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Schwalm-Eder-Kreis: Familien berichten über Behördenstress nachdem sie Ukrainer aufnahmen

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Von: Manfred Schaake, Cora Zinn

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Wohnen im Erdgeschoss der Familie Hübel in Niedenstein: von links Anastasiia Melnyk, Olena Chyzhenko, Mykyta und Inna Chepiha.
Wohnen im Erdgeschoss der Familie Hübel in Niedenstein: von links Anastasiia Melnyk, Olena Chyzhenko, Mykyta und Inna Chepiha. © Thomas Hübel

Viele Menschen im Kreisteil Fritzlar-Homberg nahmen geflüchtete Ukrainer auf. Nun klagen mehrere Familien über Ärger mit den Behörden.

Niedenstein – „Es ist nicht nur der eigene, private Stress. Der Behördenstress kommt noch dazu“, sagen Ramona und Thomas Hübel aus Niedenstein. Das Paar hat geflüchtete Ukrainer aufgenommen. „Gott sei Dank ist unser Haus so groß“, sagt Thomas Hübel. Die Hübels nahmen schon im Februar, kurz nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine, Frauen und Kinder bei sich auf.

Die Verbindung kam schnell über den Gudensberger Partnerschaftsverein zustande. Die drei Frauen und der neunjährige Junge wohnen im Untergeschoss, das Familie Hübel als eine Ferienwohnung umgebaut hat. Dort verfügen sie über zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, Küche und Bad.

„Wir haben schnell und unbürokratisch geholfen, was wir bei den Behörden vermissen.“ Das sagt Martina Sprenger aus Gudensberg. Sie hatte Mitte März ihr Zwei-Familien-Haus in Obervorschütz für eine neunköpfige Flüchtlingsfamilie aus der Ukraine zur Verfügung gestellt (HNA berichtete).

Familien nehmen Ukrainer auf: „Die Menschen werden vergessen“

Nun berichten beide Familien vom Behördenstress. „Uns stört es extrem, dass die Menschen vergessen werden“, sagt Thomas Hübel. Er wolle den Ukrainern helfen, nicht unbedingt die Miete kassieren. Doch die Thematik sei eindeutig: „Viele haben ukrainische Flüchtlinge privat aufgenommen“, so Thomas Hübel. Das sei auf der einen Seite richtig und wichtig, doch auf der anderen Seite seien da die unzähligen Telefonate, Mails und Termine.

Es ginge schon damit los, vor Ort einen Termin zu bekommen und dann dort erscheinen zu müssen. „Fahren Sie mal von Niedenstein nach Homberg. Mit dem Bus. Und jetzt auch noch ohne Neun-Euro-Ticket“, so Thomas Hübel.

So müssten immer er oder seine Frau Ramona die Ukrainerinnen mit dem Auto nach Homberg fahren. Die Fahrten würden neben seinem 40-Stunden-Job sehr viel von ihm abverlangen. Zudem gebe es ständig Änderungen. „Die bekommt man aber ja nicht mit. Man muss schon aktiv auf die Webseiten der Bundesagentur für Arbeit und auf die des Landkreises gehen“, so Hübel.

Familien klagen über Mangel an Sprachkursen für Ukrainer

Hübel wolle den Mitarbeitern des Jobcenters keinen Vorwurf machen. Die seien immer sehr bemüht, wenn er anrufe. Doch ihm fehle es an Präzision und es fehle Hilfe für die Helfer, die keine zentrale Anlaufstelle hätten. Außerdem gebe es einen Mangel an Integrationskursen. „Einige Kurse gibt es von der vhs oder an Sprachschulen in Kassel. Die sind aber alle belegt“, so Thomas Hübel.

Er habe für seine vier ukrainischen Flüchtlinge angefragt und die Antwort bekommen, es sei derzeit kein Platz frei. Der neunjährige Junge Mykyta besucht seit einigen Wochen die Niedensteiner Grundschule. „Wir hoffen, dass er dadurch die deutsche Sprache besser lernt“, sagt Ramona Hübel.

Weiterhin zu kämpfen haben die Hübels mit der „unangemessenen“ Heizkostenerstattung. Die Preise für Heizkosten seien seit 2019 nicht angepasst worden.

