Flächenverbrauch im Landkreis ist ungebremst hoch

Flächen werden knapp: Baugebiete im Schwalm-Eder-Kreis sind Mangelware

Blick über Wabern mit Zuckerfabrik und Klärteichen.
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In der Wabernschen Tiefebene gibt es wertvolle landwirtschaftliche Flächen: Sie dienen auch dem Rübenanbau für die Zuckerfabrik. Das Drohnenfoto zeigt die Fabrik samt Klärteichen, hinten liegt Fritzlar.

Der hohe Flächenbedarf und -verbrauch wird zum Problem im Landkreis. Das Projekt Siedlungsmanagement der Leader-Region Schwalm-Aue sucht nach Wegen und Lösungen. Boden ist eben nicht vermehrbar.

Schwalm-Eder - Allein in der Leader-Region Schwalm-Aue, die von Wabern über Borken und Schwalmstadt bis nach Willingshausen reicht, sind in den vergangenen fünf Jahren 411 Hektar Land bebaut und versiegelt worden. Eine Fläche, die der Größe von 575 Fußballfeldern entspricht.

In starkem Maß beteiligen sich die vielen Neubaugebiete, die mit gewaltigem Flächenfraß verbunden sind. In Wabern wurden sechs Hektar für 50 Plätze im Baugebiet „In den Sälen“ verbraucht, in Gudensberg sind 239 Bauplätze auf 16 Hektar Fläche geplant, in Körle soll das Baugebiet Riesenrain auf drei Hektar Fläche entstehen – die Liste ist endlos lang, die der Bauinteressenten noch länger.

Doch für die Häuslebauer wird das Eis dünn, die Fläche knapp: „In den vergangenen 20 Jahren haben wir 200 Grundstücke verkauft – es ist fraglich, ob das der Plan für die nächsten zehn Jahre sein kann“, sagt Körles Bürgermeister Mario Gerhold.

„Es fehlt die Akzeptanz für große Baugebiete“, stellt Bürgermeister Claus Steinmetz aus Wabern fest. Die Rübengemeinde könnte ein neues großes Baugebiet ausweisen, will das aber in diesem Umfang nicht mehr tun: Sie will vielmehr die Ortskerne stärken. Denn die wiesen oft Leerstand und Lücken auf: Das sehen auch Melsungens Bürgermeister Markus Boucsein und Schwalmstadts 1. Stadtrat Lothar Ditter so. In beiden Städten gibt es das Immobilienprogramm „Jung kauft Alt“, das für junge Menschen Anreize schafft, alte Gebäude zu erwerben. das setzt auf alten Bestand in Innenlagen: „Ihn wollen wir schützen“, sagt Boucsein.

Das will auch das Projekt Siedlungsmanagement der Leader-Region Schwalm-Aue, sagt Geschäftsführerin Sonja Pauly. Das hat nun Baulotsen in den Bauämtern der sechs beteiligten Kommunen eingesetzt, die Interessenten beraten, für mehr Nachhaltigkeit beim Bauen und Wohnen sorgen, indem sie ein Leerstandskataster aufbauen, das einen Überblick über leere Häuser und freie Flächen geben soll. Das Projekt gebe Beispiele und Lösungen dafür, welche Chancen ein Altbau biete.

So verteilt sich der Flächenbedarf im Kreis

In Deutschland werden Tag für Tag 56 Hektar Fläche mit Straßen, Häusern und Hallen bebaut. Den Spitzenverbrauch im Landkreis weist das an der A7 gelegene Knüllwald auf: Dort wurden 2019 pro Kopf 2242 Quadratmeter (qm) verbaut, gefolgt von Ottrau (2023 qm), Morschen (1344), Frielendorf (1280), Neukirchen (1087) und Homberg (1078). Der Fritzlar Bedarf belief sich auf 939 qm pro Kopf, der Schwalmstädter auf 830, der Melsunger auf 724. 

Bauflächen werden knapp im Schwalm-Eder-Kreis: Bald ist an vielen Orten Ende Gelände

Als es vor zehn Jahren hieß, dass der demografische Wandel den Schwalm-Eder-Kreis zu einer einsamen und menschenleeren Region mache, zuckten Bürgermeister und Politiker zusammen.

Doch die Prognose einer menschenleeren nordhessischen Landschaft hat sich in vielen Orten nicht bewahrheitet, im Gegenteil: Das Leben auf dem Lande ist beliebt, die Zinsen niedrig, Bauland auch deshalb so stark gefragt wie nie. Doch Boden ist nicht vermehrbar, zudem fürs Wachstum von Nahrungsmitteln unverzichtbar. Trotzdem ist der Flächenfraß gewaltig: Hessenweit werden tagtäglich drei Hektar Wiesen und Äcker bebaut.

In vielen Städten und Gemeinden könnte deswegen bald der Spruch „Ende Gelände“ herrschen, wenn es ums Ausweisen von Baugebieten geht, denn die Flächen werden knapper, die Bedenken größer: „Kaum dass man laut über neues Bauland nachdenkt, gehen schon erste Bedenken von Seiten der Landwirtschaft und der Naturschutzverbände ein“, sagt Körles Bürgermeister Mario Gerhold. Natürlich sei der Zuzug von Menschen in die Gemeinde Körle gewünscht, schließlich belebten weitere Einwohner Kindergärten, Schulen, Vereine und Geschäfte. Doch der Politik sei auch die wachsende Inanspruchnahme von Landschaft deutlich bewusst: „Die Ausweisung von Baugebieten neigt sich an vielen Orten dem Ende zu,“ sagt Gerhold.

