Corona in Nordhessen

Entrümpelungen in Corona-Krise: Mehr Menschen entsorgen Müll im Wald

+
Reifen, Autoteile, Unrat aller Art: Die Forstämter und Jagdpächter finden in diesen Tagen viele Müllhalden im Wald vor. 

Während der Corona-Krise entrümpeln auch in Nordhessen viele Leute ihre Keller oder renovieren Räume. Der Müll, der entsteht, landet oft dort, wo er nicht hinsoll: Im Wald.

  • Auch in Nordhessen sind während der Corona-Krise viele Menschen zu Hause.
  • Viele nutzen die Zeit entrümpeln oder renovieren ihr Haus.
  • Der Müll, der dabei entsteht, wird zu einem Problem.

Schwalm-Eder-Kreis - Der Wald vermüllt. Abfall. Bauschutt, Grünschnitt, Müll, Ölkanister, Reifen und Ziegeln: Die Förster und Jagdpächter im Landkreis Schwalm-Eder in Nordhessen finden in diesen Wochen an ungezählten Stellen im Wald Unrat vor, den die Menschen dort entsorgen. 

Viele Leute sind zurzeit wegen der Corona-Krise zu Hause, entrümpeln Keller, renovieren Räume, arbeiten im Garten – und zeitgleich sind viele Grünschnittsammelstellen und Deponien im Landkreis geschlossen. Ein unheilvoller Kreislauf, denn das zunehmende wilde Verklappen von Müll, wie es Neukirchens Forstamtsleiter Florian Koch nennt, fügt der Natur großen Schaden zu.

Die Forstämter setzen darauf, dass Spaziergänger die Augen offen halten und Umweltsünder melden. „Ein solches Verhalten ist indiskutabel, da darf man nicht wegschauen – das ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Straftatbestand“, sagt Petra Westphal vom Forstamt in Melsungen. Und der zieht harte Konsequenzen nach sich: Wer Gefahrenstoffe wie Altöl, Farben und Lacke in die Natur einbringt und erwischt wird, muss mit einer Strafe von bis zu 50 000 Euro rechnen.

Corona in Nordhessen: Der Wald vermüllt

Karl-Gerhard Nassauer vom Forstamt Jesberg hat wie seine Kollegen null Verständnis für Umweltsünder. Gerade haben Mitarbeiter einen Berg alter Fenster mit zersplitterten Scheiben gefunden, an denen sich das Wild verletzten kann. Zudem wirken Scherben wie Brenngläser – und erhöhen die Waldbrandgefahr. „Die Wälder sind durch Dürre und Borkenkäfer ohnehin schwer belastet – da richten all diese Müllhalden weiteren Schaden an.“

Dazu zählt auch der Rasenschnitt, den viele Menschen zurzeit in den Wald karren. Doch auch das ist nicht erlaubt: „So gelangen Pflanzen wie Springkraut oder Riesenknöterich in Bereiche, in die sie nicht gehören“, sagt Koch. Doch die Aussicht, dass Kompostierungsanlagen und Grünschnittsammelstellen bald wieder öffnen, besteht nicht, sie bleiben wegen der Corona-Pandemie weiter geschlossen. „Wir müssen unsere Mitarbeiter schützen“, sagt Dr. Peter Zulauf vom Abfallzweckverband Lahn-Fulda. „Nur so können wir gewährleisten, dass der Hausmüll weiter abtransportiert wird.“

Corona in Nordhessen: Mülldeponien bleiben geschlossen

Für Dr. Peter Zulauf steht fest: Solange die Corona-Pandemie grassiert, werden die Kompostierungsanlagen und die Mülldeponie Uttershausen nicht wieder für private Kunden geöffnet. Sie sind seit zwei Wochen und noch bis mindestens 20. April gesperrt, daran lässt Dr. Peter Zulauf, Geschäftsführer der Abfallwirtschaft Lahn-Fulda (ALF) keinen Zweifel: „Alles andere wäre jetzt ein völlig falsches Signal.“

Zulauf versteht den Ärger der Förster und Jagdpächter, die vermehrt Rasenschnitt und Müllhalden in den Wäldern finden. Und er hat auch Verständnis für all die Grundstücksbesitzer, die gerade im Garten werkeln und den Rasen mähen – und dann nicht wissen, wohin mit all dem Grünschnitt. Die meisten Kommunen haben ihre Grünschnittsammelanlagen geschlossen und auch die Kompostierungsanlagen in Homberg und Schwalmstadt sind dicht. Und das bleiben sie auch. Denn für die Geschäftsführung von ALF steht außer Frage: „Wenn wir unsere Mitarbeiter vor Corona schützen wollen, müssen wir die Anlieferung von Müll und Grünabfällen aussetzen.“

Die Deponien sind weiter geschlossen: Peter Zulauf, Jasmin Rupp und Katharina Bätz von der Abfallwirtschaft Lahn-Fulda am Schredderplatz Uttershausen. 

