Dr. Georg-August-Zinn-Schule löst Klassenräume langfristig auf 

Gudensberger Schule führt neues Konzept ein: Schüler lernen ab kommenden Schuljahr ausschließlich digital

Sie haben die Lernplattform Scoobes gegründet: von links Diplom-Medienökonomin Anni Doerfle und Juristin Lena Spak. Gefilmt wurden sie vom ZDF.
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Sie haben die Lernplattform Scoobes gegründet: von links Diplom-Medienökonomin Anni Doerfle und Juristin Lena Spak. Gefilmt wurden sie vom ZDF.

Die Gudensberger Dr.-Georg-August-Zinn-Schule (GAZ) wagt einen kreisweit bislang einzigartigen Schritt in Richtung digitales Lernen: Ab 2021 arbeiten die Schüler der Jahrgangsstufe 5 in der Hauptsache nicht mehr in Klassenverbund und -raum, sondern individuell und online mit Tablets.

Möglich macht das digitale Lernen die Plattform „Scobees“, die darauf ausgerichtet ist, Schülern einen maßgeschneiderten individuellen Lernanzug bereitzulegen.

Ab 2021 soll es dann keine regulären Klassenräume für die Jahrgangsstufe 5 mehr geben. Die Schüler werden sich dann auf Arbeits- und Kooperationsflächen sowie in Inputräumen verteilen. Vorstellen könne man sich die Lernumgebung wie eine große Bibliothek mit eigenem Arbeitsplatz, erklärt Rektor Christian Kellermann. Grundlage für den digitalen Unterricht ist das iPad, das privat erworben, geleast oder geliehen werden kann. Die Stundenpläne werden auf jeden Schüler einzeln zugeschnitten. Ausschlaggebend dafür sei das jeweilige Lernniveau. Lediglich die Hauptfachstunden finden in festen Lernzeitstunden statt und werden von Fachlehrern begleitet. Wöchentlich soll es zudem mit Schülern Gespräche über Lern- und Arbeitsverhalten geben. „Jedem Schüler wird unabhängig von Verhalten und Lernleistung die gleiche Aufmerksamkeit zuteil“, sagt Kellermann.

Christian Kellermann, Rektor der GAZ.

Um das Konzept realisieren zu können, hat sich das Kollegium der GAZ bereit erklärt, wöchentlich je drei Stunden mehr zu arbeiten. „Dann ist jeder Lehrer statt für 30 für 15 Schüler zuständig“, sagt Kellermann. So könnten die Schüler besser betreut und enger begleitet werden. Ziel sei es, sie so stufenweise zum selbstverantwortlichen Lernen zu führen. Über die digitalen Lernplattform können auch Eltern jederzeit einen Überblick über den Lernfortschritt ihres Kindes erhalten. Damit beginne eine neue Lernkultur, sagen auch Annie Dörfle und Lena Spak aus Köln, Expertinnen der Plattform „Scobees“. Mit digitalem Unterrichtsmaterial, wie Bücher, Schreib- und Arbeitshefte, würden sich Arbeitsstrukturen verbessern.

Digitaler Unterricht dank Glasfaser 

Um das digitale Konzept umsetzen zu können, gab es jetzt auch grünes Licht vom Landkreis: Die Dr.-Georg-August-Zinn-Schule ist eine von drei Gesamtschulen im Landkreis, die nicht im Ausbaugebiet der Breitband Nordhessen GmbH liegen. Jetzt wird sie an einen bestehenden Glasfaserknotenpunkt der Netcom Kassel angeschlossen. Die Kosten für Verlegungsarbeiten belaufen sich auf 22 000 Euro, die der Landkreis trägt. 

