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund.

„Es ist ein harter Job. Wir sind wenige, dafür gibt es aber viele kranke Menschen“, sagt Waas. Mit Worten lasse sich kaum beschreiben, welche Herausforderungen eine Pflegekraft jeden Tag meistern müsse. Ein offenes Ohr haben, Verbände wechseln, die Geräte im Blick behalten – all das sei nur ein Bruchteil der Aufgaben.

Waas führe ihren Beruf mit Leidenschaft aus. „Das Gute am Tag überwiegt.“ Viele Menschen seien dankbar und herzlich. Einige Patienten würden sie sogar noch lange nach der Entlassung aus dem Krankenhaus auf der Straße ansprechen oder anlächeln. Trotzdem gebe es auch schlimme Tage. Und die würden ihr und ihren Kollegen viel abverlangen. In der Pflege seien Kraft, emotionale Stärke und Stressresistenz gefragt. Waas ist auf der Intensivstation eingesetzt. „Wir sind hier häufig mit dem Thema Sterben und Tod konfrontiert.“ Einfach sei das nie.

Die 24-Jährige hat schon ihre Ausbildung am Hospital gemacht. Dafür habe sie sich bewusst entschieden. „Das wichtigste bei uns ist, dass wir uns im Team vollkommen aufeinander verlassen können und auch müssen. Ohne ein gutes Team funktioniert es eben nicht. Und das haben wir Gott sei Dank in meiner Abteilung.“

Dass gerade während der Coronakrise der Respekt gegenüber ihrem Berufsstand gestiegen sei, sehe die Gesundheits- und Krankenpflegerin grundsätzlich positiv, wendet aber ein: „Dass plötzlich alle anfangen zu klatschen, zahlt auch nicht meine Miete.“

Die bevorstehende bessere Bezahlung im Hospital halte sie daher für einen wichtigen und guten Schritt. „Wir wollen alle, dass das, was wir tun, auch anständig bezahlt wird.“ Was Pflege wirklich bedeute, das wüssten die wenigsten.

Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst in der Pflege

Ein Gesundheits- und Krankenpfleger im aktuellen TVöD wird je nach Berufsjahr etwa mit bis zu 3565 Euro monatlich bezahlt. Beschäftigte im Funktionsdienst bekommen pro Monat etwa 3730 Euro. Medizinische Fachangestellte können im TVöD mit bis zu 3100 Euro rechnen, eine Pflegehilfe mit bis zu 2940 Euro. Im Fritzlarer Hospital werden laut Dr. Sven Ricks im Laufe des kommenden Jahres sowohl alle Pflegekräfte als auch alle Mitarbeiter im Funktionsdienst und im nicht-medizinischen Bereich orientiert am TVöD bezahlt. (Daria Neu)

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