Ein Zeitzeuge im Interview

Homberger "Gegenschule": Darum sollte in den 60ern Sex auf den Lehrplan kommen

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Interessiert: Auch Hans Junker (ganz rechts mit Sonnenbrille und Pfeife) war beim Treffen der "Gegenschule" auf dem Burgberg dabei und hörte Dieter Bott (Mitte) zu. 

Homberg. Im HNA-Interview spricht der pensionierte Lehrer Hans Junker über die Homberger "Gegenschule". Denn 1968 sollte Sex auf den Lehrplan kommen. 

Fast 50 Jahre ist es her, dass Reporter der Bild-Zeitung und des Nachrichtenmagazins Der Spiegel in Homberg auf der Jagd nach neuen Schlagzeilen waren. Grund war die "Gegenschule". Zwei ehemalige Schüler der Theodor-Heuss-Schule, die Soziologie-Studenten Dieter Bott und Hans-Peter Bernhardt, wollten dafür sorgen, dass Sex auf den Lehrplan kam und boten ihren ganz eigenen Unterricht an.

Am Mittwoch, 28. Februar, wird es in Homberg ab 15 Uhr am Marktplatz 7 ein Zeitzeugengespräch mit Walter Schäfer, Joachim Schneider, Otto Pirn und Hans Junker geben. Im Interview berichtet  Junker über das Treiben im April 1968.

Herr Junker, wie war eigentlich die Stimmung damals?

Hans Junker: Es war die Zeit, als die erste Große Koalition regierte, was viele von uns damals sehr bewegte. Man plante die Verabschiedung der Notstandsgesetze, die wir für eine Bedrohung der Demokratie hielten. Parallel dazu erschütterte eine schwere Wirtschaftskrise mit über 500.000 Arbeitslosen das Land und die rechtsextreme NPD saß in sechs Länderparlamenten, unter anderem auch in Hessen.

Wir Schüler kamen dann eines Tages in die Homberger Theodor-Heuss-Schule, sahen, dass die Wände voller Sprüche wie „Alle Lehrer sind Papiertiger“ waren, und dann kamen noch Bott und Bernhardt nach Homberg, da war man natürlich auch neugierig.

Wie kam es zur Gründung der "Gegenschule"?

Junker: Dieter Bott und Hans-Peter Bernhardt hatten sich während ihres Studiums mit verschiedenen Themen beschäftigt und daraus ihre eigenen Schlüsse gezogen, die sie uns Schülern näher bringen wollten. Wir trafen uns dann in der Gaststätte „Jütte“ an der Westheimer Straße, einmal auch auf dem Burgberg. Nach vier bis fünf Treffen war das Ganze auch wieder vorbei. Die „Gegenschule“ wurde im spießbürgerlichen Homberg aber auch künstlich aufgebauscht.

War das Thema denn nicht interessant?

Junker: Natürlich! Wir haben uns das Ganze einmal angehört. Ich war drei Mal dabei. Primär bewegt hat es mich nicht. Man muss es sich so vorstellen: Da führen komplexe Verhältnisse zur Entstehung der Studentenbewegung. Im Jahr zuvor wurde Benno Ohnesorg in Berlin bei einer Anti-Schah-Demonstration von einem Polizisten von hinten erschossen, und im April 1968 gab es einen Mordversuch an dem Studentenführer Rudi Dutschke in Berlin. Und dann kommen Bott und Bernhardt, die sich mit Psychoanalyse und Sexualität beschäftigen wollten. Die „Gegenschule“ war eine spektakuläre Aktion in Homberg – mehr aber nicht.

Haben Sie – rückblickend – inhaltliche Aspekte der „Gegenschule“ fürs Leben nutzen können?

Junker: Insofern, als es galt, bestehende Strukturen in allen gesellschaftlichen Bereichen infrage zu stellen. Für mich als Schüler war das Erstarken der NPD das Hauptproblem, weshalb ich mich unter anderem auch bei den Jungdemokraten engagiert habe, die damals der FDP nahe standen. Die Gesamtsituation in Deutschland war meiner Meinung nach viel wichtiger. Wäre die Aktion von Bott und Bernhardt erfolgreich gewesen, wäre sie automatisch zu einem Selbstläufer geworden. Doch das wurde sie nicht.

Sind sie auch nach dem Ende Ihrer Schulzeit politisch aktiv geblieben?

Junker: Ich habe in Marburg Politik, Geografie und Pädagogik studiert und mich dort in der Studentenbewegung engagiert. Im Schuldienst bin ich gewerkschaftlich aktiv geworden, war im Personalrat des Studienseminars, Stadtverbindungslehrer in Marburg und viele Jahre Betriebsrat und GEW-Vertrauensmann an der Deutschen Blindenstudienanstalt.

Wie bewerten sie die 1968er-Bewegung in ihrer Gesamtheit?

Junker: Das, was damals insbesondere durch die Studentenbewegung auf vielen Ebenen angestoßen wurde, hat viel gebracht. Es ging ein wahrer Ruck durch die Gesellschaft, der etwa auch die Friedensbewegung, die Frauenbewegung, die Umweltbewegung und – ganz aktuell – die Gleichberechtigung von Homosexuellen zur Folge hatte.

Sie kehren nun nach Homberg zurück. Muss man Schülern von dieser Zeit erzählen, weil sie nicht mehr präsent ist?

Junker: Ja. Für die Schüler von heute sind zum Beispiel Geschichten von der Teilung Deutschlands wie Anekdoten aus dem Dreißigjährigen Krieg. Ich kann mir deshalb auch gut vorstellen, dass nur wenige sich vorstellen können, wie wir in unserer Jugend aufgewachsen sind. Da ist es gut, wenn mal jemand aus der Großeltern-Generation Rede und Antwort steht.

Oberstudienrat im Ruhestand: So sieht Hans Junker heute aus. 

Zur Person: Hans Junker (68) lebt in Bürgeln bei Marburg. Nach dem Abitur an der Theodor-Heuss-Schule 1968, dem Studium und seinem Referendariat, ging der Caßdorfer nach Marburg, wo er an der Carl-Strehl-Schule – einem Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte – unterrichtete. Der Oberstudienrat im Ruhestand ist auch heute noch in der Marburger Geschichtswerkstatt aktiv und kümmert sich unter anderem um Stolperstein-Verlegungen. 

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