Der Tod der Gehirnzellen: Homberger leidet unter PSP

Lieblingsplatz: Angelika Müller und Werner Alles in ihrem Wintergarten. Den hatte Werner Alles vor acht Jahren noch selbst gebaut. Foto: Schmitt

Homberg. Den Tag auf dem Sofa zu verbringen, kam für Werner Alles (66) noch vor wenigen Jahren nicht in Frage. Er managte nicht nur seine eigene Fahrschule, sondern richtete in Haus und Garten alles, was anfiel.

Ob es sich um den Ausbau eines Schuppens zum Kinderhaus drehte oder einen Wintergarten - Werner Alles war nichts zu schwer. Heute verbringt der 66-Jährige seine Tage im Sessel im Wohnzimmer: Er leidet an Progressiver Supranukleärer Blickparese (PSP). Eine Krankheit, die die Gehirnzellen zerstört.

„Die ersten Veränderungen, es waren kleine Vergesslichkeiten, fielen mir im Herbst 2012 auf, ein Jahr, nachdem Werner seine Fahrschule aufgegeben hatte. Aber ich dachte, dass das vielleicht mit seiner Krebserkrankung zusammenhängt“, erinnert sich seine Ehefrau Angelika Müller (69). Sie war schon damals, nach Krebsoperation und zahlreichen Bestrahlungen, seine große Stütze. „Ich dachte, er braucht einfach Zeit, sich zu erholen.“

Doch die Veränderungen wurden besorgniserregender. „Werner hat über Dinge, die für andere Menschen sehr traurig waren, gelacht. Früher konnte er sich zehn Dinge auf einmal merken und erledigen, auf einmal vergaß er die einfachsten Erledigungen.“

Im Jahr 2013 fiel er erstmals einfach nach hinten um. Jetzt war der Zeitpunkt erreicht, an dem Angelika Müller endgültig wusste: Die Veränderung war nicht vorübergehend.

Was folgte, waren zahllose Arztbesuche, ein „wahrer Doktor-Marathon“, wie Angelika Müller sagt. Vom Onkologen über den Hautarzt, Neurologen und Internisten bis hin zu einem Aufenthalt in der Elena-Klinik in Kassel im Jahr 2014, reichte das Spektrum der Mediziner, die das Ehepaar konsultierte.

Zahlreiche Untersuchungen, Tests und ein MRT, ein bildgebendes Untersuchungsverfahren, führten zu einer Diagnose: Werner Alles leide an einer untypischen Parkinson-Form. Dagegen bekam er das Medikament Dopamin verschrieben. Der Zustand ihres Mannes verbesserte sich zunächst -- typisch für PSP, wie Angelika Müller heute weiß.

Freunde und Familie waren beruhigt: Die Medikamente, etwas Zeit, „das wird wieder“. Doch Angelika Müller war alles andere als beruhigt. „Ich hatte ein ungutes Gefühl.“ Sie zweifelte und suchte weiter. 2015 trat ihr Mann eine Reha in der Klinik Fürstenhof in Bad Wildungen an.

Dort stellte der behandelnde Arzt die Diagnose PSP, erinnert sich Angelika Müller. „Eine seltene und schwer zu diagnostizierende Krankheit, von der in Deutschland schätzungsweise 12.000 Menschen betroffen sind.“

Die Gewissheit, die Angelika Müller gesucht hatte, war niederschmetternd: Bei PSP ist keine Verbesserung oder Heilung möglich. Die Medikamente können die Krankheit nicht aufhalten, nur die Symptome lindern, irgendwann wirken die Medikamente gar nicht mehr. „Ich werde weiter für meinen Mann kämpfen“, sagt Angelika Müller. „Ich habe die Hoffnung, dass sein Zustand lange so anhält, wie er im Augenblick ist. Und ich würde gerne in Kontakt zu anderen Betroffenen kommen.“

• Kontakt: Angelika Müller, Tel. 05681/6600.

Hintergrund

PSP - Eine Krankheit, die den Blick lähmt und die Menschen taumeln lässt 

Die Krankheit Progressive Supranukleäre Blickparese (PSP) ist eine Gehirnerkrankung, die die Augen lähmt, Nervenzellen zerstört und den Patienten wie im Vollrausch taumeln lässt. Im Anfangsstadium wird PSP mit Parkinson verwechselt, weil die Symptome ähnlich sind, heißt es in einer Broschüre der Deutschen PSP-Gesellschaft.

Die äußerst seltene Erkrankung tritt überwiegend in der zweiten Lebenshälfte auf. Eine Heilung gibt es nicht. Und nur wenige Medikamente können die Symptome lindern.

Anfangs berichten viele Patienten über Schwindelgefühl, Gleichgewichtsstörungen, Gangunsicherheit, Probleme beim Lesen, Treppensteigen und Autofahren. Es sind die plötzlichen Stürze und die Unfähigkeit, die Augen nach unten zu bewegen, die zur Diagnose PSP führen. Die Probleme mit der Augenbewegung haben der Krankheit ihren Namen gegeben: Blickparese - Blicklähmung. Betroffene klagen häufig über Sehschwäche und Doppelbilder.

Zu den Symptomen zählen weiter, dass die Betroffenen reizbar sind, größere Menschenansammlungen meiden und das Interesse an alltäglichen Dingen und Hobbys sinkt. Die Patienten sind häuft nicht mehr in der Lage, komplexen Gedankengängen zu folgen. Bei fortschreitender Krankheit entwickelt sich häufig auch eine Demenz.

Behandelt werden kann PSP mit Parkinson-Mitteln wie Dopamin und Amantadin. Dadurch werden die Symptome gelindert, ein Aufhalten der Krankheit ist nicht möglich. Krankengymnastik und Logopädie sind weitere Behandlungsmöglichkeiten. (ras)

• Näheres: Deutsche PSP-Gesellschaft, Philosphenweg 46, 47051 Duisburg, Tel. 0700/4453377. Email: info@psp-gesellschaft.de. Internet: www.psp-gesellschaft.de

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