HNA-Redakteurin mit Huberbuam unterwegs

Extremkletterer Alexander Huber aus Berchtesgaden spricht über das Aushalten der Angst

Angst vor der Angst darf man solchen Momenten nicht haben: Extremkletterer Alexander Huber aus Berchtesgaden am Berg.
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Angst vor der Angst darf man solchen Momenten nicht haben: Extremkletterer Alexander Huber aus Berchtesgaden am Berg.

Der Extremkletterer Alexander Huber hat zusammen mit seinem älteren Bruder Thomas Berggeschichte geschrieben: Die „Huberbuam“ haben neue Dimensionen im Klettern und Bergsteigen erschlossen, ungezählte Rekorde an den steilsten Wänden der Welt erstellt. Unsere Redakteurin hat den 52-Jährigen vor dem Lockdown beim Klettern begleitet und ihn nach seinem Umgang mit der Angst gefragt.

Wann hatten Sie das letzte Mal Angst?

Gestern. Ich saß auf dem Mountainbike und hatte Angst, die Kurve nicht zu kriegen.

Sie reden nicht lange um ein Gefühl herum, das jeder kennt, aber kaum einer zugibt.

Andere benutzen nur andere Worte. Ein Chef beispielsweise spricht vom „Respekt“ vor einer Entscheidung, nie von der Angst vor ihr. Dabei ist Respekt in diesem Zusammenhang nur ein Synonym. Aber von Angst kann er ja nicht sprechen, denn der Begriff ist längst stigmatisiert. Die „German Angst“ ist ein fester Begriff im Englischen und bezeichnet eine ganz neue Dimension der Angst.

Bergsteiger Alexander Huber im Herbst 2020 an der Bergstation Jenner.

Als Kletterer kennen Sie sich in diesen Dimensionen wohl aus.

Bergsteigen ist eine brandheiße Sache. Wer dort ans Limit geht, der geht auch mit seiner Angst ans Limit. Und das ist gut so.

Warum das denn?

Weil es vernünftig ist, dass der Mensch Angst vor dem Abgrund hat. Ein Vogel muss das nicht haben – der Mensch schon. Die Natur ist mit Gefahren verbunden, deshalb ist die Angst schon immer überlebensnotwendig. Wir brauchen sie, um vorsichtig zu sein, um in Habachtstellung zu gehen.

Das klingt, als wäre die Angst für Sie eine gute Freundin.

Das ist sie! Die Angst ist ein Warnsignal, ohne das wir verloren wären. Wenn man sie spürt, heißt es: „Setz dich mit der Situation auseinander! Überleg gut, was du tust, aber lauf nicht davon.“

Sie halten gerade tatsächlich ein Plädoyer fürs Angsthaben...

Ja. Weil wir sie oft nicht fühlen wollen und wegschieben. Selbstverantwortliches Handeln wird in unserer Gesellschaft immer mehr ausgeblendet, wir sind in jeder Hinsicht versichert, abgesichert, lassen uns vieles zusichern. Anstatt des Einzelnen übernimmt oft die Gesellschaft die Gefahrensicherung.

So werden Risiken gering gehalten...

Aber so steht die Angst doch auch in keiner Relation. Wenn ich mich um sonst nichts sorgen muss, keinen Hunger, keine Kälte, keine Geldnot, keine Gefahren kenne – dann verselbstständigen sich Ängste. Dann entwickelt sich oft eine meist völlig grundlose und irrationale Angst vor Krankheit, Krebs, Existenznot. Das ist die Krux: Wir sind eine sehr ängstliche Gesellschaft geworden.

Gab es das früher nicht?

Nein. Früher wurde jeder Einzelne gebraucht: Wer auf einem Bauernhof arbeitete, war den ganzen Tag gefordert. Er hatte keine Zeit zum Grübeln, sondern für viel Arbeit, analoge Aufgaben und Herausforderungen. Heute haben wir eine digitale Welt, mit der viele überfordert sind. Es wäre besser, deutlich zu entschleunigen: Mit diesem Tempo, das wir drauf haben, fahren wir am Rand dessen, was wir leisten können.

Was ist die andere Seite der Angst-Medaille? Vertrauen?

Nein, Mut. Angst und Mut sind eng miteinander verflochten. Aber es braucht trotzdem auch Vertrauen, wenn ich etwas Neues ausprobieren will. Es ist eine schmale Linie zwischen dem, was geht und was nicht geht. Aber wenn ich nicht mutig bin, komme ich nirgends hin. Man muss sich auch was trauen, sonst gewinnt die Angst.

Dem Thema Mut haben Sie ein Denkmal gesetzt, indem Sie eine Route am Felsendom „Weiße Rose“ nannten. Das ist eine Hommage an die Geschwister Scholl...

Ja, Denn Hans und Sophie Scholl haben jeden Tag ihre Angst überwinden müssen. Sie haben jeden Tag Mut gezeigt und für ihre Werte gekämpft. Das ist meine Wertschätzung für sie, dass die Kletterroute nun so heißt.

Als Bergsteiger und Free Solo Kletterer ist man wohl Meister im Angstüberwinden... Aber wie gehen Sie mit der Angst Ihrer Familie um?

