Interview

Autor macht sich stark gegen Rassismus - Lesung geplant

Will Deutschsein neu definieren: Autor Ali Can setzt sich gegen Rassismus ein.
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Will Deutschsein neu definieren: Autor Ali Can setzt sich gegen Rassismus ein.

Benachteiligung ist für viele Menschen in Deutschland Alltag. Der Autor Ali Can hat sich mit der Frage "was bedeutet Deutschsein" auseinander gesetzt.

Homberg – „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, Heimat und Herkunft (...) benachteiligt oder bevorzugt werden.“ So steht es in Artikel 3 des Grundgesetzes.

Für viele Menschen mit Migrationshintergrund fängt die Benachteiligung in Deutschland aber schon bei der Wohnungssuche an. Der Autor Ali Can hat sich gefragt, was es bedeutet, deutsch zu sein – und will Deutschsein neu definieren. Am Donnerstag, 1. Oktober, liest er in Homberg.

Herr Can, Sie sind in der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen. Welche rassistische Anfeindung werden Sie nie vergessen?
Eingebrannt hat sich ein Erlebnis mit meinem Vater. Ich habe ihn mit 14 Jahren zur Ausländerbehörde begleitet. Er musste einige Formulare abgeben, die nicht vollständig waren. Die Sachbearbeiterin hat ihn angeschaut und gesagt: „Schauen Sie mich mit Ihren schwarzen Pferdeaugen nicht so blöd an. Füllen Sie das Formular vollständig aus und kommen Sie wieder.“ Das war eine schlimme Erfahrung.
Rassismus hat tausend Gesichter. Wo im Alltag begegnet er Menschen mit Migrationshintergrund am häufigsten?
Es gibt ein strukturelles, allgegenwärtiges Problem. Wenn sich 100 weiße Menschen mit dem Namen Max oder Lena auf eine Stelle oder eine Wohnung bewerben, werden sie bessere Chancen haben, als wenn auf der Bewerbung Jamal oder Mohamed steht. Wir haben aber auch eine rechtsextreme Partei im Parlament. Sie hat an Macht gewonnen. Rassismus ist so spürbar und erlebbar. Und ein Gewicht, gegen das man immer ankämpfen muss. Das heißt aber nicht, dass man als Mensch mit Migrationshintergrund in jeder Situation Rassismus erlebt.
2018 haben Sie mit dem Hashtag #MeTwo eine Debatte über Alltagsrassismus ausgelöst. Unter diesem Hashtag posten Menschen ihre Erfahrungen.
Ich bin überwältig davon, dass so viele Menschen in kurzer Zeit mitgemacht haben. Sie haben schreckliche Dinge erlebt. Viele haben über Wochen hinweg ihre Erfahrungen geäußert – und wurden auch gehört. #MeTwo ist ein Fundus von Rassismuserfahrungen. Es gibt ja auch Mordopfer, die aus Rassismus getötet wurden. Schreiben konnten Menschen, die noch leben. Aber was ist mit den Opfern des NSU? Aus Hanau? Die haben keine Stimme mehr.
Die Black-Lives-Matter-Proteste sind aktuell. Diese Debatte ist wichtig. Trotzdem sind viele genervt davon. Haben Sie Verständnis dafür?
Wenn Menschen sich über diejenigen ärgern, die oft über Rassismuserfahrungen sprechen, statt sich über die Rassismuserfahrungen selbst zu ärgern, dann läuft etwas schief. Aber ich habe Verständnis dafür, dass die Debatten für nicht wenige Menschen bedeuten, dass sie mit sich selbst hart ins Gericht gehen müssen. Sie müssen reflektieren, wie sie andere – auch unbewusst – bisher eingeordnet haben, ob sie etwa bei rassistischen Witzen und Übergriffen weggeschaut haben. Viele wurden nie aufgefordert, sich zu hinterfragen, und erfahren nun, welche Privilegien sie bisher hatten.
Ändert sich etwas, wenn man Straßen umbenennt, um auf Rassismus aufmerksam zu machen, auch wenn sich im Kopf nichts tut?
