Interview

Die richtigen Angebote sind entscheidend: Summer of Pioneers Chance oder Hürde für Homberg?

Fachwerkfassaden auf dem Homberger Marktplatz von der Stadtkirche aus fotografiert. Die Sonne scheint durch die gelb gefärbten Blätter der Linde.
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Im Mittelpunkt: Der Summer of Pioneers spielte sich hauptsächlich auf dem Homberger Marktplatz ab. Archiv

Der demografische Wandel ist auf dem Land in aller Munde. Die Bevölkerung altert, weil das Land für viele Junge unattraktiv geworden ist. Genau die braucht es aber, wenn eine Stadt weiterhin bestehen will.

Homberg - Mit Dr. Martin Herbold, der zum demografischen Wandel geforscht hat, haben wir darüber gesprochen, ob Projekte wie der Summer of Pioneers eine Chance sind.

Kleinstädte wie Homberg haben häufig ein ähnliches Problem: Es gibt Leerstand, außerdem fehlen junge Menschen. Mit dem Summer of Pioneers sollen neue Leute in die Stadt geholt werden.
Grundsätzlich kommt der demografische Wandel durch eine demografische Alterung. Die Bevölkerung geht zurück, also stehen auch weniger Arbeitskräfte zur Verfügung. Genau da setzt auch ein Projekt wie der Summer of Pioneers an. Man macht sich bewusst: Wir haben einen Bevölkerungsrückgang und eine stetige Alterung. Man versucht, den ländlichen Raum wieder attraktiv zu machen und die Problematik zu beleuchten.
Kann das mit Projekten wie dem Summer of Pioneers gelingen?
Ein solches Projekt ist eine Maßnahme, die von der Intensität sehr punktuell ist. Dem Problem des demografischen Wandels in seiner Gesamtheit kann es gar nicht gerecht werden.
Weil sechs Monate nicht ausreichen?
Genau. Man geht davon aus, dass in den nächsten 20 Jahren die Bevölkerung in Nordhessen im besten Fall fünf Prozent abnehmen, im schlechtesten Fall um zehn Prozent sinken wird. Wenn 20 Pioniere nach Homberg kommen, reicht das gar nicht aus. Es ist aber gut, dass es solche Projekte gibt, um die Aufmerksamkeit auf die Schwierigkeiten des ländlichen Raums zu werfen, die Homberg und vergleichbare Städte haben. Die Hoffnung ist, dass Folgeeffekte entstehen: Wenn andere neugierig werden, kann die Stadt für viele interessant werden.
Wo läuft es schon gut in Sachen demografischer Entwicklung im Landkreis?
Die Region, die vom demografischen Wandel weniger betroffen ist, ist der nördliche Teil des Landkreises, dem Randgebiet zu Kassel. Aufgrund hoher Grundstückspreise weichen die Menschen aus Kassel aus und ziehen nach Gudensberg, Edermünde. Dann ist da aber auch noch Fritzlar. Da sind wir beim Thema Infrastruktur. Die ist ganz entscheidend. Ein Autobahnanschluss sorgt dafür, dass Menschen bereit sind, fünf oder zehn Kilometer weiter aus einem Oberzentrum wegzuziehen, weil es möglich ist, zum Arbeitsplatz zu pendeln.
Das ist ein Nachteil für Homberg?
Wir haben keinen Bahnanschluss, unser öffentlicher Personennahverkehr muss verbessert werden – auch in Bezug auf Nachhaltigkeit und Ökologie. Der nächste Autobahnanschluss ist weiter weg. Das sind Schwierigkeiten für eine Kreisstadt im Vergleich zu Fritzlar, Gudensberg und Melsungen. Deren Bonuspunkt ist B.Braun und die damit einhergehende gute Arbeitsplatzsituation.
Wobei man in Sachen Arbeitsplätze in Homberg die Kreisverwaltung anführen könnte.
Homberg ist in puncto Arbeitsplätze gut aufgestellt. Wir waren es aber früher noch besser; als es das Amtsgericht, die Klinik gab. Ursprünglich gab es mehr als 2000 Dienstposten im Kasernenbereich. Der Weggang hat unmittelbare Auswirkungen auf die Infrastruktur.
Welche denn?
Die Gastronomie wird seltener genutzt, wenn weniger Soldaten da sind, damit einher geht ein Kaufpreisverlust. Einzelhandel ist ein komplexes Problem, das auch mit verändertem Kaufverhalten zu tun hat. Er ist aber ein Teilaspekt des demografischen Wandels. Wir müssen versuchen, Attraktivität zu schaffen.
Was gehört dazu?
Breitbandausbau. Schnelles Internet ist heute eine Grundvoraussetzung. Wir brauchen eine gute Kinder- und Schulbetreuung. Es braucht aber auch Schwimmbäder und kulturelle Angebote. Nur das zeichnet eine interessante Stadt aus und macht für Menschen aus Metropolregionen attraktiv, die ein ganz anderes Angebot gewohnt sind.
Dann kann eine Kommune wie Homberg wettmachen, dass sie keinen Autobahnanschluss hat?
Davon bin ich überzeugt. Wir brauchen schnelles Internet, damit Menschen von Zuhause aus arbeiten können. Das funktioniert seit Corona. Wir müssen nicht mehr mobil sein, um jeden Tag arbeiten zu können.
Das holt zwar neue Einwohner, aber lange keine Arbeitnehmer in die Stadt.
In Sachen Arbeitsplätzen ist die Stadt gefragt: Sie muss Gewerbeansiedlungen vorantreiben. Im Kasernenbereich hat Homberg Potenzial. Wenn man die Pioniere betrachtet, arbeiten sie weniger in großen Industrieunternehmen, sondern sind eher Individualisten. Für die kann man gute Angebote schaffen: günstigen Wohnraum, das Büro fußläufig erreichbar, Breitband, nahe gelegene Kita und nette Cafés. Das lockt Menschen in die Stadt. Man muss den Mut haben, Dinge auszuprobieren. Auch wenn nicht alles funktionieren wird. (Chantal Müller)

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