Studie: Interesse an Büchern nimmt mit dem Alter ab

Frust beim Lesen vermeiden: Projekttag an der Homberger EKS

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Nehmen gerne Bücher in die Hand: Die Schüler Luna (13) und Marcel (12) schmökern in ihren Lieblingsbüchern in der Stadtbücherei an der Erich-Kästner-Schule.

Schüler verbringen viel mehr Zeit mit dem Smartphone als mit dem Lesen von Büchern. An der Erich-Kästner-Schule sollen Bücher so normal werden wie Mobiltelefone

Die Stadtbücherei Homberg ist an diesem Nachmittag rappelvoll. Überall wuseln Schüler umher, fieberhaft greifen sie nach Büchern in den Regalen. Doch nicht immer ist die Bücherei, die in der Erich-Kästner-Schule angesiedelt ist, so gut mit jungen Lesern besucht. „Es wird weniger gelesen“, schildert Katharina Keil ihren Eindruck. Die Deutschlehrerin hatte zusammen mit ihrer Kollegin Carolin Bächt und Studenten einen Projekttag zum Thema Buch in der Schule organisiert.

Einen Tag lang drehte sich alles ums Lesen. Von den Anfängen des Buchdrucks bis zur modernen Branche mit Lektoren und Verlagen. Bei einer Rallye durchforsten die Fünft- und Sechstklässer anhand von Quizfragen die Bücherei nach den gesuchten Werken. „Viele der Kinder haben noch kein ganzes Buch in ihrem Leben gelesen.“ Doch pauschalisieren lasse sich nichts. „Es gibt Schüler, die hervorragend lesen, aber die Unterschiede sind groß“, sagt Schulleiter Dieter Goldmann.

„Es führt schnell zum Frust, wenn man Probleme beim Lesen hat“, sagt Deutsch- und Geschichtslehrerin Bächt. Wenn Schüler wenig lesen, leide darunter oft auch der sprachliche Ausdruck. Doch was ist der Grund für die schwindende Freude an Büchern?

„Es stimmt, Schüler sind heutzutage mehr mit dem Smartphone beschäftigt“, sagt Schulleiter Goldmann. Ursache sei vor allem der Druck, immer erreichbar für Eltern und Freunde und auf dem neusten Stand zu sein. „Dadurch wird das Vokabular der Schüler häufig geringer und es werden vermehrt Abkürzungen benutzt“, schildert Goldmann seine Beobachtungen. Beispielsweise bleibe von dem Begriff „Treffen“ nur noch ein „tr“.

Das Smartphone verteufeln will die Schule allerdings nicht. „Wir setzen das Smartphone gezielt ein im Unterricht“, erklärt Goldmann. So können Schüler damit Präsentationen vorbereiten und sogar kleinere Videos schneiden. Für Kinder von Zuwanderern sei die Übersetzungsfunktion oft wichtig.

Auf den Spuren von Gutenberg: Schüler Maruj und Mohamed lernen anhand von Stempeln, wie aufwendig der Buchdruck früher war.

Doch eines könne das Smartphone nicht. „Beim Lesen beschäftigen sich die Schüler konzentriert mit einer Sache“, sagt Bächt. Durch das Hineinversetzen in verschiedene Charaktere werden Empathie und Fantasie der Kinder gefördert. Aber auch einfach mal träumen, das gehe ohne Bücher verloren, so Goldmann. Das langfristige Ziel lautet dabei: „Das Lesen soll genauso normal werden, wie das Spielen am Handy.“

Die Stadtbücherei im Haus sei ein großer Vorteil. „Die kurzen Wege verschaffen den Schülern leichteren Zugang zur Lektüre.“ Es gibt Schüler, die die Pausen und die Ruhe nutzen, um zu lesen.

Wünschenswert wären längere Öffnungszeiten. Bislang war die Bücherei nur an zwei Tagen die Woche geöffnet, seit April an drei Tagen die Woche. „Wir sind in Gesprächen mit der Stadt, um die Öffnungszeiten zu erweitern“, sagt Schulleiter Goldmann. Dabei soll vor allem das Verleihsystem geändert werden, damit Schüler in Zukunft selbst das Ausleihen von Büchern organisieren können.

Vorbereitung auf den Welttag des Buches

Der Projekttag diente zur Vorbereitung auf den Welttag des Buches am 23. April. Zu dem Termin in diesem Jahr erscheint auch das Fantasiebuch „Der geheime Kontinent“ von Thilo Petry-Lassak und Timo Grubing. 

Diese kriegen rund 100 Kinder der Homberger Erich-Kästner-Schule im Rahmen einer der deutschlandweiten Buch-Gutschein-Aktion vom Borkener Buchladen Papier + Mönch geschenkt. Im Unterricht werden dazu passende Themen erarbeitet, unter anderem Mittelalter, Burgen und Ritter.

Interesse an Büchern nimmt mit dem Alter ab

Der Anteil der Jugendlichen, die in ihrer Freizeit mehrmals pro Woche gedruckte Bücher lesen, ist seit mehr als 20 Jahren konstant und liegt bei etwa 40 Prozent. Das ist das Ergebnis der repräsentativen Jim-Studie 2018, für die 1200 Zwölf- bis 19-Jährige befragt wurden. Nur 16 Prozent gaben an, sich in der Freizeit nie mit Büchern zu beschäftigen. 

Grundsätzlich lesen Mädchen mehr und mit etwa 79 Minuten deutlich länger als Jungen (56 Minuten). Je älter die Jugendlichen sind, desto mehr sinkt das Interesse an Büchern. Einen noch stärkeren Einfluss hat laut Studie der Bildungshintergrund. So fällt der Anteil der Nichtleser unter Haupt- und Realschülern mit 23 Prozent fast doppelt so hoch aus wie bei Gymnasiasten (12 %). 

Die Internetnutzung nimmt dagegen bei allen weiter zu. 91 Prozent sind täglich im Netz, genutzt wird dafür vor allem das Smartphone. Nach eigener Einschätzung verbringen die Jugendlichen täglich 214 Minuten in Internet.

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