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Erste Klima-Milchfarm in Deutschland: Mörshauser Hof wird Teil von Projekt der Firma Nestlé

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Von: Lea Beckmann, Daniel Seeger

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Eine Kühe steht im Stall in Mörshausen.
Kühe sind, was ihr Futter angeht, sehr anspruchsvoll. Ein Roboter sorgt dafür, dass das Futter immer so liegt, wie die Tiere es brauchen und sie kontinuierlich fressen können. © Daniel Seeger

Die erste deutsche Klima-Milchfarm gibt es in Mörshausen. Der Milchviehbetrieb auf dem Hof von Landwirt Mario Frese ist damit eine von 20 Klima-Milchfarmen auf der ganzen Welt.

Mörshausen – Die erste deutsche Klima-Milchfarm gibt es in Mörshausen. Der Milchviehbetrieb auf dem Hof von Landwirt Mario Frese ist damit eine von 20 Klima-Milchfarmen auf der ganzen Welt. Gemeinsam mit der Molkerei Hochwald, der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und dem Lebensmittelkonzern Nestlé Deutschland wurde das Projekt im Dezember 2021 ins Leben gerufen – und nun der Öffentlichkeit präsentiert.

Das Ziel: Den CO2-Fußabdruck des Betriebs innerhalb von drei Jahren auf möglichst netto-null Emissionen zu bringen. Das bedeutet, dass der CO2-Ausstoß in den Bereichen Futtermittel, Ackerbau, Methanausstoß der Kühe, Güllemanagement, Energie und Verarbeitung, Transport und Grünland-Bewirtschaftung gemindert werden muss.

Klima-Milchfarm in Mörshausen: Einmaliges Pilotprojekt in Deutschland

In dem Bereich extensives Grünland – also Grünland mit nur geringem Viehbesatz und ohne Düngung – und dem Bereich Landschaftsmanagement wird CO2 jetzt schon gespeichert. Am Ende des Projekts soll der Hof eine ausgeglichene Bilanz vorweisen – unter der Maßgabe, dass sich die Milchproduktion trotzdem für den Landwirt rechnet. „Wir müssen auf eine schwarze Null kommen“, sagt Corinna Weinmüller, Nachhaltigkeitsmanagerin bei Nestlé Deutschland.

Landwirt Mario Frese steht an dem Zaun des Güllebehälters auf seinem Hof in Mörshausen.
Noch ist es eine Vision: Die Gülle, die Landwirt Mario Frese in einem großen Behälter sammelt, könnte zur Biogasproduktion genutzt werden. © Daniel Seeger

Dass der Hof des Homberger Landwirts für dieses in Deutschland bislang einmalige Pilotprojekt ausgewählt wurde, ist kein Zufall. Freses Hof entspricht ziemlich genau dem Durchschnitt. Der Kontakt zum Nestlé-Konzern kommt über die Molkereigenossenschaft Hochwald, bei der Mario Frese Anteilseigner ist. Über Hochwald liefert Frese mit seiner Milch den Rohstoff für den Mozzarella, der als Belag auf der Tiefkühlpizza landet, die der Konzern herstellt.

Kühe stoßen alle 45 Sekunden Methan aus

Das klimaschädliche Gas CO2 ist derzeit in aller Munde, doch bei der Milchproduktion fallen noch weitere Gase an, die Auswirkungen aufs Klima haben. Wenn etwa eine Kuh aufstoßen muss - und das tut sie etwa alle 45 Sekunden - stößt sie Methan aus. Um eine Vergleichbarkeit zu schaffen, werden andere Gase wie etwa Methan oder Kohlendioxid in sogenannte CO2-Äquivalente (CO2e) umgerechnet. CO2e gibt also das Treibhauspotenzial im Vergleich zu CO2 an.

Das Projekt befindet sich nun im neunten Monat. Die erste Zeit wurde der Ist-Stand der Emissionen auf dem Hof ermittelt. Das Ergebnis: 1359 Tonnen klimaschädliche Treibhausgase entstehen jedes Jahr auf dem Mörshäuser Hof. „Das sind 1,07 Kilo pro Kilogramm Milch“, erklärt der Landwirt Marco Frese.

Professorin Fenja Klevenhusen über Möglichkeiten, Treibhausgase einzusparen

„Grundsätzlich ist bei Milchbetrieben ein großes Potenzial vorhanden, Treibhausgase einzusparen“, sagt die Professorin Fenja Klevenhusen vom Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Uni Kassel.

„Das Treibhausgas CO2 fällt überall dort an, wo Strom und Energie verbraucht wird. Beispielsweise beim Herstellen von Futter und Dünger oder dem Ausbringen und Lagern von Gülle und Mist.“ Möglichkeiten zur Einsparung seien überall vorhanden.

„Letztendlich gibt es viele kleine Stellschrauben.“ So könnten Betriebe versuchen, die Transportwege kurz zu halten und möglichst eigene Futtermittel nutzen.

Qualität der Futtermittel verbessern

„Die Bildung von Methan im Pansen der Kuh kann man nicht zu 100 Prozent ausschalten, aber es gibt Möglichkeiten, sie zu reduzieren.“ So könnten Betriebe Futtermittelzusätze einsetzen. Am Wichtigsten ist es, die Qualität der Futtermittel verbessern und somit die Verwertungseffizienz zu erhöhen.

Klevenhusen geht davon aus, dass es ein großes Potenzial gibt, der Klimaneutralität näherzukommen. „Grundsätzlich scheint es aber so, dass Ausgleichsflächen zur Kohlenstoffanreicherung notwendig sind.“

In einer globalen Perspektive könne die Klimaneutralität aber nur erreicht werden, wenn der allgemeine Verbrauch an tierischen Lebensmitteln deutlich sinkt – was derzeit mit Blick auf das Bevölkerungswachstum unwahrscheinlich sei.

Soja- oder Mandelmilch seien nicht mit Kuhmilch zu vergleichen

Die Fleischproduktion durch die Kälbermast scheine nach aktuellen Erkenntnissen grundsätzlich klimafreundlicher zu sein, als die Fleischproduktion durch Mutterkuhhaltung. „Rindfleisch aus der Milchproduktion fällt einfach an, es ist ein Zusatz.“ Allerdings betont Klevenhusen: „Es kommt hier immer auf die Berechnung an – je nachdem, welcher Stelle man die Treibhausgase letztendlich zurechnet.“

Alternative Milchprodukte wie Soja- oder Mandelmilch seien ein wachsender Markt. „Aber man kann die Alternativen nicht mit Kuhmilch vergleichen. Denn diese bietet ganz andere Mikronährstoffe“, so die Professorin. Grundsätzlich werden Alternativprodukte als klimafreundlicher eingestuft, allerdings wiesen beispielsweise Reis oder Mandeln einen sehr hohen Wasserbedarf auf. (Daniel Seeger und Lea Beckmann)

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