Die Kinder wissen, dass ich immer wieder heimkomme. Sie kennen mein Motto „Ein wirklich guter Bergsteiger wird auch alt.“ Ich bin vorsichtig. Und seitdem die Kinder da sind, klettere ich kein Free Solo mehr.

Als Extremkletterer gibt es doch vielleicht eine Angst, die man nicht so leicht in den Griff bekommt...

... die des Älterwerdens meinen Sie? Ja. Als Sportler muss man sich schon früh mit dem Älterwerden und der Reichweite des Lebens auseinander setzen. Vieles, was früher selbstverständlich war, geht irgendwann mal nicht mehr.

Sie sind ein Profi für die Angst, oder?

Bin ich das? Ich will einfach die Menschen anregen, sich mit diesem Gefühl auseinander zu setzen. Ihnen Mut machen, sich mit ihren Zweifeln und Ängsten zu outen, den seelischen Müll loszuwerden, der sich oft im Lauf der Zeit angesammelt hat.Wir sind soziale Wesen und brauchen einander. Deshalb arbeite ich auch in einem psychologischen Krisendienst und in einer Angstselbsthilfegruppe. Das sind wichtige Institutionen, die in Zeiten der Coronakrise mehr gebraucht werden als je zuvor.

Zur Person

Alexander Huber (51) stammt aus dem bayrischen Troisdorf. Mit seinem Bruder Thomas (53) prägte er stark den Klettersport. Die Brüder, die zu den erfolgreichsten Alpinisten der Welt zählen, stellten als die Seilschaft der „Huberbuam“ ungezählte Rekorde im Klettern auf. Alexander Huber hat nach dem Abitur Physik an der Münchener Maximilians-Universität studiert, sich nach dem Abschluss aber gegen eine Anstellung beim Deutschen Wetterdienst und vielmehr für die sportliche Karriere entschieden. Alexander Huber ist Schirmherr der Angst-Hilfe und Unterstützer des Krisendienstes Psychiatrie an einem Klinikum in München. Er lebt mit Frau und zwei Kindern in Berchtesgaden. 

Das Buch „Die Angst“ von Alexander Huber

Im Buch „Die Angst – Dein bester Freund“ beleuchtet Alexander Huber die Psychologie des Bergsteigens. Der Kletterer nimmt die Leser mit zu den Meilensteinen seines Lebens – bis hin zur Angststörung, unter der er litt. Gut geschrieben – und die Fotos sind der Knaller. Bergwelten Verlag, 22 Euro. 

HNA-Redakteurin Claudia Brandau ist mit den Huberbuam geklettert

Als die Huberbuam 1992 Routen im elften Schwierigkeitsgrad kletterten, konnte sich keiner vorstellen, dass das überhaupt möglich sein könnte: Die Brüder bewältigten senkrecht stehende Felswände ohne Sicherung.

Das kann man sich nicht vorstellen, wenn man zum ersten Mal das Klettergeschirr anlegt und die Route am Felsen sieht, die Thomas Huber mit der Anfängertruppe gehen will. Für Huber könnte es genauso gut der Gang zum Bäcker sein, so geschmeidig steigt er auf. Der Mann muss ein Gecko-Gen haben. Ungesichert turnt er nach oben, um die Sicherungsleine anzubringen. Dann erst sollen die Anfänger folgen.

Die stehen ratlos unten am Berg und fragen sich, ob sie ihm denn wirklich folgen wollen. „Äh, wie kommen wir wieder runter?“, frage ich den Herrn von der Bergrettung, den es amüsiert, wie sich die Preußen am Berg plagen. „Der Huber Thomas seilt euch ab“, sagt Jakob Brandner. Und weiß, was er damit auslöst: Sorge.

„Auf geht’s“, sagt Brandner und folgt den ersten nun doch Unfreiwilligen, die zögerlich den ersten Schritt setzen. Da ist Huber mit den Seilen auf den Schultern einfach so rauf? Ohne sich am Felsen festzuklammern und laut um Hilfe zu rufen? Ist er. Himmel! Ich klinke mich an der Sicherungsleine ein, die er mittlerweile angebracht hat.

„Das schaut gut aus!“, ermuntert mich die Truppe von unten. Es nutzt wenig. Ich bin zu klein, die Angst zu groß, die Beine zu kurz: Statt fix und elegant zu kraxeln, setze ich die Füße in Zeitlupe. Irgendwann bin ich dann doch oben, Huber lobt mich überschwänglich. Er macht sich an meinen Gurten zu schaffen: Jetzt geht es runter. „Lass los!“, ruft er und seilt mich ab. Wie, loslassen? Aber ich werde mutiger, plötzlich macht es Spaß, ich fühle mich sicherer – wem soll man denn vertrauen, wenn nicht dem Weltmeister?

Unten angekommen, atme ich durch. Es war nicht der elfte, sondern eher der nullte Schwierigkeitsgrad. Thomas Huber lobt trotzdem: „Man muss sich auch mal Dinge trauen, die man noch nie gemacht hat. Aber dabei immer wissen, wo die Grenzen sind.“ Die hat mir der Berg klar aufgezeigt. Eleganz geht zwar ganz anders – stolz bin ich trotzdem. (Claudia Brandau)

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