Platz für zehn Jugendliche in Gudensberg

Ein verlässliches Zuhause: Wohngruppe in Gudensberg begeht 40-jähriges Bestehen

Feiern in diesen Tagen das 40-jährige Bestehen der Jugendwohngruppe in Gudensberg: von links die Leiterin des Verbunds sozialpädagogischer Kleingruppen Evelyne Apelt und der Leiter der Wohngruppe Jürgen Breustedt.
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Feiern in diesen Tagen das 40-jährige Bestehen der Jugendwohngruppe in Gudensberg: von links die Leiterin des Verbunds sozialpädagogischer Kleingruppen Evelyne Apelt und der Leiter der Wohngruppe Jürgen Breustedt.

Bundesweit müssen Minderjährige flüchten – und zwar aus ihrem eigenen Zuhause. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein. Ein kleiner Teil dieser Jugendlichen findet dann sein neues Zuhause in der Jugendwohngruppe in Gudensberg, die in diesen Tagen ihr 40-jähriges Bestehen feiert.

Bundesweit müssen Minderjährige flüchten – und zwar aus ihrem eigenen Zuhause. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein. Mal sind es überforderte Eltern, die ihren Kindern kein liebevolles und sicheres Zuhause bieten können und nicht selten funktioniert das Zusammenleben zwischen Jugendlichen und ihren Eltern einfach nicht. Gewalt und Suchterkrankungen sind auch oft im Spiel.Dann greift das Jugendamt ein und sucht für die Kinder eine neue Unterkunft. Ein kleiner Teil dieser Jugendlichen findet dann sein neues Zuhause in der Jugendwohngruppe in Gudensberg, die in diesen Tagen ihr 40-jähriges Bestehen feiert. Gemeinsam mit den Jugendlichen blicken Jugendwohngruppenleiter Jürgen Breustedt und Evelyne Apelt, Verbundsleiterin in Gudensberg, zurück.

1981 gründete das Ehepaar Hamacher die Wohngruppe. Zunächst befand sich diese am Lamsberg in Gudensberg. Dann kaufte der Verbund das Haus an der Kasseler Straße und damit erweiterte sich auch die Betreuungskapazitäten auf zehn Jugendliche. „Am Anfang waren es fünf Betreuungsplätze“, erinnert sich Jürgen Breustedt. Die Jugendlichen kommen aus dem Schwalm-Eder-Kreis, Kassel oder dem Landkreis Kassel. Das war früher anders: „Wir betreuten damals auch Jugendliche, die beispielsweise aus Berlin stammten“, so Breustedt.

Das ist heute nicht mehr der Fall: „Wir wollen, dass die Jugendlichen den Draht zu ihrem Zuhause nicht verlieren“, sagt Apelt. Generell finden Jugendliche ab dem zwölften Lebensjahr ihr „Zuhause auf Zeit“, wie es Breustedt und Apelt nennen, in der Wohngruppe. Durchschnittlich leben sie etwa zwei bis zweieinhalb Jahre in der Einrichtung. Die Jugendlichen stammten aus allen Gesellschaftsschichten. „Vernachlässigung, häusliche Gewalt, Drogenproblematik – die Gründe sind unterschiedlich und tauchen überall auf“, sagt Breustedt.

Sechs Sozialarbeiter und Erzieher betreuen die Kinder und wollen sie an einen geregelten Alltag heranführen, erklärt Apelt. Denn Struktur ist etwas, was den Jugendlichen sehr oft fehlt, genau wie Regeln. Dafür müssen sie auch sonst selbstverständliche Sachen lernen, wie aufräumen, Wäsche waschen, einkaufen. Doch bevor sie sich an den Alltag in der Jugendwohngruppe gewöhnt haben, befinden sie sich in der Eingewöhnungsphase. Die ist die schwerste Zeit für die Kinder und ihre Familie. „Die Sehnsucht ist groß“, sagt Breustedt. „Egal, was sie Zuhause erlebten, sie sind ihren Eltern loyal gegenüber“, sagt er. Und das versuche man auch nicht zu gefährden. Die Aufarbeitung der Eltern-Kind-Beziehung ist Schwerpunkt der Arbeit in der Jugendwohngruppe. „Wir wollen den Kindern ein humanistisches Familienbild näherbringen“, erklärt Breustedt.

Dazu gehöre auch Verständnis für das jeweilige Gegenüber. Neben der therapeutischen Aufarbeitung liegt ein Schwerpunkt darauf, die Jugendlichen „wieder auf die richtige Bahn zu bringen“. Viele von ihnen seien Schulverweigerer. „Zu Beginn definieren wir gemeinsam – also Eltern, Jugendliche und Sozialarbeiter die Ziele. Sei es der angestrebte Abschluss, eine Ausbildung oder Praktika“, erklärt Breustedt. Die Sozialarbeiter achten dann auch auf die Stärken der Jugendlichen. „Wir versuchen sie beispielsweise in passende Vereine zu vermitteln“, sagt Apelt. Das ist wegen der Corona-Pandemie aktuell schwer.

