Leidensweg eines Patienten

Homberger weinte vor Schmerzen beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst

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Einheitlich Nummer: Außerhalb der Sprechzeiten des Hausarztes sollen Patienten die 116117 wählen. Sie landen dann bei einer Dispozentrale. Für Nordhessen befindet sie sich in Kassel.

Homberg. Den 13. Dezember 2014, einen Samstag, wird der Homberger Reinhold H.* so schnell nicht vergessen.

Schon in der Nacht hatte er heftige Rückenschmerzen, konnte sich kaum noch bewegen. Der 69-Jährige brauchte dringend ärztliche Hilfe.

Doch bis ihm geholfen wurde, sollte er noch einen längeren Leidensweg vor sich haben: Am Morgen wählte er die Rufnummer 116117, über die – inzwischen bundesweit einheitlich – der Ärztliche Bereitschaftsdienst zu erreichen ist. Zwölf Minuten habe er in der Warteschleife gesteckt, an Warteposition 18.

Kassenärztliche Vereinigung zu den Vorwürfen des Homberger Patienten

Nachdem er dem Mitarbeiter der Dispozentrale seine Beschwerden geschildert hatte, sei er nach Fritzlar zur Zentrale des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) verwiesen worden, die dort im Krankenhaus angesiedelt ist. Seine Frau Dorith fuhr ihn, die Schmerzen seien kaum auszuhalten gewesen.

In der Bereitschaftsdienst-Zentrale übernahm die 65-Jährige die Anmeldung und schilderte die Situation. Auf den Hinweis, dass ihr Mann starke Schmerzen habe, habe die Sprechstundenhilfe unfreundlich entgegnet: „Das sagen hier alle!“ Es gehe nach der Reihe. Obwohl andere Patienten ihren Mann vorlassen wollten - weil er vor Schmerzen weinte - die Mitarbeiterin beharrte auf ihrer Position.

Verzweifelt haben sie Hilfe in der Notfallambulanz des Krankenhauses gesucht, berichtet die Hombergerin. Dort habe sie zur Auskunft erhalten, dass kein Arzt zu sprechen sei und das Krankenhaus auch nicht über eine orthopädische Abteilung verfüge. „Wir standen mitten im Krankenhaus völlig ohne Hilfe“, so die Hombergerin.

Per Handy rief sie schließlich einen Krankenwagen. Nach kurzer Zeit seien zwei Sanitäter erschienen, denen sie die Situation schilderte. Die Männer hätten sich in der Bereitschaftsdienst-Zentrale erkundigt und seien kopfschüttelnd zurückgekommen. Erst als Reinhold H. bereits auf der Trage des Krankenwagens lag, sei der Arzt des Bereitschaftsdienstes erschienen, habe einen akuten Bandscheibenvorfall diagnostiziert und dem Patienten zwei Spritzen gegeben. Zu den Vorfällen in der Bereitschaftsdienst-Zentrale habe er nichts gesagt.

Die Sanitäter brachten Reinhold H. zur Neurologischen Akutklinik nach Bad Zwesten, wo er fünf Tage stationär behandelt wurde. Inzwischen kann er sich wieder weitgehend ohne Schmerzen bewegen, aber der Ärger über die Erfahrungen mit dem ÄBD sitzt tief. „Sollten ich oder meine Frau wieder in eine solche Situation kommen, werden wir mit Sicherheit nicht mehr die 116117 anrufen, sondern gleich die 112.“ Mit einer Beschwerde hat sich der Homberger an die Kassenärztliche Vereinigung Hessen und die Ethik-Kommission der Landesärztekammer gewandt.

Die Geschäftsleitung des Fritzlarer Hospitals

Dorith H. hatte auch versucht, für ihren Mann Hilfe in der Notfallambulanz des Hospitals zum heiligen Geist zu finden, sie wurde dort aber nach eigenen Angaben abgewiesen. Dem widerspricht Heinrich Gerdes, der Geschäftsführer der Klinik. Der Frau sei mitgeteilt worden, dass es etwas dauern könne, weil der Arzt auf der Station beschäftigt sei. Man habe ihr angeboten, ihren Mann stationär aufzunehmen und ihn mit Schwerzmitteln zu versorgen. Darauf sei die Frau nicht eingegangen. Gerdes: „Wir sind ein Krankenhaus, wir weisen keinen ab.“

Von Heinz Rohde

*der Name des Betroffenen ist der Redaktion bekannt und wurde geändert.

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- Homberger stieß auf Hindernisse: Ärztliche Hilfe erst auf Umwegen

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