Lehrer werden zu Lernbegleitern

In der Gudensberger Dr.-Georg-August-Zinn-Schule (GAZ) funktioniert das Lernen demnächst ganz anders als bisher. Möglich machen soll das ein Tool (Werkzeug) namens Scoobes. Das bildet die Grundlage für den digitalen Unterricht und demnach auch fürs neue Schulkonzept in Gudensberg. Anni Doerfle und Lena Spak aus Nordrhein-Westfalen haben das Konzept entwickelt und kooperieren bereits mit sieben Schulen und fünf außerschulischen Bildungseinrichtungen. Ab 2021 soll nun auch die Gudensberger GAZ dabei sein.

Die beiden Gründerinnen haben ihre digitale Lernplattform nun dem Kollegium der Gesamtschule vorgestellt. Begleitet wurden die beiden dabei auch vom ZDF. Die Dokumentation soll demnächst erscheinen.

Digitaler Unterricht an der GAZ in Gudensberg: So soll die Schulwoche ablaufen

Das Lernkonzept der Schule soll in Zukunft etwa so aussehen: Die Schulwoche startet und endet immer mit einer Lerngruppenstunde, erklärt Rektor Christian Kellermann. Dabei sollen die Schulwochen für jeden Schüler einzeln geplant und anschließend reflektiert werden. Der Regelunterricht, wie die Mathe- und Deutschstunden finden nicht wie gewohnt gemeinsam mit der Klasse statt, sondern die Hauptfachstunden finden in sogenannten Lernzeitstunden statt. Diese begleiten die jeweiligen Fachlehrer und jedes Kind arbeitet zunächst mit seinem Tablet für sich alleine. Der Unterschied: Die Schüler sollen dann individuell ihre Materialien mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und zu angepassten Lernstufen erarbeiten können, sagt Kellermann. Dadurch würde jedes Kind besser und individueller gefördert. „Unser Wochenmittelpunkt ist ein Projekttag, der Nebenfächer vereint und bei dem ein fächerübergreifendes Thema im Zentrum steht.“ Weitere Nebenfächer finden im Werkstattunterricht statt.

Die Lehrkräfte werden in Zukunft zu Lernbegleitern, die bestmöglich auf die Lernbedürfnisse der Schüler eingehen sollen. „Mit dem neuen Konzept werden wir in Zukunft nur noch etwa 15 Schüler betreuen und keine 30 mehr“, sagt er.

Die Lernplattform Scobees: Das steckt hinter der Plattform

Mit ihrer digitalen Lernplattform Scoobes wollen Anni Doerfle und Lena Spak einen zeitgemäßen Unterricht ermöglichen. „Aus unserer Sicht ist es teilweise schwierig, wie viele Lehrer ihre Funktion verstehen – Frontalunterricht ist bewiesenermaßen nicht das Optimale“, sagt Lena Spak. „Es geht gar nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, Schüler müssen viel kreativer werden beim Lernen. Sie müssen sich selbst organisieren“, sind die Gründerinnen überzeugt.

Mit dem Lerntool, das jedes Kind auf dem iPad installiert bekommt, fallen die regulären Klassenräume weg. „Die Materialien stehen ihnen zur Verfügung und jedes Kind kann entscheiden, ob es einige Aufgaben noch einmal machen möchte oder schon das nächste Kapitel anfängt“,

skizziert Spak. Das Tool ist cloudbasiert (online abrufbar) und könne deshalb von mehreren Benutzern zeitgleich aufgerufen werden. Nicht nur Eltern sehen den Lernfortschritt ihrer Kinder, auch die Lehrer können ihre Unterrichtsmaterialien stetig neu einpflegen und sich untereinander austauschen.

Somit entscheiden die Lehrer weiterhin über Pflichtaufgaben, die Kinder können aber in ihrem eigenen Rhythmus damit arbeiten. Die Aufgaben sollen die Schüler aber weitestgehend noch mit Stift und Papier bearbeiten. „Das ist wichtig, damit sie die Haptik nicht verlernen“, sagt Spak. Anschließend könnte man die Aufgaben aber abfotografieren und auf der Plattform hochladen, so die Gründerinnen.

Den ZDF-Film finden sie hier.

Von Linett Hanert

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