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Einige Lebensmittel werden Mangelware: Speiseöl-Tourismus im Supermarkt

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Von: Chantal Müller, Christina Zapf, Peter Zerhau, Daniel Seeger

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Von einigen Produkten ist fast nichts mehr da: Jolina Vaupel, Angestellte im Edekamarkt von Elke Dietrich-Schäfer in Fritzlar, vor einem Regal, in dem es nur noch wenige Nudeln zur Auswahl gibt.
Von einigen Produkten ist fast nichts mehr da: Jolina Vaupel, Angestellte im Edekamarkt von Elke Dietrich-Schäfer in Fritzlar, vor einem Regal, in dem es nur noch wenige Nudeln zur Auswahl gibt. © Peter Zerhau

Die Regale, in denen sonst Speiseöl, Toilettenpapier, Mehl und Nudeln stehen, sind in vielen Märkten derzeit wie leer gefegt. Panik ist dennoch nicht angesagt.

Fritzlar-Homberg – Leere Supermarktregale hat es zuletzt vor zwei Jahren gegeben, als die Corona-Pandemie begann. Jetzt führt der Krieg in der Ukraine dazu, dass Menschen erneut Lebensmittel hamstern – oder dass diese aufgrund der hohen Spendenbereitschaft ausverkauft sind. Wir haben uns umgehört.

„Es gibt keinen Engpass und keine Warenknappheit“, betont Adolf Lux. Der Müller kümmert sich mit seiner Familie um den jahrhundertealten Betrieb in der Kerstenhäuser Obermühle. Dennoch mache sich die Sorge der Menschen im hofeigenen Laden, der „Speisekammer“, und beim Direktverkauf ab Mühle deutlich bemerkbar. „Die Menschen kaufen wie verrückt und legen sich Mehlvorräte an“, sagt Lux. Die Sorge sei oft spürbar.

Die Obermühle verkauft noch zum alten Preis, Lieferanten seien geringfügig teurer geworden. Die gestiegenen Spritpreise aber übten Druck auf die Mühle aus, die unter anderem auch das Hoflädchen in Wernswig und die Bäckerei Stübing beliefert. „Wir haben ein Verteilungsproblem“, sagt Lux. Denn bei den hohen Spritpreisen werde es zunehmend schwierig, das Mehl auszuliefern.

Wegen Ukraine-Krieg: Versorgungsängste im Discounter spürbar

Versorgungsängste und große Hilfsbereitschaft sind auch bei Aldi Nord spürbar. Ein Sprecher erklärte auf HNA-Anfrage: „Wir bitten unsere Kunden und Kundinnen immer, Waren nur in haushaltsüblichen Mengen einzukaufen. Bei größeren Nachfragen behalten wir uns wie immer vor, die Abgabemenge pro Kunde vorübergehend einzuschränken.“

Derzeit könne es sein, dass bestimmte Artikel wie etwa Speiseöle „kurzzeitig vergriffen“ sind. Als Grundversorger habe Aldi aber eine leistungsfähige Logistik. In gleicher Weise hat sich auch die Pressestelle von Lidl geäußert. Die Warenversorgung in den Filialen sei „grundsätzlich sichergestellt“, so eine Sprecherin.

Nur noch höherpreisige Öle im Regal: Im Edeka in Fritzlar beispielsweise dürfen Kunden nur noch zwei Flaschen Speiseöl kaufen.
Nur noch höherpreisige Öle im Regal: Im Edeka in Fritzlar beispielsweise dürfen Kunden nur noch zwei Flaschen Speiseöl kaufen. © Christina Zapf

Mitarbeiter an Corona erkrankt: Lieferanten haben Schwierigkeiten

Elke Dietrich-Schäfer vom Edeka-Markt in Fritzlar glaubt, dass die leer gefegten Regale nicht ausschließlich durch die Sorge vor dem Krieg hervorgerufen werden.

Viele Lieferanten hätten Lieferschwierigkeiten, weil Mitarbeiter an Corona erkrankt seien. Viele Menschen würden sich derzeit zusätzlich bevorraten, andere kauften Artikel, die sie in Hilfspaketen gen Ukraine schickten. In ihrem Markt gibt es derzeit kaum Nudeln und Toilettenpapier – und das Speiseöl ist komplett weg. Gut sortiert sei man aber noch bei Hygieneartikeln.

Regale sind wie leer gefegt: Hohe Nachfrage nach Öl und Mehl

Ähnlich sieht es im Rewe in Homberg aus. Laut Marktleiter Kai Mohr ist die Nachfrage nach Mehl „exorbitant gestiegen“. Günstigere Sorten seien derzeit vergriffen. Ähnlich verhalte es sich bei Sonnenblumenöl. „Selbst die teuren Sorten sind derzeit nicht verfügbar“, sagt Mohr. Das liege insbesondere daran, dass es an Nachschub mangele. „Regionale Produkte sind aber nach wie vor verfügbar.“ Auch bei den Hygieneartikeln sieht Kai Mohr momentan keinen Engpass. „Wir bekommen sehr häufig neue Lieferungen.“ Generell sei die derzeitige Situation nicht mit den Zuständen wie zu Beginn der Coronapandemie vergleichbar.