Ein weiteres Thema seien die Krankenversicherungen. Alle Ukrainer, die bei Hübels wohnen, besäßen noch keine Krankenversicherung. „Was machen wir denn dann, wenn sie mal untersucht werden müssen?“, fragt Ramona Hübel besorgt.

„Nicht jeder macht 20 bis 30 Telefonate, wir alle nehmen die Geflüchteten freiwillig auf“, sagt Thomas Hübel. Doch er habe die Sorge, dass diese Helfer irgendwann sagen, es ginge so nicht mehr weiter – weil ihnen die Hilfe und Auskunft fehle.

Einen gemeinsamen Wunsch haben Familien Hübel und Sprenger: Alle Helfer zum runden Tisch einladen, um sie einheitlich zu informieren. „Damit wäre allen geholfen“, sagt Thomas Hübel.

Insgesamt wäre eine erreichbare, zentrale Anlaufstelle für Helfer/Vermieter und Ukrainer inklusive Dolmetscher hilfreich. Dann könnten dort Fragen beantwortet und Zuständigkeiten geklärt werden. „Das würde die Sachbearbeiter in den Behörden Freiraum zur Bearbeitung von Anträgen und von vielen Anrufen entlasten“, sagen die Hübels. Aber eins versichern sie, sie werden weiter helfen.

Enttäuschung über Behörden

„Die ukrainische Familie fühlt sich gut aufgehoben“, sagt Martina Sprenger aus Obervorschütz. Von den Behörden sei sie aber enttäuscht. Sie habe von Beginn an auf die Miete in Höhe von 2000 Euro monatlich verzichtet, habe gegenüber dem Kreis lediglich 305 Euro pro Monat für die Nebenkosten – Wasser, Abwasser, Müll – geltend gemacht. Im März habe sie das zum ersten Mal beantragt, aber erst im August sei gezahlt worden. „Ich war ein bisschen pikiert, dass es so lange dauerte“, sagt sie heute.

Im Juli hätten sich alle neun Ukrainer beim Jobcenter anmelden müssen, „danach hat sich wieder was verzögert“. Dass dann gezahlt worden sei, habe sie auch der Unterstützung durch den Gudensberger Verein „Mach mit“ zu verdanken. Erst als der sich eingeschaltet habe, seien die Rechnungen beglichen worden.

Die Flüchtlinge hätten sich inzwischen auch als sogenannte Bedarfsgemeinschaften anmelden müssen. Auch das sei mit Bürokratie und zusätzlichem Aufwand verbunden. „Wir haben von Anfang an unseren guten Willen und Verständnis gezeigt“, sagt Martina Sprenger. Sie sei auch deshalb enttäuscht, weil anfangs von der Regierung und den Behörden vollmundig versprochen worden sei, alles laufe unbürokratisch. Das sei nicht so, „inzwischen haben sich viele Akten angehäuft“.

Jobcenter: Müssen jeden Einzelfall prüfen

Die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsybLG) und dem Sozialgesetzbuch (SGB) unterscheiden sich sehr. „Daher war es erforderlich, dass alle betroffenen Ukrainer neue Anträge, diesmal auf Grundsicherung oder zum Beispiel auch Anträge auf Kindergeld stellen mussten“, sagt Katharina Afflerbach vom Jobcenter Schwalm-Eder. Ein direkter Datenaustausch zwischen Kreisverwaltung und Jobcenter war aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Trotzdem hätten sie sich eng ausgetauscht, um den Wechsel der Zuständigkeit möglichst reibungslos zu ermöglichen. So wurden die Zahlungen des Landkreises nach dem AsylbLG noch bis maximal 31. August fortgeführt. „Das Jobcenter hat den Menschen dann die darüber hinaus gehenden Leistungsansprüche ausgezahlt“, sagt Afflerbach.

Die Mitarbeiter des Jobcenters müssten in jedem Einzelfall die rechtlichen Voraussetzungen mithilfe des Sozialgesetzbuchs II (SGB II) prüfen und danach entscheiden. Sie hätten wenig Handlungsspielraum, die Grenzen dafür seien eng gesetzt. „Das Jobcenter Schwalm-Eder steht Runden Tischen sehr offen gegenüber“, sagt Afflerbach. Ein Mal schon hätten Mitarbeiter des Jobcenters an Runden Tischen teilgenommen, zu denen sie von Städten und Gemeinden oder aber auch Organisationen eingeladen wurden. (Manfred Schaake und Cora Zinn)

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