Retter der Vergangenheit

Ehrenamtspreis des Hessischen Archivpreises für Homberger

Im Geheimkämmerlein: So nennen Eckhard Preuschof und Margarete Bott den Raum, in dem sie die Unterlagen aus Marburg bearbeiten. Bott überträgt die alten Schriften und leistet somit die Hauptarbeit bei der Archivierung der Unterlagen aus dem Marburger Staatsarchiv. Foto: privat

Homberg. Das Thema Das was das Team des Heimatkundlichen Archivs in Homberg in den vergangenen Monaten geleistet hat, ist vorbildlich.

So sehr, dass das Archiv den Ehrenamtspreis des Hessischen Archivpreises erhält. Die Mitglieder haben es geschafft, ein als aussichtslos erschienenes Projekt zu realisieren und somit wertvolles kommunales Archivgut der allgemeinen Forschung zugänglich zu machen.

Sie haben sich jede Menge Arbeit aufgeladen, um die Vergangenheit in die Gegenwart zu retten: Die Mitglieder des Heimatkundlichen Archivs haben im Marburger Staatsarchiv viel Zeit verbracht, um noch nicht erschlossenes Archivgut aufzuarbeiten. „Dabei handelt es sich um rund 90 laufende Meter der bedeutenden Überlieferung der Stadt, darunter ältere Archivalien aus dem 17. bis 19. Jahrhundert“, sagt Eckhard Preuschof, Leiter des Homberger Archivs. Er betont die Gemeinschaftsleistung, auch wenn er den Preis erhalte. „Es ist eine Auszeichnung für uns alle.“ Und irgendwie ist es ihm auch etwas unangenehm, dass er bei der Preisverleihung im Mittelpunkt stehen wird und nicht das ganze Homberger Archiv-Team.

Aufgrund der personellen Situation hätte das Staatsarchiv die Unterlagen in absehbarer Zeit nämlich nicht erschlossen. Und: Die Kosten dafür hätten sich auf 120 000 Euro belaufen. Da boten sich die Homberger an, die Arbeit ehrenamtlich zu übernehmen. Zwar sind sie keine Archivare, aber versiert im Umgang mit Archivgut. Vor allem Margarete Bott transkribierte die alten Schriften. Das Übertragen der alten Schriften ist ihre Spezialität. Seit April 2013 fuhren die Homberger einmal pro Woche nach Marburg.

„Archive braucht man“, sagt Preuschof entschlossen. „Die Vergangenheit ist wichtig für die Zukunft.“ Zugleich weiß er, dass auch das Homberger Archiv nur von einer Minderheit genutzt wird.

Von Menschen, die an der Geschichte der Stadt interessiert sind oder von Menschen, die Material zum Beispiel für ein Dorf-Jubiläum oder zur Erforschung ihrer Familiengeschichte benötigen. „Ihnen allen versuchen wir zu helfen“, sagt Preuschof.

Damit das künftig noch besser gelingen kann, hat sich das Team des Museums daran gemacht, Unterlagen über Homberg aus dem Archiv in Marburg zu übertragen. Mittlerweile dürfen sie sogar nach und nach die Archivalien in Homberg erfassen. 135 der zunächst 210 Pakete haben sie bearbeitet. „Es sind aber noch drei Mal so viele dort“, sagt Preuschof. Man habe noch Jahre zu tun.

Immer wieder spricht er von seinen Mitstreitern. „Wir sind ein Team und wir sammeln wie die Eichhörnchen“, sagt er und lächelt. Neben Preuschof arbeiten Lothar Pflug, Margarete Bott, Rolf Mänken, Dr. Heinz Nöding und Lilia Filbert daran, die Vergangenheit zu sichern.

72 Stunden verbringen die Ehrenamtlichen durchschnittlich jede Woche im Archiv. Doch für all ihre Arbeit, die dort täglich ansteht, hätten sie den Ehren-Archivpreis niemals bekommen, sagt Preuschof. Auch nicht dafür, dass sie die Arbeit im Museum optimiert hätten. „Den Preis gibt es für unsere zusätzliche Arbeit, die Verzeichnung Homberger Archivalien aus dem Marburger Staatsarchiv. Darüber freuen wir uns sehr, aber noch schöner wäre ein Preis für unser Archiv“, sagt Preuschof und lächelt.

Raus aus dem Schattendasein

Mittlerweile ist das Archiv in der Bischofstraße rappelvoll. Vier Räume in dem Fachwerkhaus stehen den Sammlern zur Verfügung. „Wir haben keinen Platz mehr“, sagt Preuschof. Es seien relativ wenig Archivalien, dafür aber viele Druckschriften und Bilder. 150 Kilo dürfen den Boden des alten Gebäudes pro Quadratmeter belasten. „Das haben wir überschritten“, erklärt Preuschof und zuckt ratlos mit den Schultern. Man habe versucht das Gewicht so gut wie möglich zu verteilen und die Querwände nicht zu stark zu belasten. Auch habe sich ein Statiker die Räume angesehen. Die Grenzen seien erreicht. Es müsse eine Lösung her.

Meist seien es Nachlässe, die das Archiv erhalte. So wie das Kriegstagebuch von Heinrich Ruppel. Der schrieb darin über die Besetzung Hombergs durch die Amerikaner. „Es ist wichtig zu erfahren, wie Zeitzeugen diese Monate schildern.“ Eine spannende Aufgabe, sagt Preuschof und und blättert in einem Ständebuch von 1837. „Wer früher in der Kirche einen besonderen Platz erhielt, zählte zu den reichen Leuten. Welche Familien das waren, lässt sich heute darin nachlesen.“

Lange suchen muss man im Heimatkundlichen Archiv übrigens nicht, um etwas zu finden. „Wir haben das Archiv so geordnet, dass Mitarbeiter und Besucher minutenschnell das bekommen, was sie suchen - wenn wir es da haben.“ Zu entdecken gibt es auch das älteste Buch des Archivs: ein Steuerbuch von 1537.

Klar wäre es schön, wenn das Archiv in neue Räume ziehen könnte, doch sei das aus Kostengründen eher unwahrscheinlich, sagt Preuschof. Einen Verbund mit historischen Vereinen könne er sich gut vorstellen. „Dafür müsste uns ein großes Haus bereitgestellt werden. Dann könnten wir Büro- und Ausstellungsräume bieten. „Wir könnten endlich Ausstellungen anbieten, das ist uns derzeit überhaupt nicht möglich.“

Da das Archivwesen in Nordhessen ein Entwicklungsgebiet sei, wäre auch in diesem Bereich eine interkommunale Zusammenarbeit möglich, nennt er eine weitere Alternative. Etwa mit Knüllwald, Frielendorf, Schwarzenborn und Homberg. „Man könnte auch eine größere Region erfassen, zum Beispiel mit Felsberg, Borken und Wabern.“ Denn die meisten Archive fristen ein Schattendasein - das könnte sich dann ändern. (may)

Von Maja Yüce

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