Der Schutz der Mitarbeiter hat für ALF oberste Priorität – denn nur so könne gewährleistet werden, dass auch weiterhin der Hausmüll abgeholt und umgeschlagen werden kann. „Wir müssen handlungsfähig bleiben – sonst bricht das Versorgungssystem zusammen“, sagt Zulauf.

Müll-Problem im Schwalm-Eder-Kreis besteht schon länger:

Corona in Nordhessen: Sicherheit der Mitarbeiter geht vor

Die Abfallwirtschaft Lahn-Fulda ist Teil der Entsorgungskette im Landkreis Schwalm-Eder. Die Einsammelfirmen holen den Müll ab, bringen ihn zum Umschlagplatz nach Uttershausen, den ALF betreibt. Doch wenn die Müllwagen in Uttershausen vor geschlossenen Toren stehen, weil zu viele Mitarbeiter der Deponie dort erkrankt sind – dann ist diese Kette durchbrochen. „Unsere Leute auf dem Umschlagplatz sind für eine zuverlässige Müllentsorgung unverzichtbar – und diese Dienstleistung wollen und müssen wir garantieren.“

Aus diesem Grund und wegen der vielen Kontaktmöglichkeiten sind auch die Kompostierungsanlagen Homberg und Schwalmstadt geschlossen, die ebenfalls im Auftrag der Abfallwirtschaft Lahn-Fulda in Nordhessen arbeiten. Die Mitarbeiter sichten dort Anlieferungen, nehmen Geld entgegen, sprechen mit den Kunden: „Wir müssen dringend das Risiko reduzieren, dass sie sich dabei infizieren.“

Und selbst wenn der Betrieb auf großen Anlagen wie in Homberg entzerrt und ein anderes System entwickelt würde – dann wäre die Empörung beispielsweise in Schwalmstadt groß, wo das sehr kleine Areal keine Entzerrung der Abläufe zulasse. „Deshalb ist eine einheitliche Lösung wichtig. In diesem Falle ist es die sicherste.“

Corona in Nordhessen: Abfälle nicht wild im Wald entsorgen

Zulauf appelliert an alle Gartenbesitzer, ihre Abfälle so lange in einer Ecke zwischenzulagern, bis sich die Situation ändere. Oder, wenn die Menge zu groß werde, einen Containerdienst zu beauftragen. Die Anlieferung von Gewerbetreibenden sei weiter möglich. „Die Abfuhr im Container kostet ein paar Euro mehr als die Fahrt zur Deponie in normalen Zeiten, das ist richtig. Aber wir erleben gerade keine normalen Zeiten. Das ist der Punkt.“ Man könne in der Corona-Krise nicht eine Patentlösung für alle Probleme anbieten: „Jeder muss jetzt seinen Beitrag leisten. Es geht nicht darum, dass weiter alles offen bleibt, sondern darum, dass man die Krise in den Griff bekomme.

Aber auch wenn die jetzige Situation einen Einschnitt für Gartenbesitzer darstelle, sei es völlig unverständlich, dass manche Menschen ihre Abfälle im Wald abladen. Das gelte auch für all die, die jetzt Badezimmer, Küchen, Wohnräume renovierten und ihren Schutt gedankenlos in die Natur kippten. Auch für diese Fälle verweist Zulauf auf die Containerdienste, die Abfälle umweltfreundlich und sauber entsorgten – und auf den Sperrmüll, der ganz normal kostenfrei beantragt werden kann.

Zulauf ist aber nicht sicher, ob es wirklich ausschließlich an den geschlossenen Deponien liegt, dass so mancher seinen Müll wild entsorgen. „Viele werden das einfach als eine gute Ausrede vor sich selber nutzen.“ Peter Zulaufs Appell ist derselbe wie der der Forstleute: Unrat nicht einfach abladen und verklappen, sondern fachgerecht entsorgen. Das sei allen und immer möglich – auch in Zeiten des Coronavirus.

Von Claudia Brandau

Mehr zu Corona in Nordhessen:

Die neuesten Entwicklungen zu Corona in Nordhessen gibt es im News-Ticker. - Das Gesundheitsministerium in Hessen könnte während der Corona-Krise Akut-Betten in Reha-Kliniken ausweisen lassen. Bislang geschieht das auch in Nordhessen nicht. - Um die Ausbreitung von Corona in Nordhessen einzudämmen, lässt das Hospital in Fritzlar derzeit keine Begleitung für Schwangere zu. Die Klinik erklärt, wieso diese Regel nötig ist.

Erntehelfer auch in Nordhessen gesucht

Ohne ausländische Saisonarbeiter geht bei der Spargel-, Erdbeeren- und Kirschenernte in der Regel nichts. Derzeit bangen Bauern im Werra-Meißner-Kreis in Nordhessen, ob während der Corona-Krise ausreichend Helfer mitanpacken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.