Grippeimpfungen in Zeiten der Corona-Pandemie

Grippeimpfstoff im Schwalm-Eder-Kreis wird zunehmend knapp

Bei ihm gibt es noch den Grippeimpfstoff: Timo Henkel von der Stern-Apotheke in Homberg.
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Bei ihm gibt es noch den Grippeimpfstoff: Timo Henkel von der Stern-Apotheke in Homberg.

Alarmierende Meldungen aus Apotheken und Praxen: Werden im Schwalm-Eder-Kreis die Grippeimpfstoffe knapp? Wir haben nachgefragt.

Schwalm-Eder - „Wir haben in den vergangenen zwei Wochen etwa 300 Influenza-Impfungen übernommen“, sagt Dr. Axel Figge, Internist, Hausarzt und Sprecher der Hausärztlichen Vereinigung Schwalm-Eder. Der hohen Akzeptanz der Impfung stehe aber entgegen, dass der Impfstoff knapp geworden sei. „Wir haben in den vergangenen Tagen die Apotheken regelrecht bestürmt, doch sie konnten nicht weiterhelfen.“

Timo Henkel, Inhaber der Sternapotheke in Homberg berichtet, dass bei der Bestellung der Impfstoffe durch die Ärzte die Rate in diesem Jahr zehn bis 20 Prozent höher ausgefallen sei als in den Vorjahren. Die Order vom Frühjahr sei inzwischen angekommen und an die Ärzte ausgeliefert worden. „Im Laufe dieser Woche werden die Chargen wohl alle verimpft sein“, glaubt der Apotheker. Somit sei bis Ende des Monats die gleiche Menge an Impfstoff ausgeliefert und verbraucht worden, die in den Jahren zuvor bis Januar gereicht habe.

Grippeimpfstoff: Nachproduktion ist nicht möglich

Die große Nachfrage führt Henkel auf den Aufruf des Gesundheitsministers zurück, dass sich alle gegen Grippe impfen lassen sollten. Was noch bliebe, seien die vom Bundesgesundheitsministerium bestellten sechs Millionen Dosen der sogenannten nationalen Reserve. Henkels Informationen zufolge sollen die ab Mitte November in den Handel kommen. Seien diese Dosen aufgebraucht, gebe es keinen Impfstoff mehr. Eine Nachproduktion durch die Pharmaindustrie sei nicht möglich, denn dort würde die Produktion für die Südhalbkugel der Erde anlaufen, erklärt er. Vielleicht sei noch die eine oder andere Charge als Import aus Frankreich, Großbritannien oder Schweden möglich. Sicher sei das aber nicht.

Auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums heißt es, dass man zusätzlich zur Regelversorgung sechs Millionen Dosen Influenzaimpfstoffe beschafft habe. Somit stünden insgesamt 26 Millionen Dosen für die Influenzasaison 2020/21 zur Verfügung. Das seien fast doppelt so viele wie in der vergangenen Saison.

Apothekerverband: „Impfstoff reicht nicht“

„Bislang ist die Menge angekommen, die von Ärzten und Apothekern bestellt wurde, sagt Katja Förster, Sprecherin des Hessischen Apothekerverbandes. Der hatte zur Influenza-Impfung aufgerufen, die angesichts von Covid-19 besonders wichtig sei. Wegen des Ansturms könnten nicht alle geimpft werden, so Förster. „Der Impfstoff reicht nicht“, sagt sie. Deshalb sollten zunächst Risikopatienten, über 60-Jährige sowie medizinisches und pflegerisches Personal geimpft werden.

Schwalm-Eder-Kreis: Grippeimpfstoff wird zunehmend knapp

Immer wieder kommt es im Landkreis aufgrund hoher Nachfrage zu Engpässen bei der Versorgung mit dem Grippeimpfstoff. Manchmal sei der Markt völlig leergefegt, sagt Dr. Bernd Adam, Apotheker in Ziegenhain. Dann würden auch die besten Verbindungen nicht helfen, um an Impfstoff zu kommen. Eine Nachproduktion sei allerdings wegen der aufwendigen Herstellung nicht möglich.

Dr. Bernd Adam, Apotheker in Ziegenhain.

Apotheker Timo Henkel aus Homberg sieht es wie das Paul-Ehrlich-Institut. Das rate, zunächst die Risikogruppen zu versorgen. Dass sich alle Menschen in Deutschland impfen lassen könnten, sei bei einer Gesamtmenge von 26 Millionen Dosen ohnehin nicht möglich.

