Entwicklungshilfe

Tochter eines in Mali verunglückten Tiger-Piloten engagiert sich in Afrika

Wollen helfen: Kimberly Müller und Zieh-Opa Gerhard Prilop in der Schule in Lomé.
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Wollen helfen: Kimberly Müller und Zieh-Opa Gerhard Prilop in der Schule in Lomé.

Kimberly Müller verlor ihren Vater Thomas Müller bei einem Tiger-Absturz auf Mali. Seit einer Reise zum Unfallort engagiert sich die Gudensbergerin in Afrika.

In Westafrika hat Kimberly Müller ihr Herz verloren. In jenen Kontinent, in dem ihr Vater sein Leben ließ. Der 47-jährige Bundeswehroffizier Thomas Müller stürzte am 26. Juli 2017 mit dem Kampfhubschrauber Tiger 82 Kilometer nördlich von Gao ab. Hunderte Menschen wohnten damals der Trauerfeier der beiden verunglückten Soldaten im Fritzlarer Dom bei. Bei den Hinterbliebenen hinterließ ihr Tod riesige seelische Schmerzen. Wir trafen Kimberly Müller, die sich heute in Westafrika engagiert.

Bei einer Hinterbliebenenreise konnten Kimberly Müller, ihr Bruder und ihre Mutter an dem Ort Abschied nehmen, an dem die Piloten starben. „Das war das erste Mal, dass ich in Westafrika gewesen bin und eine Vorstellung davon bekam, warum die Bundeswehr dort stationiert ist“, erzählt die 24-Jährige. Die miserablen Lebensumstände in Westafrika kenne man aus den Medien. „Aber real ist es alles noch viel, viel schlimmer“, sagt die Studentin.

Die Bilder aus Mali gingen ihr nicht aus dem Kopf. Sie erinnert sich an die Begegnung mit einem Lehrer. Sein Gehalt reichte nicht aus, weshalb er zusätzlich in der Küche beim Bundeswehr-Standort in Mali aushalf. Sie verstanden sich gut. Da Müllers Familie einige Jahre in Frankreich lebte, spricht Kimberly fließend französisch. „Wir tauschten uns gut aus und er hat mir etwas über sein Leben erzählt.“ Überhaupt würde die Zivilbevölkerung dort die Präsenz der Bundeswehr begrüßen. So ihr Eindruck. Anders als die Terror-Gruppe Al-Qaida. Zurück in Deutschland erfuhr Kimberly Müller dann, dass der Lehrer erschossen wurde. Von wem, wurde nicht nachverfolgt.

Vater starb bei einer Bundeswehrmission: Tochter engagiert sich in Afrika

In Deutschland beschloss die Studentin, aktiv zu werden. „Ich weiß nicht, ob es Trauerbewältigung ist oder einfach meine soziale Ader – aber ich will den Menschen dort helfen“, sagt sie. An der Universität in Kassel studiert sie Französisch und Geschichte auf Lehramt. Ihrer Französisch-Professorin erzählte sie von dem Vorhaben, in Westafrika Entwicklungshilfe zu leisten.

„Sie stellte dann die Kontakte her“, sagt Müller. So lernte sie Gerhard Prilop kennen. Der 77-Jährige lebte seit mehr als 40 Jahren in Togo und wird unterstützt vom Verein Togo-Freunde Hannover. In Lomé lebt er bei einer Familie mit zehn Kindern, zwei Frauen und einem Mann – er hilft ihnen. Für die Familie ist er laut Kimberly Müller zu einer Art Zieh-Opa geworden.

Nach einem regen Austausch gab es dann die Zusage, dass sie nach Togo reisen darf und ebenfalls bei der Familie unterkommen konnte – das war 2019. „Ich wollte das Leben der Menschen kennenlernen, deshalb war ich froh bei einer einheimischen Familie zu leben.“ Finanziert hat sie die Reise selbst. Während der Semesterferien im Februar und März flog sie nach Togo. 15 Stunden war sie unterwegs. Ein direkter Flug sei aus unterschiedlichen Gründen zu gefährlich, weshalb sie über Frankreich zunächst nach Niamey in Niger und von dort nach Lomé in Togo flog.

„Die ersten zwei Wochen waren hart“, berichtet Kimberly Müller. Dass die Wasserqualität dort entsetzlich ist, war ihr bewusst. Die Zähne konnte sie nicht damit putzen. Sie erkrankte und lag zwei Wochen um. „Aber die Familie und Gerhard Prilop haben sich gut gekümmert.“

Vater starb bei einer Bundeswehrmission: Tochter machte Praktikum bei Stiftung

Über die Hanns-Seidel-Stiftung bekam sie die Möglichkeit, ein Praktikum im Büro der Stiftung in Lomé zu absolvieren. Dort verfolgte sie die Präsidentschaftswahlen und erlebte wie Demonstrationen gegen den antidemokratischen Kandidaten gewaltsam aufgelöst wurden. „Es war schlimm“, sagt sie. Neben ihrer politischen Tätigkeit, unterrichtete Müller noch am Collège Protestant in Lomé. Die älteste Schule im Land mit 1400 Schülern.

