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Krieg verschärft Hunger: Martin Häusling über die Folgen für die Landwirtschaft

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Von: Maja Yüce

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Auf dem Foto sind Hände zu sehen.
Die Ukraine ist fünftgrößter Weizenexporteur, Russland ist laut der Vereinten Nationen weltweit die Nummer Eins. Zusammengenommen exportieren beide Länder Getreide in etwa 50 Länder. © Sebastaian Willinow/dpa

Der Krieg hinterlässt seine Spuren. Vor allem Getreide wird immer teurer. Martin Häusling fordert eine Anpassung der Landwirtschaftspolitik.

Schwalm-Eder – Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine lässt die Lebensmittelpreise steigen – auch im Schwalm-Eder-Kreis. Vor allem Getreide wird immer teurer. Denn in der Ukraine, einem der weltgrößten Produzenten, kann wegen des Krieges deutlich weniger angebaut werden. In dem Land selbst und auch in ärmeren Ländern könnte es daher zu Hungersnöten kommen, befürchtet Martin Häusling. Der Bad Zwestener ist EU-Abgeordneter der Grünen und deren agrarpolitischer Sprecher. Er fordert eine Anpassung der Landwirtschaftspolitik. Ein Gespräch über die Folgen des Krieges auf die Landwirtschaft und die Lebensmittelproduktion.

Wie wirkt sich der Krieg gegen die Ukraine auf die Produktion von Nahrungsmitteln aus?

Russland hat die Kornkammer der Welt angegriffen. Die Ukraine und Russland exportieren 30 Prozent des Weizens in der Welt. Russland zerstört Häfen, Getreidesilos und in den besetzen Gebieten die landwirtschaftlichen Betriebe. Die Ausfälle der Getreidelieferungen werden Hunger auslösen, vor allem in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten. Hunger wird auch in der Ukraine herrschen, wenn dieses Jahr keine Aussaat stattfinden kann.

Welche Folgen ergeben sich daraus für die Agrarmärkte?

Die Europäische Union ist in bestimmten Teilbereichen betroffen, befindet sich aber keineswegs in einer Versorgungskrise. Ein Beispiel ist Salatöl aus Raps oder Sonnenblumen, bei dem der Importanteil aus der Ukraine in die EU rund 80 Prozent beträgt. Ein anderes Beispiel ist GVO-freies Soja aus der Ukraine für den Bio-Sektor. Insgesamt ist die Lebensmittel-Versorgungslage in der EU aber nicht gefährdet. Der Verlust von Exporten dürfte vor allem die Entwicklungsländer treffen, die große Mengen Weizen aus der Ukraine bekommen haben. Eine weitere verheerende Folge für die Agrarmärkte ist, dass Russland seine Weizenexporte als Waffe nutzen und nur die Länder beliefern wird, die ihm freundlich gesonnen sind.

Betreffen die Folgen Biolandwirte und konventionelle Erzeuger gleichermaßen?

Nein, die Auswirkungen sind unterschiedlich. Konventionelle Betriebe sind deutlich stärker von der Teuerung der Gaspreise betroffen, denn sie sind in hohem Maße von Düngemitteln abhängig, die wegen des enormen Bedarfes an Energie bei der Herstellung, aber auch aufgrund von Spekulation teurer werden. Bei Biobetrieben gibt es eher die Sorge um eine mögliche Knappheit von Biofuttermitteln, die zu einem nennenswerten Anteil aus der Ukraine kommen.

Was befürchten Sie, wen diese Krise besonders hart treffen wird?

Das World Food Programm (WFP) hat vor dem Krieg das meiste Getreide aus der Ukraine bekommen, welches jetzt nicht mehr da ist. Das WFP musste daher in vielen Ländern schon die Rationen kürzen. Die massiv gestiegenen Weizenpreise werden die Menschen im globalen Süden, aber auch die einkommensschwachen Haushalte hier bei uns treffen.

