Misshandlung Schutzbefohlener

Tritte gegen Kinder gehörten zum Alltag: 33-Jähriger in Fritzlar vor Gericht

Fritzlar. Wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen - eigenen wie Stiefkindern - steht ein 33-jähriger Mann aus dem Schwalm-Eder-Kreis vor Gericht.

In der kommenden Woche wird das Fritzlarer Amtsgericht voraussichtlich das Urteil sprechen.

Mit den ungezählten Aussagen ist das ganze Verfahren eine riesige Baustelle, bemerkt die Vorsitzende Richterin zu Beginn des nunmehr dritten Prozesstages. Die bestehende Anklage gegen den Vater lautet „Misshandlung Schutzbefohlener“. Es gilt, die Wahrheit zu finden.

Was geschah wirklich im Alltag der Großfamilie, in der zeitweilig bis zu 15 Kinder lebten. Auch nun treten nach und nach erschütternde Details zu Tage. Es gab Essensverbote. Kopfüber wurde ein Kind in die Kloschüssel gehängt und der Spüler betätigt. Es gab Tritte in Bauch, Po, zwischen die Beine, auf die Nase. Da waren blaue Flecken, Kratzer, Schrammen, rot und blau geschwollene Wangen. Ein Kind kam mit Gehirnerschütterung ins Krankenhaus.

Anderen soll eine Zielscheibe auf den Rücken gemalt worden sein. Dann wurde mit der Softair-Pistole geschossen. Ein als Zeuge geladener Nachbar verweigert die Aussage. Er würde sich eventuell selbst belasten.

Die Mutter und die vom Jugendamt eingesetzten Helferinnen bemerkten keine Auffälligkeiten. Einige Kinder kamen langjährig in Heime. Die Jüngsten sind in Pflegefamilien untergebracht.

Die älteren, inzwischen jungen Erwachsenen, sagen mit qualvoller Überwindung aus. Sie alle wollen einen Schlussstrich unter diese Vergangenheit ziehen. Manche sehen zum Vater hin, andere ertragen den Anblick nicht. Er hatte eine gute und eine böse Seite, heißt es. Einige Kinder schienen das zu verstehen. Doch unerträglich waren die urplötzlichen Wechsel der Stimmungen und der daraus folgenden Taten.

Äußerlich ruhig hält der Angeklagte die Konfrontation mit seinen Kindern und die Schilderungen der Taten durch. Er befindet sich seit längerer Zeit in stationärer Drogentherapie.

Die Mutter als Zeugin schildert den verzweifelten Kampf, den Familienverband zu erhalten. Sie und ihr Mann nahmen jede Arbeit an. Doch das Geld reichte nicht und die Kinder wurden immer weniger betreut, bis die Behörde im Frühjahr 2014 alle Kinder abholte.

Zusammen mit der Pflegemutter wird ein 14 Jahre altes, zierliches Mädchen aufgerufen. Der Vater muss vorher den Gerichtssaal verlassen. Die Tochter schildert Furchtbares, sowohl vom Vater, als auch von der Mutter. Immer noch sagt sie „Papa“ und „Mama“. Auch jetzt kennt sie keine anderen Bezeichnungen für diese beiden Sorgerechts- und Erziehungspflichtigen.

Von Michael Meinicke

Rubriklistenbild: © dpa

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