Spartanisch ausgestattet

Kulturstall Deute trotzte mit begeisternder Theater-Aufführung dem Sommergewitter

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Soll er abreisen oder bleiben? Alfred Ill (sitzend, Mario Schönewald) wird von den Güllenern bedrängt, die auf die Milliarde der alten Dame hoffen. Von links Dieter Büttner, Nicola Köhler, Lena Michael, Julia Heinemann, Lukas Michael und Selina Körner.

Deute.  In Deute fand die Premiere des Stücks "Der Besuch der alten Dame" von Dürrenmatt statt. 

„Der Besuch der alten Dame“ heißt das neue Stück, vom Kulturstall Deute auf die Bretter gebracht. Der gemütlich und nett klingende Titel weckt Erinnerungen an die Kindheit. Da ließen sich auch manchmal die alte Tante oder die ehemalige Nachbarin wieder sehen. Immer ein kleines Geschenk in der Tasche.

Doch diesmal wird dem heruntergekommenen Nest von der einst verjagten Einwohnerin eine Milliarde geboten. Bedingung: Der beliebteste Bürger soll ermordet werden. In der Jugendzeit hatte er gewissenlos Seele und Liebe der Dame zerstört. Als einst Vertriebene ist sie nun zurückgekehrt, um sich Gerechtigkeit zu kaufen.

Regisseurin Patrizia Schuster kam aus Berlin, der größten Stadt des Landes, nach Deute, einem der kleinsten Orte. Das brachte Sichtweisen mit zusätzlicher, künstlerischer Spannung. Spartanisch ausgestattet mit Bank, Ladentheke und drei bemalbaren Stellwänden war die Bühne. Bemalt war auch das Ensemble, um das Untertauchen in der Masse zu symbolisieren.

Klar zeigten sich die Gesichter in Augenblicken der Wahrheit. Da wurde auch mal die Schminke offen abgewischt. Doch als alle einzeln das Todesurteil fällten, zogen sie sich der Reihe nach zusätzlich Masken über.

Eine der ergreifendsten Szenen war die Darstellung des englischen Chores. Das Volk wurde eins in Bewegung, Gefühl, Idee. Das gab dann auch mitten hinein starken Beifall. Nahezu unbemerkt und somit besonders beeindruckend waren die Minirollen von Frosch und Vogel. Schon mancher Weltmime hat einst so seine Karriere begonnen. Interessant auch die dramaturgischen Zitate. Zu Beginn gleich leise Anklänge an Wladimir Majakowskis Maschinentheater. Der unsichtbar agierende Panther als unheimliches Raubtier hatte bereits Unmenschlichkeit verbreitet, bevor er erlegt wurde.

Auch wenn erst ein Jahr später 1957 erschienen, gab es doch Querverbindungen zu „Die Nashörner“ des Rumänen Eugène Ionescu. Elemente dieses beispielhaften Stückes für Absurdes Theater konnten auch in Deute entdeckt werden.

Insgesamt wieder einmal eine fantastische Leistung aller Beteiligten. Seit Februar wurde nahezu jedes Wochenende geübt. So konnte mit dem kunstvollen Spiel in Leichtigkeit die Schwere des Stückes im Publikum verankert werden.

Alle hatten in teilweise strömendem Regen unter zuckenden Blitzen ausgehalten. Die Menschen dankten mit Hochrufen und, wie es in der Theatersprache heißt, mit dem Herausklatschen mehrerer Vorhänge.

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