Wie wird sich der Krieg kurz- und langfristig auf die Lebensmittelpreise in Deutschland und somit auch im Schwalm-Eder-Kreis auswirken?

Die Lebensmittelpreise in Deutschland ziehen ohnehin seit Corona an und Agrarprodukte werden aufgrund der Verteuerung der Düngemittel teurer. Das geht ebenfalls auf den hohen Energiebedarf der Mineraldüngerproduktion zurück. Solange wir davon abhängig sind, wird die Verteuerung sich immer mehr auf die Lebensmittelpreise durchschlagen.

Wie könnten Verbraucher entlastet werden?

Verbraucher kann man durch einen Nachlass bei der Mehrwertsteuer, vor allem aber mit höheren Hartz IV-Sätzen entlasten. Insgesamt müssen wir uns aber generell darauf einrichten, dass energieintensive Produktionssysteme immer teurer werden, daher wäre es sinnvoll, auf Systeme umzusteigen, die weniger von externer Energie abhängen, wie zum Beispiel der Ökolandbau, bei dem die Stickstoffversorgung über Leguminosenpflanzen läuft.

Es gibt wieder Hamsterkäufe von Lebensmitteln (Mehl, Nudeln, Sonnenblumenöl und mehr): Ist die Versorgung in Deutschland gesichert?

Die Versorgung ist in Deutschland gesichert, wir haben auch noch genügend Getreide und Sonnenblumenöl, aber auch hier ist Spekulation am Werk und die Hamsterverkäufe verstärken das noch.

Der Krieg zeigt auch, dass die Globalisierung die Ernährungssicherheit in Kriegszeiten gefährden kann. Wie wichtig ist daher ein Umbau des Agrarsystems?

Zahlreiche Gutachten von Beiräten und wissenschaftliche Studien fordern seit Jahren einen Umbau unseres Ernährungssystems gerade, weil es nur so stabilisiert werden kann. Wenn wir diesen Umbau nicht wagen, dann bekommen wir Nahrungsmittelknappheit, die viel schlimmer ist als in der aktuellen Situation. Nach wie vor ist die auf uns zukommende Klimakatastrophe die größte Bedrohung.

Wie könnte solch ein Umbau aussehen?

Wir müssen die Agrarsysteme Krisenfester machen. Das heißt, unabhängig machen von riesigen Energiemengen, die wir für Dünger und Pestizide brauchen. Wir müssen zügig eine Ökologisierung der Agrarproduktion einleiten. Wir können es uns auf Dauer auch nicht leisten, riesige Mengen Futtermittel anzubauen und zu importieren, um damit hier eine Überproduktion von Fleisch zu erzeugen. Wir können in der EU nicht weiter 60 Prozent des Getreides verfüttern und Agrotreibstoffe erzeugen, sodass nur 20 Prozent des Getreides auf dem Teller landet. Hinzu kommt, dass 30 Prozent der Nahrungsmittel weggeworfen werden, das muss gestoppt werden.

Es wird nun viel Geld in die Verteidigung fließen, ist für eine Agrarwende noch Geld da?

Es muss da sein, es dient unserem Überleben mindestens genauso sehr wie eine ausreichende Verteidigung.

Was würde denn ein Aufschub der Agrarwende für Folgen nach sich ziehen?

Ein Aufschub der Agrarwende gefährdet meiner Meinung nach die zukünftige Versorgung. Viele versuchen jetzt, eine große Krise gegen die andere auszuspielen. Die Biodiversitätskrise und der Klimawandel machen wegen des Ukraine-Krieges keine Pause. Wir dürfen auch nicht weiter Boden und Wasser mit Agrarchemikalien belasten. Die Ausrichtung der EU auf den Green Deal ist richtig. Schon heute bedrohen auch in Europa Dürren und Erosion viele landwirtschaftliche Flächen. Nur ein Umsteuern auf agrarökologische Systeme, verbunden mit einer Energiewende, kann uns Sicherheit geben. (Maja Yüce)

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