Diese Erfahrung macht auch Claus Steinmetz in der Gemeinde Wabern: Die Akzeptanz fürs Schaffen großer Baugebiete in der Gesellschaft gehe deutlich zurück. „Wir könnten erneut große Baugebiete ausweisen, aber das wollen wir in diesem Umfang wie bisher gar nicht mehr – uns geht es darum, die Ortskerne zu stärken,“ sagt Steinmetz. Wabern werde nicht unbegrenzt weiter wachsen können: Es liegt zum einen begrenzt zwischen Schwalm und Eder und ist zum anderen darauf angewiesen, dass seine Äcker geschützt werden.

Fehlende Bauflächen im Schwalm-Eder-Kreis: Trend zum Flächenrecycling

Das Motto lautet also „Weg vom Bauen auf der grünen Wiese, hin zum Flächenrecycling in der Mitte der Städte und Dörfer“. Geht das überhaupt so ohne weiteres? „Ja“, sagt Steinmetz und verweist auf ein neues Baugebiet mitten in Zennern, das die innerörtliche Entwicklung fördere und allein durch die Lage die Integration in die Dorfgemeinschaft stärke. Und es gebe Beispiele für Sanierungen in den Zentren, so wie die alte Molkerei in Wabern. Steinmetz ist überzeugt: „Die Städte und Gemeinden müssen sich stärker ins Grundstücksmanagement einbringen, um die vorhandenen Potenziale zu entdecken und zu fördern.“

Potenziale fördern, das ist die Aufgabe von Baulotsin Anne Orth in der Bauverwaltung in Schwalmstadt. Sie ist eine der sechs Baulotsen in der Leader-Region Schwalm-Aue und überträgt Leerstände und Baulücken in ein Kataster. Damit entsteht eine Art Datenbank für die Siedlungsentwicklung, ein Instrument, das Bestände aufzeigt, Daten, Zahlen, Fakten zuliefert. Orth nimmt auch Kontakte mit den Eigentümern großer innerstädtischer Flächen auf: „Oft ändern sich ja die Bedürfnisse: Menschen werden älter, wollen deshalb ihre Gärten nicht mehr bewirtschaften, bieten sie dann als Bauland an.“

Schwalmstadt unterstützt die Idee, Lücken zu bebauen: „Der Verbrauch von Wohnfläche pro Mensch ist seit dem Krieg dramatisch nach oben geschossen“, sagt Bauamtsleiter Alexander Inden. Früher wohnten mehrere Generationen in einem Haus, heute sind es meistens Paare oder gar Singles. Diesen verschwenderischen Umgang mit Flächen könne man sich nicht mehr leisten: „Den Luxus, Einfamilienhäuser zu bauen, sollten wir künftigen Generationen trotzdem ermöglichen“, sagt Inden. Das Ausweisen von Baugebieten sei nicht verzichtbar – doch möglichst nachhaltig und ohne Zersiedelung von Landschaft. Deshalb unterstützten Bauverwaltungen und Baulotsen der Leaderregion Schwalm-Aue Interessenten beim Kauf eines Gebäudes in Ortskernen, zeigen auch sanierte Objekte und damit Ideen auf.

„Es braucht gute Vorbilder, um zu zeigen, wie modernes Leben in altem Fachwerk aussehen kann“, sagt Sonja Pauly, Geschäftsführerin der Leader Region Schwalm-Aue. Gerade für individuelle Ideen gebe es zurzeit so viele Programme, Angebote und Ansätze in Sachen Wertermittlung, Wohnen im Alter, wie kaum zuvor, sagt auch Franziska Gimbel vom beratenden Unternehmen Projekt IPU aus Erfurt. Bürgermeister Claus Steinmetz hält das Projekt wie das Siedlungsmanagement für wichtig: Das Leerstandskataster sei ein Instrument, das zum einen Planungen erleichtere. Zum anderen helfe es, Menschen von den Vorteilen eines Lebens mittendrin zu überzeugen. Manche Immobilien erforderten eine zeit- und arbeitsintensive Sanierung, doch schaffe sie einen Wohnwert und einen Mehrwert für den Ort.

Leerstand im Kreis im Überblick

Der Verein Regionalentwicklung Schwalm-Aue hat für die sechs Kommunen der Leader-Region ein Projekt entwickelt, das das Aushöhlen der Ortskerne verhindern soll: In Wabern, Borken, Neuental, Schwalmstadt, Willingshausen und Schrecksbach sind Mitarbeiter der jeweiligen Liegenschaftsämter und Bauverwaltungen als so genannte Baulotsen im Einsatz, sie sollen leer stehende Gebäude und ungenutzte Flächen koordinieren. Interessenten können so ganz fix erfahren, welche Gebäude leer sehen, wie es um deren Zustand bestellt ist und ob sich eine Sanierung lohnt, oder ob das Haus nicht doch ein Fass ohne Boden ist. (Claudia Brandau)

Infos: schwalm-aue.de

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