Banges Warten soll ein Ende haben

Familie aus Syrien wurde abgeschoben: Jetzt kehrt sie nach Gudensberg zurück

Fühlen sich in Gudensberg wohl: (von links hinten) Die Geschwister Rama, Nasrallah und Joudie mit (davor) Mutter Zalka Alothman, Ritaj und Vater Hassan Ahmad.
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Fühlen sich in Gudensberg wohl: (von links hinten) Die Geschwister Rama, Nasrallah und Joudie mit (davor) Mutter Zalka Alothman, Ritaj und Vater Hassan Ahmad.

Fünf Jahre lebt die syrische Familie Ahmad mit der Angst, abgeschoben zu werden. Dann mussten sie über Nacht Abschied nehmen. Ihre Flucht soll nun in Gudensberg enden.

Heute kann Rama Ahmad wieder lächeln. Das kam im vergangenen Jahr nur sehr selten vor: Die 16-Jährige und ihre Familie flüchteten 2016 vom Bürgerkrieg in Syrien zuerst nach Litauen. Dort ist ihnen erstmals internationaler Schutz auf europäischem Boden zugesprochen worden. Doch im Flüchtlingsheim in Litauen erging es der Familie schlecht, erzählt sie. Die Eltern und ihre vier minderjährigen Kinder reisten weiter nach Deutschland.

Von der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen ging es für die Familie weiter nach Gudensberg. Dort hat sie sich ein neues Leben aufgebaut. „Sie haben sich gut integriert“, erzählen Jochem und Dorothea Hamacher vom Verein Mach mit. Sie haben die Familie unterstützt.

Doch im Februar vergangenen Jahres traf die Familie ein erneuter Schicksalsschlag: Sie wurden über Nacht nach Litauen abgeschoben (HNA berichtete). In Gießen hat die Familie erneut einen Asylantrag gestellt. Besonders tragisch damals: Tochter Joudie übernachtete in jener Nacht bei einer Freundin. Sie wurde in Deutschland zurückgelassen. „Bis heute hat meine Schwester Angst, alleine zu sein“, sagt Rama. Nachdem Mutter Zalka Alothman und Tochter Joudie einander wieder gefunden hatten, lebte die Familie ein halbes Jahr in Gießen in der Erstaufnahmeeinrichtung.

Es sei keine einfache Zeit gewesen. „Wir konnten ein halbes Jahr nicht zur Schule gehen“, erzählt Rama. Zu jener Zeit suchte die Familie Kontakt zu den Hamachers. „Wir sind Dorothea und Jochem dankbar“, sagt Rama.

Nach Abschiebung: Rückkehr nach in die Region nach Gudensberg

Denn mit der Unterstützung der Hamachers konnte die Familie wieder in die Gudensberger Unterkunft ziehen. Dort leben die sechs in zwei Räumen. „Das ist sehr beengt“, sagt Jochem Hamacher. „Aber wir sind froh, dass wir wieder in Gudensberg sind und die Schule besuchen können“, so die 16-Jährige Rama. Doch die Angst, erneut abgeschoben zu werden, versetze die Familie regelmäßig in Angstzustände. Gemeinsam stellten die Hamachers und die Familie im Sommer vergangenen Jahres einen Antrag zur Aufenthaltsgewährung bei der Härtefallkommision des Landes. Auf 18 Seiten wird das Leben der Familie geschildert.

Darin zu lesen sind die Folgen vom Krieg in Syrien für die Familie und wie sie ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Auch, dass die Töchter Rama und Joudi Enthauptungen durch den IS ansehen mussten, wird darin geschildert. „Es ist grausam, was die Jüngsten schon alles erleben mussten“, sagt Dorothea Hamacher.

Nach Abschiebung: Familie bekommt Aufenthaltsgenehmigung

Jetzt kam die überraschende Nachricht: Das Innenministerium hat der Familie eine Aufenthaltsgenehmigung erteilt. Damit steht dem Neuanfang für Familie Ahmad nichts im Weg. Voraussetzungen für eine endgültige Aufenthaltsgenehmigung sind unter anderem: Die Familie muss ihren Lebensunterhalt überwiegend aus eigenen Mitteln finanzieren und es muss ausreichend Wohnraum vorhanden sein. „Nähere Informationen haben wir nicht“, sagt Hamacher. Also, wie viel Geld die Eltern aus eigener Kraft erwirtschaften müssen und wie groß ihre Wohnung sein muss, stehe für sie noch nicht genau fest. Aber Mutter Zalka Alothman arbeitet bereits als Hauswirtschafterin im Pflegeheim Eben-Ezer. Ab Dezember erhält sie einen neuen Arbeitsvertrag mit einer Aufstockung auf 100 Stunden im Monat. Auch ihre 16-jährige Tochter Rama arbeitet neben der Schule im Pflegeheim.

„Die Familie ist bereit, alles dafür zu geben, in Gudensberg zu bleiben“, sagen die Hamachers. Auch Vater Hassan ist auf Jobsuche. „Mein Vater macht jetzt seinen ersten Sprachkurs, in Syrien hatten wir eine große Landwirtschaft, hier hat er schon als Mauerer und Estrichleger gearbeitet – er will arbeiten“, betont Rama.

Härtefallkommission

Die Härtefallkommission ist bei dem Hessischen Ministerium für Inneres und für Sport angesiedelt. Ein Härtefall liegt vor, wenn dringende humanitäre oder persönliche Gründe vorliegen, die die weitere Anwesenheit des Ausländers im Bundesgebiet rechtfertigen. So wie es im Fall der Familie Ahmad ist, erklärt Hamacher.

Ziel des Härtefalles ist es, einen Einzelfall humanitär zu lösen, der bei Anwendung der allgemeinen Bestimmungen des Aufenthaltsgesetzes nicht sachgerecht hätte gelöst werden können.

(Linett Hanert)

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