Mann fordert Baumschutzsatzung

100 Jahre alte Kastanie: Baumbesetzer hat aufgegeben

Homberg. Das Thermometer zeigt gerade mal ein Grad über Null an. Otto Pirn trägt Halbschuhe, Socken, eine weiße Hose, schwarze Winterjacke und eine Mütze.

Handschuhe hat er keine dabei, als er über eine Leiter auf die große, alte Kastanie im Schwenkenweg klettert. Gut vorbereitet ist der 70-Jährige zwar nicht, als er auf den Baum im Schwenkenweg klettert, dafür aber um so entschlossener. Sein Ziel: Er will verhindern, dass der über 100 Jahre alte Kastanienbaum, der auf einem Privatgelände steht, gefällt wird.

Das Gesetz

Aktualisiert um 17.30 Uhr.

Und dafür überschreitet der Senior sogar gleich mehrfach das Gesetz: Von Nötigung und Hausfriedensbruch spricht die Polizei in diesem Fall. „Es handelt sich um mehrere Straftatbestände“, sagt ein Polizeisprecher. Denn der Baum stehe auf einem Privatgrundstück und rechtlich sei die Baumfällaktion nicht zu beanstanden (wir berichteten). Zwar seien die Beamten zu der Besetzung gerufen worden, eine Strafanzeige liege aber noch nicht vor.

Der Naturschutz „Aus naturschutzrechtlicher Sicht ist es in Ordnung, wenn der Artenschutz berücksichtigt wird“, erklärt Dr. Klaus Lambrecht von der Unteren Naturschutzbehörde. Beim Artenschutz habe er zu dieser Jahreszeit keine Bedenken. Rechtlich sei der Vorgang völlig in Ordnung.

Die Baumfäller Sie machen nur ihre Arbeit, sagten die Spezialisten der Baumfäll-Firma. Doch solch eine Besetzer-Aktion wie in Homberg hätten sie in all den Jahren nicht erlebt. „Einmal gab es in Alsfeld eine Menschenkette, doch auch dort war es ein Privatgrundstück und die Aktion hatte keinen Erfolg.“ Ihre Arbeit könnten sie jedenfalls nicht fortsetzen, so lange jemand im Baum sitzt. „Dadurch entstehen Wartezeiten für uns und Standzeiten für die Maschinen - und somit Zusatzkosten“, erklärt einer der Arbeiter.

Der Architekt

Es sei natürlich bedauerlich, wenn alte Bäume gefällt werden müssten, sagt Klaus Mienert, der für das Bauvorhaben beauftragte Architekt. Man habe viel überlegt und genau abgewogen. Der Baum sei über 100 Jahre alt und Kastanien würden meist etwa 120 Jahre alt, erklärt er. Er habe versucht, alle Nachbarn im Vorfeld zu informieren, Pirn aber nicht erreicht. Durch die Protestaktion entstehe ein Verlust, den man dem Protestler anlasten müsse. Zudem sei die Kletteraktion ohne jede Sicherung des 70-Jährigen nicht ungefährlich, gibt Mienert zu bedenken.

Die Beobachter Immer wieder blieben Fußgänger stehen, um Otto Pirn bei seiner Aktion zu beobachten. Einige nickten ihm zustimmend zu, doch die meisten Passanten hatten kein Verständnis für die Aktion des 70-Jährigen. „Das ist doch ein Privatgrundstück“ und „Der Baum ist alt und brüchig“, gab es immer wieder zu hören.

Der Baum-Besetzer

Er wohnt seit Jahren neben den Kastanienbäumen, die jetzt gefällt werden sollen. Deshalb habe er auch eine besondere Beziehung zu den Bäumen, sagt Otto Pirn. Er wolle nicht dabei zusehen, wie man die für ihn bedeutenden Bäume vernichtet. Eigentlich hatte er geplant, den ganzen Donnerstag auf dem Baum auszuharren. Sogar ein Frühstück und Handschuhe wurden ihm noch gebracht. Doch gegen Mittag rückte die Polizei an und forderte ihn auf, die Aktion zu beenden. Pirn gab nach – nachdem die Baumfäll-Spezialisten ihren Einsatz abbrachen. Doch aufgegeben hat er nicht: Selbst wenn der Kastanienbaum nicht zu retten sei, fordere er eine Baumschutzsatzung für Homberg.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.