Hoch frisierter Big-Band-Sound

Chris Barber und seine Band begeisterten in der Homberger Stadthalle

Er verbreitete keine Seniorenheim-Stimmung: Jazz-Legende Chris Barber beim Homberger Konzert.

Homberg. „The best Jazz is timeless (der beste Jazz ist zeitlos)": Unter dieser Flagge segelt der englische Bandleader, Komponist und Posaunist Chris Barber seit Jahren um den Globus und wird nicht müde, Abend für Abend den Beweis der These zu erbringen.

Diesmal ankerte er mit seiner Band in der fast ausverkauften Homberger Stadthalle und präsentierte den Inhalt seiner musikalischen Schatztruhe, in der sich im Laufe seiner fast 70-jährigen Profikarriere einiges an prächtigen Perlen und kreativem Geschmeide angesammelt hatte.

Doch bevor er „Petit fleur“ und „Rocking in Rhythm“ aus der Kiste befreite, durften sich Hannelore Hesse, Christiane Wirth und Monika Körner, die bei einem von der HNA organisiertem Treffen einen netten Plausch mit „Kapitän Jazz“ erlebten, über eine kleine Dosis VIP-Feeling freuen. Dann begab sich der gut gelaunte Barber auf die Bühne und legte los.

Wer dachte, dass der 84-jährige Vollblutmusiker mit einem eingebremsten Rollator-Programm für gepflegte Seniorenheimstimmung sorgen würde, sah sich spätestens nach dem heißblütigen „Jubilee Stomp“ und dem hitzigen „Watcha gonna do“ getäuscht.

Hier sollte keine Ära begraben, sondern ein inspirierendes Relikt beworben werden. Das Lebensgefühl in New Orleans der 20-er und 30-er Jahre war musikalisch betrachtet nun auch wirklich nicht die schlechteste Zeit. Duke Ellington, Sidney Bechet und Louis Armstrong sorgten damals für kleine Sensationen, und in den Clubs wurde zum Jazz getanzt, bis das Blut aus den Schuhen tropfte.

Kleine Dosis VIP-Feeling: Die Ehepaare Hannelore und Karl Hesse (links) und Christiane und Baldur Wirth (rechts) trafen vor dem Konzert den Musiker Chris Barber (Mitte) zum Gespräch. Die HNA hatte die Karten verlost. Fotos: Köthe

Doch Barber belässt es nicht nur bei der Reminiszenz an alte Zeiten. Mit „All Blues“ von Miles Davis und Brownie McGhees „Cornbread peas and black molasses“ hat er auch Titel neueren Datums im Logbuch stehen. Dabei sorgte der mit temperamentvollen Soli hoch frisierte Big Band Sound der zehn ohne Notenblatt agierenden Protagonisten aus England, Holland und Deutschland beim Publikum für Begeisterung und latentem Zwischenapplaus.

Die als homogene Gemeinschaft agierenden Individualisten wirkten perfekt eingespielt. Mit Charme und einer Brise Humor swingten sich die Gralshüter des klassischen Jazz bei ständig wechselnden Koalitionen und Konstellationen in die Herzen der Gäste.

Bei den ausnahmslos griffig konzipierten Arrangements hatte man mit „Black and tan fantasy“ einen exemplarischen Begräbnis-Blues der Extraklasse im Programm - und mit „Oh when the saints go marching in“ den virtuos interpretierten Schlusspunkt.

Barber nuschelte kaum verständliche Statements in das Mikrophon, doch kaum verspürte er das Mundstück seiner Posaune an den Lippen, regierten Klarheit und Leidenschaft sein Spiel. Nach über zwei Stunden Spielzeit verpackte man die Schatztruhe backboard und setzte unter großem Applaus wieder Segel.

Von Andreas Köthe

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.