Ungerechtigkeit wegen kostenloser Tests für Reiserückkehrer

Strapazen wegen Kosten für Corona-Abstrich: Familie musste Test für Heimunterbringung selbst zahlen

Fühlten sich ungerecht behandelt, weil sie die Kosten für den Corona-Test ihrer Mutter erst selbst zahlen mussten: von links Simone Harting-Günther mit ihrer Schwester Heike Giese mit Tochter Carina Giese und ihrer Oma Inge Günther.
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Fühlten sich ungerecht behandelt, weil sie die Kosten für den Corona-Test ihrer Mutter erst selbst zahlen mussten: von links Simone Harting-Günther mit ihrer Schwester Heike Giese mit Tochter Carina Giese und ihrer Oma Inge Günther.

Die Familie von Inge Günther (84) aus Fuldabrück-Bergshausen ist verärgert. Fast drei Monate lang mussten sie sich mit der Krankenkasse, der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) und dem Gesundheitsamt wegen der Kostenerstattung für einen Corona-Test rumschlagen.

Die Familie schildert uns die Situation: Im Juni erlitt der Vater von Simone Harting-Günther aus Grebenstein und Heike Giese aus Obervorschütz einen Herzinfarkt. Er hat seine Frau Inge Günther gepflegt, die schwer an Demenz leidet.

„Als unser Vater dann selbst ins Krankenhaus musste, haben wir erst einmal unsere Mutter gepflegt“, erzählen die Töchter. Da sie aber beide berufstätig sind und nicht abzusehen war, ob sich der Gesundheitszustand des Vaters zeitnah verbessert, mussten sie über die Unterbringung in einem Pflegeheim nachdenken, erzählt Simone Harting-Günther.

Heike Giese und ihre Tochter Carina Giese, ebenfalls aus Obervorschütz, unterstützen Simone Harting-Günther bei der Pflege. „Aber das war kein Dauerzustand, unsere Mutter hat den Pflegegrad fünf und man muss jede Minute nach ihr sehen“, sagen sie. Also machten sie sich auf die Suche nach einem Pflegeheim. 20 bis 30 Heime haben sie abtelefoniert, bis es vom Seniorenheim Eben-Ezer in Gudensberg eine Zusage gab. Voraussetzung vom Pflegeheim für die kurzfristige Aufnahme war ein Corona-Test. „Den haben wir dann natürlich beim Hausarzt in Bergshausen gemacht“, erklärt Harting-Günther. Das war am 8. Juni. „Der Arzt sagte mir damals aber sofort, dass die Kosten für den Test nicht von der Krankenkasse übernommen werden, weil meine Mutter keine Symptome hatte“, erklärt Harting-Günther. So war die Regelung. Einen Tag später zog Inge Günther ins Seniorenheim nach Gudensberg.

Die Rechnung für den Test in Höhe von knapp 130 Euro kam vom Labor in Gießen. Eine neue Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums, die am selben Tag verabschiedet wurde, änderte die Situation aber. Die Verordnung trat rückwirkend ab Mitte Mai in Kraft. Seither übernehmen die Gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Tests von Personen, die medizinisch oder pflegerisch betreut werden (HNA berichtete).

Abrechnungen im neuen Quartal nicht mehr möglich

Auf Nachfrage der Familie bei der Krankenkasse (BKK) hieß es, der Arzt solle den Test nun im Nachgang über die Krankenkarte abrechnen, so dass das Geld dann von der Krankenkasse erstattet werden kann.

„Der Hausarzt sagte uns aber, dass das nicht mehr möglich ist, weil der Test in einem anderen Quartal gemacht wurde. Das können wir natürlich nachvollziehen“, sagt Harting-Günther. Als sich die Familie erneut bei der Krankenkasse meldete, verwiesen die auf die KVH. „Die konnten uns aber auch nicht helfen, weshalb ich mich an das Gesundheitsamt wendete“, sagt Harting-Günther.

„Wir wollten das nicht ruhen lassen“, sagt Giese. Denn zu jenem Zeitpunkt wurden bereits die kostenlosen Corona-Tests für Reiserückkehrer beschlossen. Laut Bundesgesundheitsministerium werden die Kosten für einen Test seit dem 1. August übernommen, wenn der Test innerhalb von 72 Stunden nach der Einreise erfolgt. Es werden auch die Kosten für einen Wiederholungstest übernommen.

Corona-Test: Für Reiserückkehrer kostenlos

„Wir verstehen einfach nicht, warum die Kosten für den Test unserer Mutter niemand übernimmt, aber alle Menschen, die freiwillig im Urlaub waren, kostenlos getestet werden können“, sagt Giese. „Uns geht es nicht um die 130 Euro, sondern einfach um die Ungerechtigkeit.“ Die Familie hätte keine andere Wahl, als ihre Mutter ins Pflegeheim zu geben, erklären sie. „Aber Urlauber haben ja sehr wohl eine Wahl“, kritisiert die Familie. Und dann könne die Familie auch nicht verstehen, warum einige Tests für Reiserückkehrer an Flughäfen um die 50 Euro, der Test für ihre Mutter aber 130 Euro gekostet habe. Einige Anrufe und E-Mails an das Gesundheitsamt brachten dann endlich Licht ins Dunkle. Die haben ihr einen „Auftrag für einen SARS-CoV2-Testung auf Veranlassung des öffentlichen Gesundheitsamtes“ zugeschickt. Damit könne die Krankenkasse dann letztendlich die Kosten übernehmen. Und so kam nach mehr als drei Monaten dann endlich die gute Nachricht: „Der Mann von der Krankenkasse hat uns zugesagt, dass die Kosten nun erstattet werden und zeigte Verständnis für die Umstände, die wir wegen des Corona-Abstriches hatten“, berichtet Simone Harting-Günther.

Kosten für Corona-Tests bestimmen Labore

Grundsätzlich bestimmen die Labore selbst die Kosten für eine Testung. Die Gesund-heitsämter haben keinen unmittelbaren Einfluss auf die Kostengestaltung, erklärt Stephan Bürger. Sofern ein Test nach der Bundestestverordnung veranlasst wurde, sind die abzurechnenden Kosten auf einen Fixbetrag gedeckelt. Dieser beträgt zurzeit 50,50 Euro für die Labordiagnostik gemäß „Verordnung zum Anspruch auf bestimmte Testungen für den Nachweis des Vorliegens einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2“ des Bundesgesundheitsministeriums. Die Kosten für die Abstrichentnahme, also die ärztliche Leistung, trägt das anord-nende Gesundheitsamt in diesen Fällen selbst. Dort gibt es noch keine bundeseinheitliche Regelung zur Kostenübernahme.

Das sagt das Gesundheitsamt zu den Kosten für Corona-Abstriche

Die Entscheidung einen Corona-Test zu veranlassen, liege grundsätzlich bei den Pflegeeinrichtungen selbst, erklärt Stephan Bürger, Sprecher des Landkreises. Nach der Bundestestverordnung des Bundesgesundheitsamtes kann ein Test durch das zuständige Gesundheitsamt aber auch angeordnet werden. Für diesen Fall bekommen die zu testenden Personen einen „Corona-Test-Schein“ ausgestellt, den sie beim Test vorlegen müssen. Die entstehenden Kosten werden dann über die Kassenärztliche Vereinigung (KVH) abgerechnet. Die in solchen Fällen entstandenen Kosten bekommt die KVH später aus öffentlichen Mitteln ausgeglichen. 

Von Linett Hanert

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