Raus aus der Tabuecke

25 Jahre Frauenhaus: Awo zeigt Ausstellung in Homberger Innenstadt

Johannes Maiwald von der Stadt Homberg, Frauenhausleiterin Heidemarie Lange, Awo-Geschäftsführerin Adele Hafermas-Fey und Ute Talic stehen vor den Ausstellungsräumen am Homberger Marktplatz und halten Luftballons mit einer 25 in die Höhe.
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Eine Ausstellung zum Jubiläum: Das Frauenhaus Schwalm-Eder befindet sich seit 25 Jahren in der Trägerschaft der Awo. Johannes Maiwald von der Stadt Homberg, der die Idee zum Ausstellungsort am Marktplatz hatte, Frauenhausleiterin Heidemarie Lange, Awo-Geschäftsführerin Adele Hafermas-Fey und Ute Talic.

Seit 25 Jahren existiert das Frauenhaus im Schwalm-Eder-Kreis. Ob der nach wie vor hohen Zahl an häuslicher Gewalt eigentlich kein Grund zum Feiern. Eine Ausstellung gibt es jetzt trotzdem.

Homberg - Vielleicht ist die Tatsache, dass es seit Jahrzehnten ein Frauenhaus im Landkreis geben muss, weil die häusliche Gewalt nach wie vor ein großes Thema ist, tatsächlich kein Grund zum Feiern. Dennoch ist die Nachricht, dass sich die Einrichtung seit 25 Jahren in der Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt (Awo) befindet, eine besondere. Denn die Awo bietet damit seit einem Vierteljahrhundert von Gewalt bedrohten Frauen und Kindern eine sichere Zuflucht, ein offenes Ohr und Perspektiven für ein neues Leben.

Ein Fest zu diesem Anlass gibt es nicht, wohl aber eine Ausstellung, deren Besuch man nicht planen muss, sondern die man sich quasi beim Schlendern über den Marktplatz anschauen kann. Deren bedrückend-bedrohlicher Titel: „Wenn ich groß bin, schlage ich zurück.“

Deren Inhalt: In knappe Sprache übersetzte Bilder, die vor drei Jahren im Frauen- und Kinderschutzhaus Konstanz am Bodensee entstanden sind.

Die Künstler: Kinder zwischen vier und 13 Jahren. Die Werke: Kleine Zeichnungen. Und große Buchstaben, die das Gemalte präzise übersetzen. Entstanden sind sie in der Kunsttherapie, die den Kindern helfen sollte, die innere Balance wieder zu finden.

Es sind klare Aussagen, die da in den Vitrinen der ehemaligen Parfümerie Thiele zu lesen sind – und die deutlich machen, dass Gewalt für viele Mädchen und Jungen zu ihrem Leben gehört. Das weiß man, wenn man Sätze liest wie „Den Papa male ich nicht, weil der nicht nett ist. Er hat mich geschlagen. Obwohl ich nett war.“

Das Kopfkino startet, sobald man die Worte begriffen hat. Und eigentlich will man gar nicht wissen, was da passiert sein muss, bevor ein Kind sein Bild mit den Worten übersetzt: „Ich durfte mit dem Polizeiauto fahren. Ich mag die Polizei.“ Doch Verdrängen ist keine Lösung, denn jede vierte Frau im Land ist von Gewalt betroffen. Das Thema häusliche Gewalt darf damit auf keinen Fall in der Tabu-Ecke ein hässliches Eigenleben entwickeln.

Und genau das verhindert die Ausstellung, sie zerrt das Thema mitten in den öffentlichen Raum, mitten auf den Marktplatz. Ab dem heutigen Donnerstag sind die Plakate coronakonform in den Außenvitrinen der ehemaligen Parfümerie zu sehen. Und damit so öffentlich, dass man sich als Passant anstrengen muss, um sie zu übersehen.

Die prominente Platzierung soll das Thema deutlich machen: Und nicht nur die Zuflucht, sondern die Therapie ist wichtig, sagen Heidemarie Lange und Adele Hafermas-Fey. „Wir wollen im Frauenhaus Kinder nicht nur betreuen, sondern auch kreativ unterstützen.“ Der Fachkräftemangel wirke sich aber auch in dieser Hinsicht aus.

Zwischen 12 und 14 Uhr ist eine Mitarbeiterin der Awo für Fragen und Infos für Interessierte der Ausstellung zur Stelle, donnerstags, zum Wochenmarkt zwischen 16 und 18 Uhr. Zu sehen ist sie bis zum 19. Oktober. Die Plakate werden dann abgehängt. Die Sätze der Kinder bleiben bei vielen Betrachtern garantiert haften. (Claudia Brandau)

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