"Fridays for future"

"Wir machen Lobbyarbeit für die Zukunft": So erklären Schüler aus der Region die Freitagsdemos

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Jonathan Faust (15, Wilhelmsgymnasium), Jaro Habiger (18, JGS) Feline Hoffmann (18, Jacob-Grimm-Schule)und Meeri Weiss (15, Dr.-Georg-August-Zinn-Schule Gudensberg) im Gespräch zu den Friday-for-future-Protesten in Kassel.

Die Schülerproteste "Fridays for future (FFF)", die es inzwischen in vielen deutschen Städten gibt, nehmen an Intensität zu. Wir haben vier teilnehmende Schüler aus Kassel und Gudensberg dazu interviewt. 

Nach dem Vorbild der 16-jährigen schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg demonstrieren jeden Freitag junge Menschen für Klimaschutz und appellieren an Politiker und andere Erwachsene. Teilweise bleiben sie dafür von der Schule fern. Auch in Kassel werden es immer mehr.

Wir unterhielten uns mit Feline Hoffmann (18, Jacob-Grimm-Schule), Jonathan Faust (15, Wilhelmsgymnasium), Jaro Habiger (18, JGS) und Meeri Weiss (15, Dr.-Georg-August-Zinn-Schule Gudensberg).

Wie hat der Protest in Kassel begonnen?

Jonathan Faust: Am Anfang war es eine kleine Gruppe von WG-Schülern, die ihren Ursprung in der Umwelt-AG unserer Schule hatte. Zwei mal protestierten sechs, acht Schüler vor dem Kasseler Rathaus. Am 16. Januar wurde eine Fridays-for-future-Whatsapp-Gruppe gegründet. Es war enorm, wie rasant sie sich vergrößerte. Die Bewegung fand immer größeren Zulauf. Bereits die dritte Freitagsdemo, die auch offiziell angemeldet war, war schon richtig groß. Es kamen zwischen 250 und 300 Schüler.

Jaro Habiger: Viele Schüler haben schnell gemerkt: Der Klimawandel ist das Problem, und wir müssen jetzt etwas dagegen tun, anstatt ohnmächtig daneben zu stehen.

Organisiert jemand den Protest?

Jaro: Es ist eine völlig basisdemokratische Bewegung.

Jonathan: Am Anfang war Vieles unorganisiert, mit der Zeit spielt sich alles gut ein. Die Aufgaben werden verteilt.

Feline Hoffmann: Wir appellieren daran, dass zu den Demos keine Fahnen von Parteien oder so mitgebracht werden. Wir möchten zeigen, dass wir nicht gesteuert sind, dass der Protest von uns kommt, aus unserer Mitte.

Meeri Weiss: Es ist einfach toll, Leute kennenzulernen, die genauso denken wie du. Die nicht passiv sein wollen.

Feline: Es ist das Thema unserer Generation. Ich bin zuversichtlich, dass wir etwas bewirken können. Dass unser Protest oben ankommt. Dass wir in Kassel in vier Wochen von acht auf über 200 Schüler durchgestartet sind, das ist schon krass.

Demonstriert ihr nach oder während der Schulzeit?

Jaro: Wir haben uns darauf geeinigt, immer im Wechsel zu demonstrieren. Viele wollen ihre Entschlossenheit beweisen, indem sie sagen: Es ist uns wichtig, etwas Unerlaubtes zu machen. Andere wiederum möchten den Unterricht nicht verpassen.

Jonathan: Wir Schüler haben nicht viel mehr Möglichkeiten, wenn wir protestieren wollen, als einen Schulstreik.

Jaro: Deshalb wird garantiert niemand von uns eine gebrochene Schulkarriere haben.

Feline: Es steht aber außer Frage, dass wir nicht so viel Aufmerksamkeit erreichen, wenn wir außerhalb der Schulzeit demonstrieren. Wir streiken auch nach der Schule, weil wir niemanden ausgrenzen wollen.

Jonathan: Deshalb möchten wir auch, dass immer wieder andere die Moderation bei den Demos machen, andere zu Wort kommen.

Jaro: Und es ist schön zu sehen, dass sich immer mehr trauen, etwas zu sagen.

Feline: Ja, wir haben eine richtig gute Mischung, auch von verschiedenen Schulen. Obwohl wir wissen, dass die Schulen ganz unterschiedlich mit den Protesten umgehen: restriktiv oder auch tolerant.

Inwieweit ist Euer Protest mit Schule vereinbar?

Jonathan: Die Schule will uns ja zu mündigen Bürgern erziehen.

Jaro: Wir lernen doch alle in der Schule, welchen Gefahren wir unseren Planeten, unserer Umwelt aussetzen. Nur dass wir diesen Widerspruch zwischen dem, was wir lernen und wissen, und dem, wie wir leben, nicht länger hinnehmen wollen.

Feline: Wir lernen, was getan werden muss. Doch wo ist die Umsetzung?

Jaro: Wir wollen diese Diskrepanz aufzeigen. Wir machen Lobbyarbeit für die Zukunft. Vielleicht sind wir weniger korrumpierbar als Erwachsene, weil es bei uns nicht um Geld geht. Wir können die Probleme aber nicht alleine lösen.

Jonathan: Eine Spaltung der Generationen ist das Letzte, was wir wollen. Wir brauchen die Erwachsenen, die Politiker, die Experten.

Feline: Aber wir wollen auch auf unser alltägliches Verhalten gegenüber der Umwelt aufmerksam machen und Leute dazu anregen, etwas an ihrem Verhalten zu verändern. Die Politik hat viel in der Hand, was die Rahmenbedingungen betrifft, aber wir sind doch alle Bewohner des Planeten und verantwortlich, was mit ihm passiert

Jaro: Der Gesetzgeber hat die Möglichkeit zu gestalten.

Könnt ihr Beispiele nennen?

Jaro: Auf allen Ebenen. Das fängt beim ÖPNV an. Der ist unheimlich sinnvoll, aber einfach zu teuer. Und es ist traurig, dass ein Radentscheid an der Bürokratie scheitert.

Meeri: Dass Gesetze viel ändern können, hat die Plastiktüten-Richtlinie gezeigt. Die Massen an Plastik sieht man seitdem nicht mehr.

Feline: Aber es sind auch globale Themen, die uns bewegen. Es geht um Gerechtigkeit auf der Welt, um Climate-Justice.

Spuren der jüngsten FFF-Schülerdemo vor dem Rathaus: Die Demonstranten haben ihre Parolen zum Nachlesen mit Kreide auf den Boden geschrieben.

Was bedeutet der Faktor Zeit für Euch?

Jonathan: Es ist ja nicht die Frage, ob wir auf eine Klimakatastrophe zusteuern, sondern wann und wie.

Jaro: Der Kohleausstieg ist für 2038 geplant: Die Zeit bis dahin ist schlicht zu lang.

Feline: Es wird Zeit vergeudet. Jetzt muss was passieren. Allein, wie viel Tiere aussterben. Das ist irreversibel. Greta hat gesagt: dass wir nicht beruhigt werden wollen, stattdessen sollten alle mit uns in Panik geraten.

Welche Rolle spielt Greta Thunberg für Euch?

Feline: Das Tolle an Greta ist, dass sie nicht beansprucht, eine Galionsfigur zu sein. Sie hat einfach für sich entschieden: Ich kann das nicht mehr ertragen und hat sich auf die Straße gesetzt.

Meeri: Gretas Mut motiviert sehr. Er ist ansteckend und viele, wie ich auch, fühlen sich mitgezogen.  

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