Das Collège Protestant in Lomé ist dringen sanierungsbedürftig. Es sind keine funktionstüchtigen Sanitäranlagen vorhanden.

„Natürlich ist das ein ganz anderes Bildungsniveau“, sagt sie. Auch die Ressourcen seien desolat. Was ihr klar wurde: Es werden viele kleine Schulen in ganz Afrika von wohltätigen Organisationen aufgebaut. „Das ist auch gut, aber die großen Schulen werden immer außen vor gelassen – das Collège ist in die Jahre gekommen, Räume sind einsturzgefährdet, die Sanitäranlage sind katastrophal, die Kinder können sich nicht mal die Hände waschen“, berichtet sie.

Vater starb bei einer Bundeswehrmission: Tochter sammelt Spenden

Mit diesen trostlosen Erfahrungen kehrte sie nach Deutschland zurück, wo sie beschloss Spenden zu sammeln. An der Dr. Georg-August-Zinn Schule und der Max-Eyth-Schule bot sie Workshops zum Thema an. „2600 Euro kamen damals so zusammen“, berichtet sie. Von dem Geld kaufte sie 75 Erdkundebücher und 130 Geschichtsbücher.

Diese überreichte sie den Schülern während ihrer zweiten Reise im Februar diesen Jahres. „Es war überwältigend, wie dankbar die Schüler waren“, sagt sie. Während ihres zweiten Aufenthaltes unterrichtete sie erneut an der Schule. Sie erkrankte an Malaria und wegen der Corona-Pandemie musste sie die Reise vorzeitig abbrechen. Doch das hielt Kimberly Müller nicht ab: Zurück in Deutschland organisierte sie zuletzt ein Benefizkonzert auf der Märchenbühne in Gudensberg.

„Es war ein großer Erfolg“, sagt sie. Rund 3000 Euro wurden gespendet. Sie hofft, dass sie im nächsten Jahr wieder nach Lomé fliegen kann. „Mittlerweile ist es ein Teil von mir, mir fehlt etwas, wenn ich mich nicht für die Menschen dort engagiere“, sagt sie. Kimberly selbst wird unterstützt von ihrer Familie. Ihre Mutter Daniela möchte irgendwann auch nach Westafrika reisen, hilft ihrer Tochter aber jetzt schon bei allen organisatorischen Dingen. Das Engagement für Menschen in ärmeren Ländern, verbindet die Familie auch mit dem verstorbenen Vater.

Spenden: Bankverbindung: Ev. Bank Kassel-Hannover, IBAN DE 58 5206 0410 0100 6183 22; Verwendungszweck: Collège Protestant in Lomé.

Demokratie in Lomé

In der Hauptstadt Togos in Lomé leben etwa 1,8 Millionen Menschen. Wie in vielen anderen westafrikanischen Ländern, lebt der Großteil der Bevölkerung in Armut. Menschenhandel, besonders der Handel mit Kindern, Korruption, ein lückenhaftes Bildungssystem und ein schlechtes Gesundheitssystem sind die größten Probleme in dem Land. Das Leben in Togo ist von einer generellen politischen Unruhe gekennzeichnet. Die Hanns-Seidel-Stiftung besteht seit 1977 mit dem Standort in Lomé. Ihre Projektziele sind ein Beitrag zur Dezentralisierung, Demokratisierung und Konfliktprävention in Westafrika. Der Togo-Freunde-Verein Hannover besteht seit Ende der 1970er-Jahre. Zuletzt wurde eine Erste-Hilfe-Station erneuert. Kimberly Müller ist Mitglied in dem Verein. Die Spendeneinnahmen werden darüber geführt.

Regiment aus Fritzlar unterstützt seit 2017 Soldaten in Mali

Die Bundeswehr ist seit den 1990er-Jahren im Ausland im Einsatz. Darunter auch seit 2013 in Mali. Die Stabilisierungsmission Minusma der Vereinten Nationen dient der Sicherung des Friedens.

Die Bundeswehr ist in der ehemaligen Islamistenhochburg Gao stationiert. Die Kernaufgaben sind, die Waffenruhevereinbarungen und die vertrauensbildenden Maßnahmen zwischen den Konfliktparteien. Zum Ausbildungspaket gehören laut Bundeswehr auch das Nahebringen moderner Menschenführung sowie ethische und völkerrechtliche Aspekte. Bisher wurden rund 13 000 malische Soldaten in unterschiedlichen Lehrgängen ausgebildet.

Das Kampfhubschrauberregiment 36 Kurhessen ist das einzige mit Eurocopter-Tiger-Kampfhubschraubern in Deutschland. Aktuell sind laut Bundeswehr in Fritzlar keine Piloten in Mali stationiert. Feuerwehrkräfte seien vor Ort. Seit Anfang Mai 2017 unterstützen vier Tiger-Hubschrauber aus Fritzlar die Uno-Mission Minusma. Am 26. Juli 2017 kam es dann zu dem tragischen Unglück: Der Tiger mit den zwei Piloten Thomas Müller aus Gudensberg und Jan Färber aus Neuental stürzte im Norden Malis ab – beide starben.

Von Linett Hanert

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