Zahlreiche historische Aufnahmen

Margret Grundmann hütete besonderen Schatz: So war das Leben als Jüdin in Homberg

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Das jüngste Kind ihrer Eltern war Margret Grundmann. Das Foto zeigt ihre Mutter Henriette, die 1943 im Vernichtungslager Sobibor 1943 ermordet wurde, mit Margret im Jahr 1916.

Sie lebten, arbeiteten und liebten jahrzehntelang in Frieden in Homberg. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten aber wurden die Juden zu Verfolgten. Betroffen war auch Margret Grundmann.

Es ist ein ganz besonderer Schatz, den Margret Grundmann, geborene Goldschmidt, da gehütet hat. Bilder aus Homberg vor dem Zweiten Weltkrieg, Todesanzeigen aus dem Konzentrationslager Auschwitz, Briefwechsel zwischen Eltern und Kindern, die aus Deutschland fließen mussten – all das hat Margret Grundmann in Sicherheit bringen können.

Margret Grundmann war eine Homberger Jüdin, geboren im Jahr 1916. Da hatten ihre Eltern Moritz und Henriette bereits die drei Söhne Paul, Siegfried und Walter. Grundmanns waren 1895 nach Homberg gekommen, in der Untergasse 30 betrieben sie seit 1912 einen Textilhandel. Die Familie war wohlhabend, berichtet der Historiker Thomas Schattner. Nur so sei es möglich, dass es gut erhaltene Fotos aus ihrem Leben gibt. Auch eine Hausangestellte konnten sie sich leisten.

Stolz präsentieren sich hier Margrets Vater Moritz, Bruder Siegfried (Fritz), Mutter Henriette und Bruder Paul kurz nach der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Homberg.

Mit dem Aufmarsch der Nationalsozialisten begann auch für die Goldschmidts ein hartes Leben. Überwog in Margrets Zeugnissen vor der Machtergreifung noch die Note „Gut“, ist im Abgangszeugnis häufig die Note „Ungenügend“ zu lesen. „Man hat ihr so wohl zeigen wollen, dass sie nicht dafür gemacht ist, das Abitur abzulegen“, berichtet Schattner.

Dem Historiker gelang es, Einsicht in die Wiedergutmachungsakte der Jüdin zu erhalten. Von 2004 an bis zu ihrem Tod im Jahr 2014 hatte er Kontakt zu ihr – aus Briefwechseln, Fotos und Erinnerungen entstand ein Buch.

"Die guten anständigen Menschen in Homberg habe ich nicht vergessen"

So kann er auch belegen, dass Margret Goldmann zwei Pogromnächte erlebte: Den Tag des 7. November 1938 verbrachte sie in Kassel, noch in der selben Nacht reiste sie zurück nach Homberg. Der Vater war ein Jahr zuvor gestorben, ihre Mutter allein in Haus und Geschäft, das am 8. November 1938 zerstört und geplündert wurde.

90 Jahre alt ist Margret Grundmann auf diesem Foto von 2006.

Wohl auch deshalb entschloss sich Margret Grundmann zur Auswanderung. 1939 reiste sie mit zwei Koffern über Amsterdam nach England. Dorthin aber habe sie nur eines ihrer Gepäckstücke mitnehmen können. Grundmann entschied sich für den Koffer mit den Familienfotos. „Das ist ein besonderer Schatz“, sagt Schattner. Margret Bruder Siegfried und ihre Mutter überlebten den Krieg nicht. Sie wurden in Konzentrationslagern ermordet. Paul wurde im Ghetto Minsk getötet, Walter wanderte 1937 nach Israel aus.

Margret Grundmann lebte bis zu ihrem Tod in der Nähe von London. Homberg besuchte sie 1997 noch einmal. Sie soll eine Frau mit einem „guten Charakter“ gewesen sein. Das bestätigt sich in einem Brief von ihr an den Historiker. Dort schrieb sie 2006: „Die guten anständigen Menschen in Homberg habe ich nicht vergessen.“

Mit dem Roller war Margret Grundmann als Kind im Garten ihrer Eltern an der Untergasse 30 unterwegs.

Englischsprachige Ausgabe in Planung

Historiker Thomas Schattner aus Wabern hat den Briefwechsel mit Margret Grundmann sowie die erhaltenen Bilder und Dokumente ihrer Familie in einem Buch zusammengefasst. Auch Auszüge aus Margret Grundmanns Poesie-Album sind erhalten und abgedruckt. 

Auf die Geschichte ihrer Brüder und deren Nachkommen wird ebenso Rücksicht genommen, wie auf Margret Grundmanns weiteres Leben in England. Der Historiker hat auch nach dem Tod der gebürtigen Hombergerin weiterhin Kontakt zu deren Tochter Helen Mars, die in London lebt. Es sollen weitere Bilder und Informationen ausgetauscht werden. Gemeinsam mit ihr soll auch eine englischsprachige Ausgabe des Buches entwickelt werden, um der hohen Nachfrage in England nachzukommen. 

Tochter Helen Mars hat laut Thomas Schattner jeweils 30 Bücher über Margret Grundmanns Geschichte für die Theodor-Heuss-Schule sowie für die Erich-Kästner-Schule in Homberg finanziert. Das 380 Seiten starke Buch des Autors trägt den Titel „Margret Grundmann, geborene Goldschmidt: eine Miniatur zur jüdischen Geschichte der Goldschmidts in Homberg/Efze“ und ist bei Amazon erhältlich für 13,20 Euro.

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