Karl-Heinz Mihr trat vor 55 Jahren bei

125 Jahre IG-Metall: Wir sprachen mit einem überzeugten Gewerkschafter

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Hat in seinem Berufsleben viel erlebt und die Welt bereist: Karl-Heinz Mihr. Der 81-Jährige war viele Jahre Betriebsratsvorsitzender im Volkswagen-Werk Kassel in Baunatal.

Kassel. Die Industriegewerkschaft Metall (IGM) wurde vor 125 Jahren gegründet. Zum Ende des Jubiläumsjahres sprachen wir mit dem langjährigen Mitglied Karl-Heinz Mihr über seine Arbeit und sein Engagement für die Kollegen.

Karl-Heinz Mihr blickt auf eine erstaunliche Karriere zurück. Der 81-jährige Gudensberger, der zunächst der heutigen IG Bau angehörte und vor 55 Jahren der IGM beitrat, war von 1972 bis 1993 Betriebsratsvorsitzender im VW-Werk Kassel in Baunatal sowie Mitglied des mächtigen Aufsichtsrats. Von 1984 bis 1994 saß er zusätzlich für die SPD im Europaparlament. Mihr war somit an zahlreichen wichtigen Unternehmens- und politischen Entscheidungen beteiligt. So hat er maßgeblich an der Ansiedlung des Original Teile Centers in Baunatal mitgewirkt.

„Es war eine wunderbare Zeit, in der ich viel gelernt habe“, erinnert sich Mihr, für den stets die Teamleistung gezählt hat. Was hat den überzeugten Gewerkschafter und Sozialdemokraten, der es vom einfachen Maler zum Entscheider und gefragten Gesprächspartner in politischen, sozialen und Arbeitnehmerfragen brachte, die ganzen Jahre angetrieben. „Nie wieder Krieg und sozialer Ausgleich“, schießt es aus dem Munde des 1935 Geborenen.

1961 kam Mihr zu VW. Aufgrund seiner gewerkschaftlichen Kenntnisse und seiner rhetorischen Begabung wählten ihn seine Kollegen schon bald zum Vertrauensmann – einem Bindeglied zwischen Betriebsrat und Basis. 400 dieser Verbindungsleute gab es seinerzeit im Werk, und die wollten nicht nur über Arbeitsbedingungen und soziale Belange reden, sondern die Zukunft von VW aktiv mitgestalten.

1972 wählten ihn die Vertrauensleute zum Spitzenkandidaten für die Betriebsratswahl, die er fulminant gewann. Gleichzeitig trat in jenem Jahr das neue Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) in Kraft, das die Position von Arbeitnehmervertretungen erheblich stärkte und ein neues Kapitel in der Betriebsratsarbeit aufschlug. „In der ersten Sitzung mit der Werkleitung habe ich gleich klargestellt, dass wir gleichberechtigte Gesprächspartner auf Augenhöhe sind“, erinnert sich Mihr an die schwierigen Anfänge. Denn damals ging es auch darum, den in der Entstehungsphase des Werks „aus allen Branchen bunt zusammengewürfelten Haufen“ zu einer geschlossenen Einheit zu formen.

„Ich habe viel geackert, aber auch viel Glück gehabt“, blickt Mihr auf ein erfülltes (Arbeits-) Leben zurück. Sein besonderer Dank gelte Partei und Gewerkschaft sowie seiner Frau, „ohne die ich das alles nicht geschafft hätte“, sagt er.

Mit ihr hat er je zwei Söhne und Töchter, die allesamt in sozialen Berufen tätig sind, und vier Enkelkinder. „Sie kümmern sich alle rührend um uns. Es kommt viel zurück von dem, was wir ihnen haben geben können“, sagt Mihr.

Die starke Mitbestimmung bei VW ist auch ein Verdienst Mihrs. „Und die hat Volkswagen nicht geschadet. Ganz im Gegenteil: Sie hat dazu beigetragen, dass die Wirtschaftskraft des Unternehmens stetig gesteigert wurde“, erklärt er. So habe der Betriebsrat frühzeitig die Internationalisierung forciert, dabei aber darauf geachtet, dass „auch die Arbeitnehmer davon profitieren“.

Hintergrund: Größte Gewerkschaft

Die IG Metall ist mit fast 2,3 Millionen Mitgliedern die größte Einzelgewerkschaft der Welt. In Nordhessen hat die Gewerkschaft 42 000 Mitglieder. Ihre Wurzeln reichen bis zum 5. Juni 1891 zurück. An jenem Tag formierte sich der Deutsche Metall-Arbeiterverband (DMV). Er gilt als wichtigste Vorgänger-Organisation der heutigen IGM. 1933 wurde die Gewerkschaft von den Nazis zerschlagen. Viele Mitglieder wurden verfolgt und hingerichtet. 1959 wurde die Gewerkschaft neu gegründet. In den folgenden Jahrzehnten erstritt sie in zum Teil langen Arbeitskämpfen die erste tarifliche Sonderzahlung, das Weihnachtsgeld (1954), die Fünf-Tage-Woche (1956/57), das Urlaubsgeld (1962), die 40-Stunden-Woche (1965) und ab 1984 schrittweise die 35-Stunden-Woche, die schließlich 1995 branchenweit eingeführt wurde, sowie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

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