Interview mit Reinhold Scherp

Sängerkreis-Chef über seine Leidenschaft für das Singen

+
Singen und Gesangvereine gehören zu seinem Leben: Reinhold Scherp vor seiner „Zwitscherbude“ im Obervorschützer Garten. Ein Leben ohne Gesang kann er sich nicht vorstellen.

Reinhold Scherp (62) ist seit 22 Jahren Chef im Sängerkreis Chatten. Jetzt ist Schluss: Beim Kreissängertag am Sonntag stellt er sich nicht zur Wiederwahl. Wir sprachen mit ihm über die Zukunft der Chöre und seine persönliche Lust am Singen im Verein.

Herr Scherp, Sie haben sich seit langem dem Gesang verschrieben. Wie kam es denn dazu?

Scherp: Das hat mit meiner Familie zu tun. Wir hatten die Gastwirtschaft in Obervorschütz, da trafen sich die Vereine, auch die Sänger. Die 60-er Jahre, das war die Hoch-Zeit der Dorfvereine, sie feierten große Feste, und ich war immer dabei. Außerdem hat mein Großvater im Chor gesungen. 65 Jahre lang. Ich sollte 1972 für ihn einspringen.

Sie sind also mehr oder weniger da reingewachsen?

Scherp: Klar. Die Kinder kamen damals aus der Schule und gingen in die Vereine, meist zum Sport, aber auch in den Chor. Es gab auch nicht viele Alternativen.

Das sieht heute anders aus. Ein Grund für das viel zitierte Chorsterben?

Scherp: Ja, Funk und Fernsehen wurden immer wichtiger, die Schichtarbeit tat ein Übriges, der Besuch der Übungsabende wurde schwieriger. Und für die Jugend gibt es viele andere Möglichkeiten.

Warum sind und waren die Chöre so besonders vom Wandel betroffen?

Scherp: Es ist bei Chören nicht immer leicht, Alt und Jung unter einen Hut zu bringen. Welche Chorliteratur steht im Mittelpunkt, welche Lieder werden gesungen? Da gibt es immer wieder kleine und große Differenzen.

Gibt es Ideen, wie man diesem Generationskonflikt begegnen sollte?

Scherp: Ich habe immer gesagt: Leute, lasst die Jungen ihre Musik singen! Letztlich hat sich das bewährt, seit 20 Jahren werden überall im Sängerkreis junge Chöre gegründet. Man kann sich Veränderungen nicht entziehen. Außerdem ist die Motivation wichtig, dafür sind besondere Ereignisse, wie große Chorkonzerte, Bundessängerfeste und Reisen, gut geeignet. Wir müssen über unseren Tellerrand schauen.

Ist für die Motivation nicht auch die Chorleitung entscheidend?

Scherp: Ja, und Gottseidank haben wir damit zurzeit keine Probleme. Es gibt engagierte junge Leute, gerade dank der Uni in Kassel. Man muss den Mut haben und dort nachfragen. Außerdem muss klar sein, dass gute Chorleiter auch einiges kosten.

Können sich das die Gesangvereine denn leisten?

Scherp: Mit den aktuell meist niedrigen Vereinsbeiträgen ist es schwierig. Wir müssen nach Lösungen suchen, zum Beispiel höhere Beiträge zumindest für die aktiven Sänger. Der Einzelne hat ja auch etwas davon, lernt vieles im Chor. Wer Qualität will, muss dafür etwas zahlen.

Bedeutet das nicht das Ende der traditionellen ehrenamtlichen Vereinsarbeit?

Scherp: Gute Chorleitung ist wichtig, aber die Arbeit eines Vereinsvorstandes ist genauso entscheidend für einen erfolgreichen Chor. Bemühen sollte man sich vor allem um die vielen Neubürger in den Orten. Dazu gehört, im Dorf präsent zu sein als Verein, im sozialen Gefüge eine Rolle zu spielen. Den Wert der Geselligkeit soll man nicht unterschätzen.

Mal ehrlich: Haben Gesangvereine herkömmlicher Art eine echte Zukunft?

Scherp: Wir im Chattengau haben die Umstellung glaube ich geschafft. Die Sängerzahlen sind zwar zurückgegangen, aber es gibt auch neue Chöre. Vielleicht bilden auch weitergehende Kooperationen, etwa mit der Kirche, eine tragfähiges Gerüst.

Eine persönliche Frage: Was bedeutet das Singen für Sie?

Scherp: Man kann der Freude Ausdruck verleihen, es macht einfach Spaß, gibt Ruhe in Stresssituationen, ist entspannend. Und wenn bei der Probe schwierige Passagen geklappt haben, ist es ein tolles Gefühl. Da gibt es schon mal Gänsehaut. Chorgesang kann fast eine Droge sein, macht süchtig. Ich nehme demnächst zum ersten Mal individuellen Gesangsunterricht. Weil ich einfach gerne singe.

BERICHT UNTEN

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.