Gegenfrage: Soll man aufhören, sexistische Werbung zu ändern, weil man denkt: Es ändert doch sowieso nichts im Verhalten von Männern? Doch, es fängt bei Sprache, Sprüchen und Bildern an, weil sich diese in den Köpfen manifestieren. Wir sagen ja auch: Da wird die Frau nur auf ihren Körper reduziert, das geht nicht. So sollte das bei Rassismus auch sein. Wir müssen sensibler werden, auf die Sprache gucken. Dann passiert auch etwas in den Köpfen. Und letztlich hat sich die Sprache schon immer geändert, also gewöhnen wir uns mal daran.
Haben Sie manchmal auch rassistische Gedanken?
Ja, genauso wie wir alle, ertappe ich mich auch mal, wenn ich rassistische Gedanken habe.
Sie haben das Buch „Mehr als eine Heimat“ geschrieben. Was bedeutet Heimat für Sie?
Heimat bedeutet für mich ein Ort, an dem ich mich verwirklichen kann, wo mein soziales Umfeld ist, wo ich mich erden und sehen kann. Für mich ist Heimat das Gefühl, das ich habe, wenn ich an einem Ort längere Zeit leben möchte. Aber ich habe noch eine zweite Heimat. Die verbinde ich mit meinen Eltern, meinen Verwandten, den Geschichten der Kurden aus der Türkei. Meine Heimaten schmecken unterschiedlich. Die eine ist in Deutschland, in der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft, in der ich leben möchte. Die andere ist in der Türkei, zu der ich eine biografische Verbindung habe.
Nach den Bränden im Flüchtlingslager Moria heißt es vielfach im Netz: „Bekommen Rentner, die ihre Wohnung anzünden eigentlich auch eine bessere Unterkunft?“. Wie begegnet man dieser Form von Rassismus?
Wenn sich das im Privaten abspielt, würde ich Menschen ermuntern, das Gespräch zu suchen. Es hilft, an die Logik zu appellieren. Wenn jemand hier schon eine Wohnung hat, ist das eine andere Ausgangssituation als für jemanden, der auf der Flucht ist. Es ist etwas anderes, wenn jemand seine eigene Wohnung abbrennt, als wenn das jemand mit einem Lager macht, in dem 12 000 Menschen leben, wo die meisten dafür nichts können. Wenn etwas emotional gemeint ist, hilft es, Rückfragen zu stellen.
Sie schreiben, Ihre Eltern haben Ihnen das Deutsch-Sein ermöglicht. Inwiefern?
Meine Eltern haben für mein Leben ganz andere Voraussetzungen geschaffen als sie selbst vorgefunden haben. Sie sind meine Integrationshelden. Sie mussten sich integrieren, haben Putzjobs übernommen und Leiharbeiterjobs. Mir und meinen Geschwistern war es so möglich, nahezu so wie andere Kinder aufzuwachsen.
Unter welchen Bedingnungen kann Integration gelingen?
Wir müssen uns davon verabschieden, dass sich Zugewanderte an etwas wie eine Leitkultur anpassen müssen. Integration müssen wir eher als Befähigung zur Demokratie verstehen. Menschen, die neu in eine Gesellschaft kommen, brauchen Geduld, Hilfe zur Selbsthilfe, Begegnung und Ansprechpartner. Und immer wieder: Solidarität. Hat man das nicht, wird alles schwerer, man verschließt sich. Und dann entsteht Schmerz.
Wie haben Sie es geschafft, sich von diesem Schmerz freizumachen?
Ich war so eifrig, das Bild des Mustermigranten zu erfüllen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es zu nichts führt. Also habe ich mich gelöst von der Integrationspflicht. Als Erwachsener habe ich erst verstanden, wie schmerzhaft und schwer unsere ersten Jahre in Deutschland waren. Als die Zahl der Einwandernden mit Fluchthintergrund 2015 stieg, habe ich etwas über ihre Lage kennengelernt und Parallelen zu mir festgestellt. Da habe ich eine große Empathie gespürt. (Chantal Müller)

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