Isolation gut überwinden

Homberger Psychologin über positives Denken in der Coronakrise

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Gefühle und Gedanken aufschreiben: Während der Isolation Tagebuch zu führen kann helfen, den Blick auf das Positive in der aktuellen Lebenssituation nicht zu verlieren. 

Das Coronavirus verändert das Leben der Menschen.  Wieso es aber gerade jetzt wichtig ist, den Blick auf das Positive nicht zu verlieren.

Wie das gelingen kann – darüber haben wir mit der Psychologin Martina Falk aus Homberg gesprochen.

Deutschland befindet sich im Ausnahmezustand. Ein Leben, wie wir es kennen, gibt es derzeit nicht mehr. Ist die Coronakrise auch ein Ausnahmezustand für die Seele?

Das ist sie. Es fallen viele Strukturen und Routinen weg, die es im Alltag gab. Gleichzeitig wird uns ganz viel Handlungsspielraum genommen. Wir können uns nicht treffen, mit wem wir wollen, können nicht an Orte fahren, an die wir wollen. Wir werden eingeengt. Beim Thema Mundschutz wird das auch spürbar: Wir können unser Gegenüber nicht mehr lesen, wir verstehen es nicht mehr gut.

Was bedeutet das für Familien?

Sie sitzen 24 Stunden am Tag aufeinander. Das ist gar niemand mehr gewohnt. Das birgt viel Konfliktpotenzial. Vieles, was vorher geschwelt hat, bricht jetzt auf. Alle haben eine innere Unruhe. Die Menschen stehen mehr unter Strom – und es fehlen die Entladungsmöglichkeiten.

Was kann man tun, um zu verhindern, dass es zu einem Riesenkrach kommt?

Eine erste Hilfe kann sein, kontrolliert für Entladung zu sorgen. Das bedeutet: Für Bewegung sorgen, rausgehen. Das ist nicht nur aus körperlicher Sicht ganz wichtig. Man kann auch mit Kindern zusammen den Körper ausschütteln. Auch wenn das erst einmal albern klingt. Hände, Arme, Schultern eine Minute kräftig ausschütteln, Füße bewegen, um die Anspannung loszuwerden.

Was ist auf lange Sicht wichtig?

Die Situation möglichst schnell zu akzeptieren. Man sollte nicht noch mehr Energie darauf verwenden, zu klagen und zu lamentieren. Wichtig ist, sich zu überlegen, welchen Sinn es haben kann, so ausgebremst zu werden. Es geht darum, die Situation positiv umzubewerten. Es ist wichtig, sich nicht emotional aufzuschaukeln, sondern den Blick auf etwas Gutes, Stabilisierendes zu lenken.

Was macht es mit uns, nicht aus einer Vielzahl an Freizeitaktivitäten wählen zu müssen?

Das kann einen positiven Effekt haben. Wobei die Belastung, die diese neue Situation bringt, größer ist. Jemand, der sehr sensibel ist und den der Alltag immer eher überfordert hat, der kann das tatsächlich als Entlastung erleben. Aber gerade für Familien ist die Belastung gestiegen. Es gibt aber eine Chance: Die Menschen können sich so auf das Wesentliche besinnen: Was tut mir wirklich gut? Das kann man als Einladung verstehen, sich auf Dinge zu konzentrieren, die Spaß machen.

Welche Menschen kommen mit einer Isolation besser zurecht?

Jemand, der sich in einem stabilen sozialen Netz befindet und dessen Alltag weitergeht, weil er möglicherweise noch arbeitet, der kann damit gut umgehen. Für viele kann das auch ein Kick sein, sie haben endlich das Gefühl, gebraucht zu werden. Wer keine Existenzängste und Ängste um sein Umfeld haben muss, der kann das besser kompensieren.

Was hilft, wenn man trotzdem Angst hat?

Man sollte der Energie, die die Angst freisetzt, ein konstruktives Ziel geben. Es hilft, schöpferisch tätig zu werden und nicht weiter Nachrichten und Videospiele zu konsumieren. Ein Ziel kann ein neues Projekt sein, ein Telefonat mit einer Freundin, Tagebuch schreiben, man kann anfangen zu häkeln, zu singen oder im Garten Holz hacken.

Für viele fällt etwas ganz Wichtiges weg: menschliche Nähe. Wie hält man das am besten aus?

Man muss sich klar machen, dass das vorübergehend ist. Es geht vorbei, wir werden uns wieder umarmen können. Es gibt einen psychologischen Kniff, den man anwenden kann, wenn die Sehnsucht zu groß wird: Man kann sich am Bildschirm umarmen und vorstellen, diese Umarmung körperlich einen Moment intensiv zu fühlen. Menschen erinnern sich daran, wie es ist, seine Lieben zu berühren. Für das Gehirn ist es aber gar nicht relevant, ob es tatsächlich passiert oder nicht.

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