Genauso wie das 40-jährige Bestehen feierlich zu begehen. Das hätte eigentlich groß gefeiert werden sollen. Stattdessen sind mehrere kleine Veranstaltungen geplant. Heute sollen beispielsweise 40 Luftballons in die Luft gelassen werden. Im Sommer sei ein Hoffest mit Graffiti-Workshop für die Jugendlichen geplant, sollte es die Pandemie zulassen. „Und es soll ein Film entstehen – gemeinsam mit den Jugendlichen – dann kann man die gemeinsamen Erfolgserlebnisse auch Revue passieren lassen.“

Mehr Inobhutnahmen wegen Pandemie

Bundesweit überschlagen sich die Nachrichten, dass es immer mehr Inobhutnahmen seitens der Jugendämter gibt. Bei Inobhutnahmen werden Kinder zu ihrem Schutz aus der Familie genommen. Die Corona-Pandemie verschärfte die Situation zunehmend – auch im Schwalm-Eder-Kreis, wie aktuelle Zahlen belegen. In den Kalenderjahren 2019 und 2020 gab es laut Jugendamt jeweils 89 Inobhutnahmen. Im Januar 2021 gab es bereits 17 Inobhutnahmen. Dabei zählt jedes Kind aus einer Familie als einzelner Fall. Sollte sich der Trend fortsetzen, wäre für dieses Jahr mit einer erheblichen Steigerung zu rechnen. Für infizierte Kinder gibt es eine eigene Unterbringungsstelle. 

Wenn das Zusammenleben mit den Eltern nicht mehr funktioniert, greift oft das Jugendamt ein.

Jugendliche der Gruppe berichten: „Endlich ein strukturierter Alltag“

„Keine Ahnung, ob sie stolz auf mich ist. Sie sagt es zwar. Aber selbst wenn sie zu mir ‘Ich habe dich lieb sagt’, muss ich fünf Mal überlegen, ob ich ihr das glauben soll.“ – Das ist Toms* Antwort auf die Frage, ob seine Mutter auf den heute 18-Jährigen stolz ist. Eine Antwort, bei dem der Zuhörer erst mal Schlucken muss, klingt diese doch so gnadenlos. Doch Tom hat einen Grund dazu, wie er erzählt.

Zu oft sei er zuhause angelogen worden, zu oft einfach nicht gehört worden, zu oft im Stich gelassen worden. Das Gefühl seinen Eltern egal zu sein, kenne er zu gut. Heute lebt Tom bereits seit zweieinhalb Jahren in Gudensberg. Sein Zuhause vermisst er nicht, nur seine Geschwister.

Stolz kann Tom aber auf sich selbst sein: Denn der 18-Jährige hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren sein Leben um 180 Grad gedreht. Seinen Realschulabschluss hat er gemeistert, jetzt ist er dabei, sein Fachabitur zu machen. Und den Alltag in der Wohngruppe, meistere er auch größtenteils selbstständig, versichern auch Jürgen Breustedt und Evelyne Apelt. Tom lebe nicht in den Tag hinein. „Ich hab hier endlich einen strukturierten Alltag. Das hatte ich Zuhause nicht.“

Ob er das auch Zuhause geschafft hätte, wisse er nicht. Er war froh, als er in Gudensberg ankam. Er ist ein Scheidungskind, seine Mutter hatte mit sich selbst zu kämpfen, wechselte oft die Partner. „Mit dem letzten, den sie geheiratet hat, kam ich gar nicht klar. Er war ständig aggressiv“, erinnert sich Tom. Davon blieb er in Gudensberg verschont. Einfach ist es trotzdem nicht: „Denn die Jugendlichen sind auch keine Unschuldsengel, sie arbeiten hier auch an sich und dann an der Beziehung zu ihren Eltern“, sagt Breustedt. Das bestätigt Tom: „Ich konnte mich hier selbst verbessern.“ Und auch die Beziehung zu seinen Eltern bessere sich. Es gehe bergauf. Deshalb könne Tom bald in ein Betreutes Wohnen ziehen, so Apelt.

Ein großer Schritt, denn vielleicht auch Amelie* (16) irgendwann geht. Auch sie lebt seit zwei Jahren in der Wohngruppe und sei glücklich darüber. Auch für sie zählt Struktur. Gemeinsam mit den Sozialarbeitern arbeite sie noch hart daran. Aber auch sie habe eine Zukunftsperspektive: Erst kommt der Hauptschulabschluss, dann eventuell eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin. Praktika habe sie bereits absolviert, erzählt Apelt. Und so zähle vor allem eines: Dass die Jugendlichen ihren Weg finden und sich auch die nötige Zeit dafür nehmen – und das gemeinsam mit den Sozialarbeitern, Eltern und sich selbst.

*Namen von der Redaktion geändert.

Von Linett Hanert

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