Bauboom hält an

Baukosten steigen auch im Schwalm-Eder-Kreis extrem: Wertschöpfung für Betriebe stagniert

Das Neubaugebiet Roter Rain IV in Fritzlar ist begehrt. Es befindet sich oberhalb des Schladenwegs und ist seit Mitte der 1980er-Jahre schrittweise gewachsen. ARCHIv
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Das Neubaugebiet Roter Rain IV in Fritzlar ist begehrt. Es befindet sich oberhalb des Schladenwegs und ist seit Mitte der 1980er-Jahre schrittweise gewachsen. ARCHIv

Die Baubranche im Schwalm-Eder-Kreis boomt – hat aktuell aber mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Die Auftragsbücher der Firmen sind trotz der Corona-Pandemie gut gefüllt. So wurden laut Landkreis im Jahr 2016 377 Bauobjekte genehmigt, 2019 waren es 394 und im Jahr 2020 stieg die Zahl auf 483.

„Die Nachfrage an Bauleistungen ist hoch. Vor allem der Wohnungsbau boomt. Auch günstiger, vermietbarer Wohnraum ist gefragt.“, sagt Frank Dittmar, Präsident des Verbandes baugewerblicher Unternehmer Hessen und Geschäftsführer der Dittmar Baugesellschaft in Guxhagen. Doch die Kapazitäten in den Firmen seien teilweise ausgelastet: Auch in der Bauwirtschaft mache sich der Fachkräftemangel bemerkbar.

Vor allem aber fehle aktuell das benötigte Material. Bauholz habe sich verteuert und Stahl fehle vollständig. Trotz des heimischen Baubooms exportiere Deutschland aber unvermindert viel Holz. Die Bundesregierung tue sich schwer, Exportbeschränkungen umzusetzen. Der Stahl fehle auch deswegen, weil beispielsweise in China wegen Corona-Ausbrüchen riesige Frachtschiffe schlicht nicht ausliefen.

„Der Boom ist noch ungebremst“, bestätigt Christopher Kellhammer vom Bauunternehmen Kellhammer in Fritzlar. Auch seine Mitarbeiter arbeiten unter „absoluter Vollauslastung“, Aufträge gibt es reichlich. „Probleme bereiten den Betrieben eher die gestiegenen Materialpreise und Lieferengpässe“, sagt Wolfgang Scholz, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Schwalm-Eder und der Bau-Innung Schwalm-Eder.

Aufträge könnten nicht abgearbeitet werden, weil es an Material fehle. Außerdem gebe es aktuell Preissteigerungen von etwa 30 bis 40 Prozent. „Das ist für viele Betriebe eine schwierige Situation – und die wird uns noch lange begleiten“, sagt Scholz.

Das bestätigt auch Heiko Gringel vom gleichnamigen Bauunternehmen aus Schwalmstadt gegenüber unserer Zeitung: „Bis jetzt konnten wir uns in der Regel auf die Zusagen unserer Lieferanten verlassen. Doch nun zerschießen uns fehlende Bauteile vollkommen unvorhersehbar alle Abläufe.“

Bauboom: Beschäftigte machen Überstunden

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) kritisiert, dass die Beschäftigten der Baubranche durch den Boom viele Überstunden ansammelten und auch am Wochenende arbeiteten. Die Gewerkschaft setzt sich laut Mitteilung daher für ein Einkommensplus von 5,3 Prozent ein. Auch die Wegezeiten, also die Fahrzeiten zu den Baustellen, sollen entschädigt werden. Die Tarifverhandlungen sollen im August weitergehen. 

Bauen ist auch ein Stück weit Schutz

„Grund und Boden versprechen eine große Sicherheit. Bauen ist also ein Stück weit auch ein Schutz vor Altersarmut. Hinzu kommen noch die niedrigen Zinsen“, sagt Wolfgang Scholz, Sprecher der Kreishandwerkerschaft über die möglichen Gründe für den anhaltenden Bauboom.

Doch die Lieferengpässe und die Materialpreise bringen sowohl die Firmen als auch die Bauherren in Schwierigkeiten.

„Wenn sich während der Bauphase die Preise erhöhen, muss man versuchen, diese über Preisgleitklauseln abzupuffern“, sagt Bauunternehmer Frank Dittmar aus Guxhagen. Damit werde ein Teil der höheren Kosten auch an den Bauherren weitergegeben. Auch die Verkürzung der Bindefrist beim Preis sei eine Möglichkeit. Drei Faktoren hätten zuletzt die Baukosten in die Höhe getrieben, sagt Dittmar, der auch Präsident des Verbandes baugewerblicher Unternehmer in Hessen ist.