Die Bestellung des Grippeimpfstoffs

Schon im Februar und März bestellten die niedergelassenen Ärzte bei den Apotheken eine gewisse Zahl an Impfdosen. Dabei orientierten sich die Mediziner an Erfahrungswerten aus den vergangenen Jahren, erklärt Adam. Über diese Bestellung hinaus, orderte er noch Impfdosen als Reserve und für Privatversicherte. Nach Darstellung von Adam bestellen die Mediziner nur so viel, wie sie verimpfen können.

Würden sie mehr in Auftrag geben, würden sie von den Krankenkassen herangezogen. Ziel sei, wirtschaftlich und vorausschauend einzukaufen. Ähnliches gelte für Apotheker. Die Margen beim Impfstoff seien pro Impfstoff so gering, dass er es sich nicht erlauben könne, Chargen zu verwerfen. „Das würde für mich sehr teuer werden“, sagt Adam.

Auch in diesem Jahr wurden nach dem üblichen Verfahren die Impfdosen bestellt. Dann wirbelte die Coronapandemie alles durcheinander. Für eine Nachbestellung sei es zu spät gewesen.

Die Herstellung des Grippeimpfstoffs

Für den Impfstoff benennt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die vier häufigsten Virenstämme, sagt Dr. Adam. Es seien die Bestandteile der Virusvarianten, die für die Grippesaison erwartet werden. Diese Daten werden der WHO übermittelt, die die Zusammensetzung des Impfstoffs jährlich neu festlegt. In einem biochemischen Prozess werden die Virenstämme gereinigt und meist in Hühnereier geimpft, beschreibt Adam den Herstellungsprozess. In den Eiern entstehen wenige Milliliter einer Grundlösung, aus dem der Impfstoff entsteht.

Vorbereitung, Verarbeitung und Freigabe der Chargen durch das Paul-Ehrlich-Institut – der Impfstoff wird etwa auf Kontamination untersucht – nehmen sechs Monate Zeit in Anspruch. Zurzeit gebe es Ansätze, den Impfstoff in Zellkulturen herzustellen. Gelänge dies, sei die Versorgung planbarer und weniger aufwendig.

Grippeimpfung: Das Kundenverhalten

Die Nachfrage nach Arzneien und Impfstoffen sei schwankend. So sei in seinen Apotheken zu Beginn der Erkältungszeit die Nachfrage nach Erkältungsmittel und Antibiotika zurückhaltend, so Adam. Er führt das auf Hygienemaßnahmen im Zuge der Coronapandemie zurück.

Die Engpässe bei manchen Medikamenten treten überraschend auf. So berichtet Bernd Deichmann aus Guxhagen, dass er sich mit dem Mittel Pneumovax, ein Impfstoff gegen Pneumokoggen, die Lungenentzündungen hervorrufen, impfen ließ. Auf Anraten seines Arztes wollte sich seine Frau ebenfalls impfen lassen. Doch der Impfstoff sei vergriffen gewesen.

Für Adam eine Folge des Coronavirus. „In den vergangenen Jahren habe ich nie mehr als 30 Dosen im Jahr verkauft. Jetzt könnte ich die Menge täglich abgeben“, sagt er und fasst die Situation zusammen: „Im Juni habe ich Impfdosen aus Japan erhalten, mit weiteren Lieferungen werde ich vertröstet.“

Das empfiehlt der Mediziner

Auch wenn es zurzeit an Impfdosen mangelt, sollte man weiter bei Apothekern und Ärzten nachfragen, rät Dr. Axel Figge, Internist und Hausarzt in Ziegenhain. „Impfen nutzt auf jeden Fall“. Selbst im Dezember sei es sinnvoll und möglich, sich gegen Influenza zu schützen. Seiner Erfahrung nach treten viele Fälle erst in den ersten Monaten des neuen Jahres auf. „Wir bleiben in ständigem Kontakt mit den Apotheken, um an Impfdosen zu kommen“, so der Mediziner. (Von Rainer Schmitt)

Influenza

Influenza, auch echte Grippe genannt, ist eine Infektionskrankheit, die durch Viren verursacht wird. Die plötzlich beginnende Krankheit geht einher mit hohem Fieber, schweren Kopf- und Gliederschmerzen und einem trockenen Reizhusten. Während bei einer Erkältung typischerweise nur die Atemwege betroffen sind, befallen die Influenzaviren den gesamten Körper. In der Regel dauert die Erkrankung fünf bis sieben Tage. Ein hohes Risiko für schwere Verläufe haben Senioren, Schwangere und chronisch Kranke. Eine Impfung sei der beste Schutz gegen die Erkrankung, heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium. 

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