Ende der Lockdown-Frisur

Haarschnitt um Mitternacht: Friseure beginnen wieder mit der Arbeit im Kreisteil Fritzlar-Homberg

Vor dem Haarschnitt die Hygieneprozedur: Schallers Team misst jedem Kunden zunächst die Temperatur.
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Vor dem Haarschnitt die Hygieneprozedur: Dirk Schaller misst HNA-Volontär Raphael Digiacomo die Temperatur, bevor es ans Haareschneiden geht.

Endlich wieder Haare schneiden: Seit Montag dürfen die seit Wochen geschlossenen Friseure wieder öffnen. Friseurmeister Dirk Schaller aus Homberg konnte es kaum erwarten seine Kunden zu bedienen und öffnete so früh wie möglich für seinen ersten Kunden. 

Homberg - Waschen, schneiden, föhnen – desinfizieren. Seit Montag können Friseure und Barbershops deutschlandweit unter besonderen Hygieneauflagen wieder öffnen. Wir haben den Homberger Friseur Dirk Schaller (48) beim Countdown zur Wiedereröffnung seines Salons begleitet. Los ging es kurz vor Mitternacht.

23.52 Uhr „Herzlich willkommen, komm rein“, sagt Dirk Schaller. Trotz Maske ist ein Lächeln zu erkennen. Im Hintergrund hebt Mitarbeiterin Natalie Kizilkaya (30) grüßend die Hand. Es folgt kontaktloses Temperaturmessen an der Stirn, Hände desinfizieren, Liste mit Kontaktdaten ausfüllen. Wer den Friseursalon Schaller in Homberg betritt, muss ein präzises Hygieneritual durchlaufen. Nach wenigen Minuten ist es geschafft.

23.55 Uhr Zeit für ein Vorherbild mit dem Chef. Zum Glück kommt die Matte auf dem Kopf bald ab. „Ich bin aufgeregt und freue mich total, endlich wieder richtig loslegen zu können“, sagt Schaller und klatscht in die Hände.

0.01 Uhr Warmes Wasser läuft über Haar und Kopfhaut, die Finger des Friseurmeisters massieren duftendes Shampoo hinein. „Das Dröhnen des Föhns, die Gespräche mit den Kunden und das Rumalbern mit den Mitarbeitern – ich freue mich schon ewig, hier im Laden wieder richtig Gas zu geben.“ Ab Montagmorgen werden 110 Kunden genau dafür sorgen. „Wird ein langer Tag“, sagt Schaller und lacht.

0.04 Uhr „Wie soll’s denn werden?“ Zurück am Frisiertisch geht es an die Haare. Nach Monaten des Lockdown muss da einiges runter. Modischer Kurzhaarschnitt. „Gute Wahl!“ Schaller ist einverstanden.

0.06 Uhr Schnipp, schnapp, ratsch. Die Schere schabt am Kamm entlang – die ersten Haare fallen. Im Salon sind das die ersten seit knapp drei Monaten. So lange mussten die Friseure schließen. „Jetzt sind aber auch alle meine finanziellen Mittel aufgebraucht“, sagt Schaller. Das wirtschaftliche Überleben des Betriebs, dessen Fixkosten, die Löhne der 22 Mitarbeiter – über 30 000 Euro sind dafür in den letzten Monaten angefallen. „Nicht nur der geschlossene Salon – als Musiker habe ich seit Beginn der Pandemie zig Auftritte verloren.“ Allein im Jahr 2021 werden es 65 abgesagte Events für den nebenberuflichen Schlagersänger Reiner Irrsinn werden. „Förderungen, Geld – habe ich bisher alles nicht bekommen.“

0.13 Uhr Die dunklen Locken fallen im Halbkreis auf den Boden des Salons. „Weißt du, als Friseur machst du mehr als Haare schneiden“, sagt Schaller, während seine Mitarbeiterin ihm einen elektrischen Rasierer reicht. „Wir sind eine Kommunikationszentrale“, sagt sie und lacht.

0.17 Uhr Schaller schnippelt und schnippelt. Passt hier ein bisschen an, kürzt dort eine Strähne. „Ein Glück, dass wir während des Lockdowns zumindest Perücken anfertigen und anpassen konnten“, sagt er dabei. Schaller hat sich mit einem Zweithaarzentrum in der Pandemie selbstständig gemacht. Durchschnittlich waren es drei Kunden pro Woche – meist Frauen nach einer Chemotherapie. „Die Freude in den Augen der Frauen, wenn sie sich mit ihrer neuen Perücke im Spiegel anschauen – das fühlt sich unglaublich an“, sagt Schaller und schweigt für einen Moment.

0.26 Uhr Während Schaller erzählt, dünnt er mit der Zackenschere rhythmisch das Haupthaar aus: „Hygienekonzept, mehr Abstand im Salon – auf die Wiedereröffnung haben wir uns gründlich vorbereitet.“ Dabei hat das Team zusätzliche Räume im Salon erschlossen und nimmt seit Wochen Termine über Telefon und soziale Netzwerke an. Bisher seien es etwa 1500 in drei Wochen, erzählt er. Und die Frisur? Die sitzt.

0.30 Uhr Dirk Schaller wäscht sich die Hände. „Das machen wir jetzt öfter als sonst – gehört zum Hygienekonzept.“ Die Frage, die ihn zuletzt umtrieb: Werden die Kunden wiederkommen? Die Anspannung vor der Wiedereröffnung, die Angst vor weiteren Schließungen; die letzten Wochen seien alles andere als Urlaub gewesen, sagt Schaller und greift zur Dose mit Haarwachs. „Geduld, Verständnis: die Reaktionen der Kunden waren bombastisch.“ Die Vorfreude überwiege bei Kunden und Mitarbeitern aber bei Weitem die Angst.

0.38 Uhr Der Föhn bläst die letzten Härchen von der Schürze. „Hoffentlich kehrt nun ein Stück weit Normalität ein“, sagt Schaller mitten in der Nacht. Er und Kollegin Natalie Kizilkaya hoffen, dass es nicht wieder zu Schließungen kommt.

0.42 Uhr Die schwere Glastür schwingt auf. Beim Hinausgehen weht ein frischer Wind in den Salon – und um den Kopf. (Raphael Digiacomo)

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