.  Die Materialkosten seien gestiegen. So fehle es in Deutschland an Holz und Stahl. Das treibe den Preis. Der Anteil von Holz liegt laut Statistischem Bundesamt bei Ein- und Zweifamilienhäusern bei 23 Prozent, im Fertigteilbau dominiert Holz mit 88 Prozent Anteil. Konstruktionsvollholz hat sich im Mai um mehr als 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat verteuert, Dachlatten um 45 Prozent und Bauholz um fast 40 Prozent.

Nicht nur die gestiegenen Holzpreise, auch die Stahlpreise treiben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Kosten auf dem Bau in die Höhe: Betonstahl in Stäben war im Mai um 44 Prozent teurer, Betonstahlmatten kosteten 30 Prozent mehr als im Vorjahr.

.  Außerdem, so Dittmar, seien die Baunebenkosten in den vergangenen Jahren um bis zu 20 Prozent gestiegen. Das liege an zusätzlichen Auflagen für Schall- und Wärmeschutz und den Grundstückspreisen, die stetig stiegen.

.  Die Kosten für Arbeitsleistung der Betriebe sei ebenfalls gestiegen. Trotz der erheblichen Preissteigerungen für Bauherren bleibt die Wertschöpfung bei den Betrieben aus.

Die Ersparnisse am Geldmarkt würden daher aktuell von vielen anderen Faktoren aufgefressen. Viele Bauherren wüssten von diesen aktuellen Problemen und seien verständnisvoll, berichtet Christopher Kellhammer. „Die Preissteigerungen betreffen schließlich Bauherren sowie Unternehmen.“

Der Schwalmstädter Bauunternehmer Heiko Gringel bitte in dem Zusammenhang ebenfalls um Verständnis bei den Kunden. So eine Situation habe er bislang noch nicht erlebt. Standardmaterialien seien zwar verfügbar, nur teurer und mit deutlich längeren Lieferzeiten, berichtet Gringel: „Das haben wir durch vorausschauende Planung und deutlich ausgedehnte Lagerhaltung noch im Griff“. Insbesondere bei überörtlichen Lieferanten registriere man aber teilweise unglaubliches Geschäftsgebaren, ärgert sich Gringel: „Je spezieller die Materialien und je größer und weiter weg die Lieferanten sind, desto extremer sind Preiserhöhungen und die Kündigung von Lieferterminen ist inzwischen fast die Regel.“  

Gründe für Baustoffmangel sind vielfältig

Die deutschen Bauunternehmen leiden immer stärker unter Materialmangel und steigenden Einkaufspreisen. Das geht aus den Umfragen des Münchner ifo Instituts hervor. Im Hochbau meldeten demnach 50,4 Prozent der Betriebe Beeinträchtigungen durch Lieferverzögerungen. Im Mai waren es 43,9 Prozent und im April 23,9 Prozent.

Es gibt mehrere Gründe für den aktuellen Mangel an Baustoffen. Natürlich spielt dabei auch die Corona-Pandemie eine Rolle. Wer in den vergangenen Monaten nicht in den Urlaub fahren konnte, investierte sein Geld in Haus, Hof und Garten. Eine starke Nachfrage führt zwangsläufig zu Preissteigerungen und Verknappung.

Weitere Faktoren kommen hinzu: Nach Recherchen des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) gab es zum Beispiel in einer großen Produktionsanlage für die Rohstoffe Styrol und Propylenoxid einen Ausfall, was wiederum zu Lieferschwierigkeiten bei Dämmstoffen führte. Die wieder anziehende Konjunktur in den USA und Asien ließ unter anderem die Holzpreise steigen.

Grund für den deutlichen Anstieg der Stahlpreise sind nach Angaben des Hauptverbandes der Bauindustrie begrenzte Lieferkapazitäten der Hersteller aufgrund verstärkter Nachfrage im Automobilsektor und im Maschinenbau. Gleichzeitig wurden in Zeiten jahrelang stagnierender Preise Überkapazitäten abgebaut und Investitionen zurückgefahren. Hamsterkäufe und Störungen in den weltweiten Lieferketten – zum Beispiel durch die coronabedingte Sperrung von Häfen in China, dem quergestellte Containerschiff „Ever Given“ im Suez-Kanal oder dem Mangel an Containern – trugen ihren Teil zur Verknappung und Preissteigerungen bei.

Im Mai haben 40 Prozent der vom ifo Institut befragten Baufirmen eine Behinderung ihrer Bautätigkeit durch Materialknappheit gemeldet. Die Folge: Die aktuelle Geschäftslage im Bau bewerten die Firmen noch positiv, die Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate hingegen negativ, heißt es in einer Pressemitteilung des Interessenverbands. (Damai D. Dewert, Julia Stüber Und Matthias Haas)

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