Beweisanträge sollen Vorsatzvorwurf widerlegen

Falsche Ärztin: Verteidigung hinterfragt zahlreiche Dokumente vor Gericht

Wollen die Alleinverantwortlichkeits- und Vorsatzfrage klären: Die Verteidiger Thomas Hammer (links) und Dr. Sven Schoeller haben vor dem Landgericht Kassel einige Anträge gestellt, um ihre Mandantin zu entlasten.
+
Wollen die Alleinverantwortlichkeits- und Vorsatzfrage klären: Die Verteidiger Thomas Hammer (links) und Dr. Sven Schoeller haben vor dem Landgericht Kassel einige Anträge gestellt, um ihre Mandantin zu entlasten.

Eine Reihe an umfangreichen Beweisanträgen seitens der Verteidigung im Mordprozess um die falsche Ärztin Meike S. spielt derzeit eine große Rolle vor dem Landgericht Kassel.

Fritzlar – Die zentrale Frage: Hat die Angeklagte, die von 2015 bis 2018 im Fritzlarer Hospital arbeitete, mit Vorsatz Menschen getötet und ist dabei allein für den Schaden der Patienten verantwortlich?

Laut Verteidiger Dr. Sven Schoeller ist dies noch lange nicht hinreichend geklärt.

Drei Beweisanträge, die am vergangenen Verhandlungstag verlesen worden sind und am kommenden Donnerstag weiter verlesen werden, sollen Licht ins Dunkel bringen. „Bezüglich der Protokolle, Berichte und Daten, auf die sich beispielsweise die Ermittlungen der Polizei gestützt haben, existieren einige Widersprüche“, erklärt Schoeller auf HNA-Anfrage. Dies sei schon in vergangenen Anträgen thematisiert worden.

Aktuell gehe es unter anderem darum, einen Gutachter zu beauftragen, der sich das Schriftbild auf unterschiedlichen Dokumenten genauer anschauen soll. „Es gibt mehrere handschriftliche Eintragungen, die darauf hinweisen könnten, dass unsere Mandantin in mehreren Fällen nicht allein für die Narkose verantwortlich war.“ Außerdem existiere ein Protokoll aus einem sogenannten Team-Time-out (Name für eine Besprechung des OP-Teams im Fritzlarer Hospital), das ebenfalls dagegen spreche, dass Meike S. allein für alle besagten Anästhesien verantwortlich gewesen ist.

Der dritte Antrag rückt die Vorsatzfrage in den Fokus. Er kritisiere die Methodik des Vorsatznachweises, erläutert Schoeller. Im Prozess werden 16 Fälle behandelt, in denen das Handeln der Angeklagten zu massiven Schäden, in den meisten Fällen zum Tod, geführt haben soll. Es seien auch nur diese Fälle, auf deren Basis vor Gericht darüber verhandelt werde, wie Meike S. gearbeitet haben soll. Dabei gebe es rund 500 Operationen, von denen der Großteil ohne Komplikationen abgelaufen sei, so Schoeller. „Ein wissenschaftlicher Standard ist nicht erfüllt, wenn man sich nur diese 16 Fälle anschaut, um zu bewerten: Hat unsere Mandantin billigend in Kauf genommen, das Patienten zu Schaden kommen?“ Die Verteidigung betont ihre Annahme, Meike S. habe darauf vertraut, dass die Patienten überleben. Schließlich habe sie etliche Erfolgserlebnisse gehabt, die sie in dieser Annahme bestärkt hätten.

Seitens des Landgerichts Kassel sagt Dr. Christian Springmann auf HNA-Anfrage: „Der Fortgang der Hauptverhandlung hängt vom Ergebnis der Bescheidung der genannten Beweisanträge, mit denen sich die Kammer dann zunächst befassen zu haben wird, ab.“ Die Staatsanwaltschaft Kassel äußert sich indes nicht inhaltlich zu den Anträgen. Staatsanwältin Josephine Köpf sagt: „Wir warten die Begründung der Verteidigung für ihre Anträge in der Hauptverhandlung ab und werden dann dazu Stellung nehmen.“ (Daria Neu)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.