Hans-Richard Schneeweiß, Hauptgeschäftsführer der Edeka Hessenring, beobachtet einen Speiseöl-Tourismus: Kunden würden die Discounter und Supermärkte abklappern, um gezielt Öl zu kaufen. „Es wird aber keinen Ausfall beim Speiseöl geben“, betont er. Die Produkte wurden bestellt und müssten gegebenenfalls noch produziert werden. Das dauere, auch die Hersteller hätten kein Bevorratungskonzept in den aktuell nachgefragten Dimensionen.

Der Engpass beim Mehl dagegen sei nicht so gravierend, weil der Nachschub schneller organisiert werden könne. Die Mühlen hätten genügend Getreidevorrat. Getreide aus dem osteuropäischen Raum lande nicht als Ware in deutschen Mühlen und damit auch nicht im Supermarkt.

Die leeren Regale haben auch Folgen für die Kunden: Dieter Vaupel aus dem Baunataler Stadtteil Kirchbauna hat das bei seinem Einkauf zu spüren bekommen. Er wollte Kidneybohnen für Chili con Carne im Edeka-Markt Hellwig in Besse kaufen. Drei kleine Dosen mit einem Füllgewicht von je 410 Gramm hatte er sich genommen.

Doch kaufen durfte er letztlich nur zwei. Die Marktmitarbeiter hätten ihn darauf hingewiesen, dass nur handelsübliche Mengen eingekauft werden dürften. Dieter Vaupel kann die Begrenzung in seinem Fall nicht nachvollziehen. „Ich war schockiert. Es wird nicht differenziert zwischen normal einkaufen und horten“, sagt er. Nun sei er verunsichert und frage sich: Wie viel von was dürfe man denn überhaupt noch kaufen? 

„Seit dieser Woche zieht die Nachfrage an“, sagt eine Mitarbeiterin der Gudensberger Chattengauer Ölmühle. Das spüre der Bio-Öl-Produzent insbesondere bei den Sorten Raps- und Sonnenblumenöl. „Wir haben den Vorteil, dass wir unsere Saaten von regionalen Zulieferern beziehen“, so die Mitarbeiterin weiter. Das mache die Produktion unabhängiger. Auch an Händler würden derzeit nur reduzierte Mengen abgegeben.

Regale sind in der Drogerie wie leer gefegt: Deo, Duschgel und Zahnpasta für Spenden

Auf die Frage, ob im Drogeriemarkt Müller im Homberger Einkaufszentrum zu spüren sei, dass die Menschen Hygieneprodukte ohne Ende kauften, kommt von Filialleiterin Michelle Martin ein knappes „Ja“. Die Hilfsbereitschaft gegenüber den geflüchteten Ukrainern sei enorm. „Sehen Sie selbst. Wir haben erst am Montag eine Lieferung bekommen“, sagt sie beim Gang durch die Regale.

Trotzdem ist zu erkennen: Deo, Duschgel, Zahnpasta – nahezu alle Körperpflegeprodukte gehen derzeit weg wie warme Semmeln. Lieferungen zu erhalten, sei bereits seit Beginn der Pandemie schwer. „Jetzt ist aber alles schneller weg, als wir einräumen können.“

Leere Regale wegen große Spendenbereitschaft an Hilfsorganisation

Dass sich die Regale auch wegen der großen Spendenbereitschaft schneller leeren, kann sich Beate Thomé vom Kinderhilfswerk Global Care in Fritzlar gut vorstellen. Bislang sammelt die Organisation keine Sach-, sondern ausschließlich Geldspenden. Das könne sich aber in Zukunft ändern.

„Wir sind dazu mit anderen Organisationen im Gespräch“, so Thomé. Wichtig sei bei Sachspenden insbesondere, dass man gut in den betroffenen Regionen vernetzt sei und die gesamte Lieferkette und mögliche Schwierigkeiten bedenke, damit die Spenden auch dort ankommen, wo sie tatsächlich gebaucht werden.

Auch die Gemeinde Neuental sah sich bei den Vorbereitungen für die Aufnahme ukrainischer Geflüchteter angesichts der leeren Regale gefordert. Bürgermeister Rottwilm bittet deshalb, nur das zu kaufen, was wirklich gebraucht werde. Hilfsorganisationen sollte man am besten finanziell unterstützen. „Sie wissen, was gebraucht wird.“ Hilfe müsse koordiniert werden. „Wenn jeder losrennt, wird die Arbeit schwieriger.“ (Chantal Müller, Daniel Seeger, Christina Zapf und Peter Zerhau)

Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg sind zu viel für den Einzelhandel. Deshalb handelt der Discounter-Riese Aldi und erhöht die Preise

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