Märchen als Leitmotiv

Erste große Schau mit Teppichmosaiken nach Grimm-Motiven von Josef Mertin

Kunst oder Kitsch? Auf jeden Fall ungewöhnlich: die Teppichmosaike von Josef Mertin (oben), die viele Jahre wenig beachtet wurden. Jetzt sollen sie in einer Ausstellung im Gudensberger Kulturhaus Synagoge gezeigt werden. Die Fotos zeigen links Mertin (gest. 1995) mit dem Mosaik „Altes und neues Kassel“, rechts oben den Fritzlarer Dom, darunter das Märchenmotiv „Der gestiefelte Kater“. Fotos: nh

Gudensberg. Großformatige, farbenprächtige Bilder, die Märchenmotive zeigen und Ansichten aus der Region Grimm-Heimat, alle zusammengesetzt aus kleinen Teppichresten.

Das zeigt die Ausstellung „Verlegte Kunst", die ab 19. März im Kulturhaus Synagoge in Gudensberg zu sehen ist. Die Werkschau zeigt eine Auswahl der Mosaike des früheren Dissener Ortsvorstehers, Heimatforschers und Künstlers Josef Mertin (1919-1995).

Josef Mertin wurde 1919 im Sudetenland geboren und besuchte dort Volks-, Bürger- und Gewerbeschule. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft traf er 1948 seine aus dem Sudetenland vertriebene Frau und Tochter in Dissen wieder. Dort engagierte sich Josef Mertin in Vereinen und Verbänden. Er gründete 1973 den Heimatverein, war erst Vorsitzender, später Ehrenvorsitzender. Von 1972 bis 1977 war er Ortsvorsteher. 1978 wurde Josef Mertin für seine Verdienste mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet.

Unter zahlreichen heimatgeschichtlichen Schriften hat Josef Mertin 1982 die Sammlung heimischer Sagen, „Der Berg der Blauen Blume“, zur Unterstützung der Aktion Aussichtsturm Odenberg herausgegeben und für das 925-jährige Dorfjubiläum 1985 eine Dorfchronik verfasst.

Schon seit seiner Schulzeit hat sich Josef Mertin mit Zeichnen und Malerei in Öl und Aquarell beschäftigt. Später kamen Arbeiten mit Papier, Pappe, Holz und Ton hinzu. In den 1960er Jahren suchte er nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen mit Materialien der Gegenwart. Die Technik von Mosaikbildern aus Teppichböden entwickelte er zur Perfektion.

Nach Motiven aus dem religiösen Bereich und der Natur wendete sich „JM“, wie er seine Arbeiten signierte, der Welt der Volkslieder, Legenden, Sagen und Märchen der Brüder Grimm zu und entdeckte auch in Stadtansichten entlang der Deutschen Märchenstraße und in Nordhessen viele Motive. 2011 wurde ein Sagen-Wanderweg in Dissen nach ihm benannt.

Seit 1962 gab es über 70 Ausstellungen, Tausende von Menschen in Nordhessen, an der deutschen Märchenstraße und von 1989 bis 1993 in Japan sahen Mertins Werke. Dort hatte der japanische Bauunternehmer, Atsuo Nishi, bei der Stadt Obihiro auf der nordjapanischen Insel Hokkaido einen Themenpark mit Gebäuden, Fachwerkhäusern und Denkmälern von der Deutschen Märchenstraße und Lebensstationen der Brüder Grimm originalgetreu nachbauen lassen, der Name war „Glücks-Königreich“.

Die fachliche Beratung bei der Realisierung eines deutschen Marktplatz-Ensembles lag in den Händen der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Märchenstraße, Planung und Aufbau betreuten die Architekten Guntram Rother aus Kassel und Karl-Hermann Schwabe aus Gudensberg.

Im „Glücks-Königreich“ standen als Kopien unter anderem das Maximilians-Palais und einige Fachwerkhäuser aus dem alten Kassel, dem langjährigen Wohnort der Grimm-Brüder.

Im „Glücks-Königreich“ sorgten deutsche Volkstanz- und Musikgruppen sowie gastronomische und künstlerische Aktionen für eine deutsche Atmosphäre. Dazu gehörten Ausstellungen von Teppichmosaiken, Aquarellen und Zeichnungen des „JM“, der mehrfach nach Japan reiste und die japanische Sprache und Schrift lernte. Dadurch entwickelten sich Freundschaften, und Josef Mertin wurde für viele Besucher des „Glücks-Königreichs“ mit seiner Kunst zu einem anerkannten „Botschafter der Freude“.

Der Freizeitpark wurde auf Grund schlechter Wirtschaftslage und rückläufiger Besucherzahlen 2003 stillgelegt.

Die Ausstellung mit den Teppichmosaiken wird mit einem Vortrag am Samstag, 19. März, um 19.30 Uhr im Gudensberger Kulturhaus Synagoge, Hintergasse 23. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag an Schul- und Sonntagen jeweils von 14 bis 17 Uhr bis zum 1. Mai. Der Einführungsvortrag wird am Sonntag, 17. April, um 16 Uhr wiederholt. Der Eintritt ist frei.

Zusammengestellt hat die Ausstellung der heimatgeschichtlich engagierte Gudensberger Jürgen Preuß, der zur Eröffnung über das Leben und Wirken sowie das künstlerische Gesamtwerk von Josef Mertin einen Powerpoint-Vortrag halten wird. Die Werke stammen aus dem Archiv von Hannelore Winkelhöfer, der Tochter von Josef Mertin.

Um eine mögliche künftige Nutzung der Mertin-Sammlung ins Gespräch zu bringen, wurden Vertreter der Deutschen Märchenstraße, der Grimm-Heimat Nordhessen, der Grimm-Welt Kassel sowie Architekten des früheren „Glücks-Königreichs“ in Japan eingeladen.

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