"Ich mache Zeitgeist-Kabarett"

Kabarettist Thomas Freitag spricht über die Kunst der Satire

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Beleidigungen sind gar nicht sein Stil: Kabarettist Thomas Freitag tritt am Samstag, 20. Oktober, im Gudensberger Bürgersaal auf.

Homberg. Wenn Thomas Freitag auf der Bühne steht, wird es nicht nur satirisch und urkomisch, sondern auch sehr politisch. 

In seinem Soloprogramm „Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall“ geht es am 20. Oktober ab 19.30 Uhr im Gudensberger Bürgerhaus um Großzügigkeit, Rechte, Politik und den digitalen Wahn.

Herr Freitag, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen EU-Beamten zu spielen, der für Kreisverkehre zuständig ist?

Thomas Freitag: Ich überlege mir, was treibt mich politisch um, was ist relevant. Als 2015 das Programm entstanden ist, war Europa ein prägendes und wichtiges Thema. Und ich wollte schon immer mal einen hohen EU-Bürokraten spielen, der mit dunkelblauem Anzug durch die Gegend jettet. Dann habe ich mir die Frage gestellt: Wer ist eigentlich europaweit für Kreisverkehre zuständig? Das hat etwas Albernes und zugleich kann man Europa auf die Schippe nehmen.

Das klingt ja eher etwas trocken. Wie schaffen Sie es, die politischen Themen humoristisch aufzuarbeiten?

Freitag: Das ist eben die Kunst. Ich will Zeitgeist-Kabarett machen und versuche Themen und die Trends durch bestimmte Figuren zu vermitteln.

Dadurch nehme ich eine Haltung ein, mit der sich der Zuschauer viel intensiver auseinandersetzen muss. Es berührt das Publikum ganz anders, als wenn ich nur über jemanden herziehe, den sie so oder so nicht mögen.

Wie viel Aktuelles bringen Sie bei Ihren Auftritten mit ein?

Freitag: Da wo ich es für nötig halte, nehme ich aktuelle Themen mit rein. Zum Beispiel die Auseinandersetzungen im Sommer mit Horst Seehofer oder der SPD. Das mache ich punktuell.

Manchmal gestaltet sich das jedoch etwas schwierig für mich. Meine Kunstfigur Peter Rübenbauer kann nur eine bestimmte Haltung einnehmen. Da muss ich dann andere Figuren schaffen und mich plötzlich zum Beispiel in Willy Brandt verwandeln. Aber nicht jede politische Aufregung will ich mit einbauen. Mir geht es eher um Strömungen, um den Zeitgeist. In welcher Zeit leben wir gerade und was läuft zurzeit ab. Das sind meine Fragen.

Wo liegt für Sie die Grenze bei politischer Satire?

Freitag: Die Frage wird mir immer wieder gestellt. Meine Überzeugung ist: Wenn jemand auf dem Boden liegt, braucht man nicht noch drauf schlagen. Glatte Beleidigungen sind in meinen Programmen nicht mein Stil. Und diese Art und Weise führt auch nicht zum Ziel.

Was wollen Sie mit Ihrem politischen Programm bei den Zuschauern erreichen?

Freitag: Ich möchte die Leute auf einem guten Level unterhalten. Aber gleichzeitig auch die Zuschauer zur Auseinandersetzung fordern. Die Leute kommen häufig aus meinem Pogramm und äußern, dass ich sie ganz schön durcheinandergewirbelt habe. Ich denke, dass man mein Programm nicht so einfach abschütteln kann. Da bleibt vieles hängen beim Zuschauer. Ich will den Leuten klar machen, was auf dem Spiel steht, dass sich die Zuschauer über Europa Gedanken machen.

Wie sind Sie überhaupt zur politischen Satire und zum Kabarett gekommen?

Freitag: Ich wollte schon immer zum Theater. Meine Eltern haben aber darauf gedrängt, dass ich einen anständigen Beruf lerne und so musste ich eine Banklehre absolvieren.

Danach habe ich den Weg zum Theater gesucht und bin zunächst am Stuttgarter Renitenztheater gelandet, später dann in Gießen. Durch die Ostblockpolitik bin ich stark politisiert worden. Ich habe gemerkt, dass mich Politik sehr interessiert und dass man damit gut Kabarett machen kann.

Zur Person 

Thomas Freitag wurde 1950 in Alsfeld geboren und ist ein deutscher Kabarettist. Nach einer Banklehre hat er den Weg zum Theater gefunden. 1974 war er am Stuttgarter Renitenz-Theater als Schauspieler und Kabarettist engagiert. Nach etlichen Theaterrollen hat Freitag zum Düsseldorfer Kom(m)ödchen gewechselt, wo er neun Jahre geblieben ist. 

In den letzten 42 Jahren war Freitag mit 16 Soloprogrammen in Deutschland unterwegs. Man kennt den 68 Jährigen auch durch seine legendären Strauss, Brandt, Kohl und Reich-Ranicki-Parodien. Im Fernsehen war Freitag ein bekanntes Gesicht mit den Sendungen „Einstweilige Verfügung oder „Medienkunde für Anfänger“. 2016 hat er den Berliner Kabarettpreis für sein künstlerisches und politisches Lebenswerk bekommen.

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