Künstler wollten Autobahnabschnitt pflastern

Zwischen Homberg und Malsfeld: A 7 sollte Mahnmal für den Holocaust werden

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Künstlerischer Vorschlag: Rudolf Herz und Reinhard Matz wollten die A7 zwischen Malsfeld und Homberg zum Mahnmal umgestalten.

Wenn alles so gekommen wäre, wie es sich die Künstler Rudolf Herz und Reinhard Matz 1997 vorgestellt hatten, wäre die A 7 zwischen Homberg und Malsfeld der mit Abstand berühmteste Autobahnabschnitt der Welt geworden.

Die beiden nahmen damals am Wettbewerb für das Denkmal der ermordeten Juden des Holocausts in Berlin teil – und sprachen sich dabei für ein riesiges Mahnmal inmitten der Republik aus. Eines, das unumgänglich wäre, eines, das einen jeden, der es passiert, im Wortsinne erschüttert: Die Künstler wollten die A 7 zwischen der Raststätte Hasselberg und der Anschlussstelle Malsfeld auf drei Fahrbahnen in beide Fahrtrichtungen pflastern lassen. Nur der Standstreifen sollte für die Rettungsfahrzeuge asphaltiert bleiben.

Texttafeln an den Rastplätzen sollten auf die Verbrechen der nationalsozialistischen Schergen hinweisen, die Fahrer während der langsamen Fahrt den Opfern des faschistischen Wahns gedenken.

Diese Gedanken, so hatten es die Künstler errechnet, hätten etwa 40 Millionen Menschen jährlich betroffen – wobei das Verkehrsaufkommen vor 23 Jahren ja noch deutlich geringer war. Zugleich, so die Überlegung, hätte sich deren Fahrzeit lediglich um zwei oder drei Minuten verlängert.

Das Berliner Denkmalsgelände, so das Konzept, sollte verkauft werden, der Erlös – geschätzte 100 Millionen Euro – das Grundkapital einer Stiftung sein, die verfolgten Minderheiten zu Gute kommen sollte.

Aber es kam dann doch alles anders, die Jury entschied sich für einen Entwurf des amerikanischen Architekten Peter Eisenman. Im Mai 2005 wurde sein Vorschlag, nämlich das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, mitten in Berlin eröffnet. Nahe dem Brandenburger Tor entstand aus 2711 Stelen ein wellenförmiges und 19 000 Quadratmeter großes Feld, das die Besucher zum Nachdenken anregen soll.

Die A 7 als zentrale Nord-Süd-Achse steht im Landkreis vor allem für eines: für lange Staus und schwere Unfälle. Die Bundesanstalt für Straßenwesen zählte 2018 an der Anschlussstelle Bad Hersfeld-West täglich fast 84.000 Fahrzeuge. Darunter 69.000 Autos und 15.000 Laster.

Das Verkehrsaufkommen ist in den vergangenen Jahrzehnten quasi explodiert. Noch 1960 war auf der A 7 bei Völkershain wesentlich weniger Verkehr unterwegs – nur vereinzelt waren Autos zu sehen. Die A 7 war während des Nationalsozialismus als damalige Reichsautobahn samt monumentaler Brückenarchitektur wie in Völkershain gebaut worden.

Ein Sichtschutz war damals noch nicht von Nöten, die Autofahrer konnten den hügeligen Knüll im Vorbeifahren genießen. Das war Absicht: Nationalsozialistische Autobahnarchitekturen wollen das ideologiebedingte „Heimatbild“ von heiler Natur transportieren, das mit technischem Fortschritt in Einklang stand. Mobilität und Fernweh sollten so mit Heimatliebe kompatibel sein.

Des Weiteren spielten die Reichsautobahnen auch beim geplanten Angriffskrieg eine Rolle, auf ihnen sollten große Truppenbewegungen rasch stattfinden. Der Mythos von Hitlers Autobahnen hielt sich noch lange nach 1945, obwohl die Pläne zum Reichsautobahnbau schon vor dessen Machtübernahme 1933 fertiggestellt waren.

Der Autobahnabschnitt zwischen Malsfeld und Homberg ist das Herzstück der 11.000 deutschen Autobahnkilometer. Der Abschnitt liegt mitten in Deutschland. Das war der Grund, warum sich die beiden Künstler Herz und Matz genau für diesen Bereich entschieden hatten. Dort wäre das Denkmal quasi im Herzen der Republik – statt auf einem zentralen Gedenkgelände in Berlin entstanden.

Holocaust-Mahnmal in Berlin

Die Diskussion über Ort, Botschaft und Gestalt des Denkmals für die im Holocaust ermordeten Juden begann Ende der 1980er-Jahre und dauerte fast ein Jahrzehnt. Im Jahr 1995 schrieb der Berliner Senat den ersten künstlerischen Wettbewerb dazu aus. Daraufhin wurden 528 Arbeiten eingereicht. Im Jahr 1997 wurde schließlich ein zweiter Wettbewerb ausgeschrieben. Der Entwurf von Peter Eisenman gewann, musste aber mehrmals verändert werden. 1999 beschloss der Deutsche Bundestag den Bau und die Ergänzung des Mahnmals um einen „Ort der Information“. Heute stehen 2711 quaderförmige Beton-Stelen auf etwa 19 000 Quadratmetern südlich des Brandenburger Tors. Das Mahnmal wurde im Mai 2005 feierlich eingeweiht.

Von Thomas Schattner

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