Jetzt spricht er zum ersten Mal vor Schülern über den Einsatz

Er wollte kein Held sein: Jörg Probstmeier war bei der Erstürmung der "Landshut" dabei

+
Harte Arbeit: Jörg Probstmeier (2. von links) war als Mitglied der GSG 9 im Jahr 1977 bei der Befreiung der Lufthansa-Maschine Landshut in Mogadischu dabei, die von Terroristen gekapert wurde. Unser Bild zeigt den Sprung der Ausbildungseinheit in einen Steinbruch für Werbeaufnahmen.

Homberg. Vor fast 41 Jahren stürmte eine Einheit der GSG 9 die von Terroristen entführte Lufthansa-Maschine Landshut in Mogadischu. Jörg Probstmeier war bei der Befreiung der Geiseln dabei. Wir sprachen mit ihm darüber, wie der Einsatz sein Leben verändert hat.

Es ist kurz vor Mitternacht. Verdeckt von einer Sanddüne liegt Jörg Probstmeier am 18. Oktober 1977 etwa 100 Meter entfernt von der Lufthansa-Maschine Landshut, die von Terroristen gekapert wurde, im Dunkeln. Er beobachtet sie als Teil des Observations- und Präzisionsschützenkommandos. Als die Schützen die beiden männlichen Terroristen und den Co-Piloten im Cockpit erkennen und melden, erfolgt der Zugriff.

Herr Probstmeier, Sie waren nicht direkt an der Erstürmung der Maschine beteiligt. Waren Sie zufrieden mit Ihrer Aufgabe?

Jörg Probstmeier: Ich war schon enttäuscht, dass ich nicht mit ins Flugzeug durfte. Als zweitjüngster Einsatzteilnehmer bekam ich nicht die Gelegenheit zur Bewährung und Feuertaufe. Ich hatte aber auch keine unwichtige Aufgabe.

Haben Sie mit solch einem Ausgang der Entführung gerechnet?

Jörg Probstmeier

Probstmeier:Ich habe mir ein unblutiges Ende der Geiselnahme gewünscht. Schuldhafte Menschen zu töten, um Unschuldige zu retten, ist immer schwerwiegend und das allerletzte Mittel. Ich hatte gehofft, die Verhandlungsgruppe ist erfolgreich und die Terroristen lenken ein.

Das taten die Terroristen aber nicht. Deshalb mussten Sie zwei Stunden lang die Maschine observieren. Wie kann man sich da überhaupt noch konzentrieren?

Probstmeier:Ich war seltener wachsamer als zu diesem Zeitpunkt. Wir waren alle voller Erwartung und konzentriert von der Zehenspitze bis in die Haarspitze.

Wie haben Sie sich auf diesen Einsatz vorbereitet?

Probstmeier: Ich hatte Einsätze wie diesen oft geübt und musste nur meine Kenntnisse abrufen. Ein Einsatz hat aber andere Gesetze und nichts ist vorhersehbar. Es ist immer einfacher, auf Scheiben zu schießen, als auf Menschen. Darüber musste man sich im Klaren sein.

Sie waren da gerade 21 Jahre alt – hatten Sie Angst?

Probstmeier: Nein, ich habe mich schon während des Fluges mit dem möglichen Einsatz auseinandergesetzt. Alles, was ich geübt hatte, wurde noch einmal abgerufen. Gedanklich hatte ich mich sogar schon darauf eingestellt, dass ich dabei bin, wenn die Maschine gestürmt wird. Ich wollte ja die Herausforderung einer Spezialeinheit annehmen und mich entsprechend einbringen. Da musste man sich schon aller Konsequenzen und der Tragweite seiner Entscheidung bewusst sein.

Kasseler Augenzeugen im Video

Gab es mit den Kollegen im Flieger Gespräche über mögliche Folgen?

Probstmeier: Wir waren alle recht entspannt. Wir haben uns über normale Dinge unterhalten, haben Karten gespielt, gelesen. Im Grunde merkte man bei niemandem die Anspannung. Es gab aber niemanden, der die Gedanken an einen möglichen Einsatz verdrängt hatte.

40 Jahre lang haben Sie nicht über das Geschehen gesprochen. Nach 30 Jahren zunächst sogar nur unter einem Pseudonym. Warum?

Probstmeier: Das Selbstverständnis der GSG 9 war immer: Gutes zu tun und nicht darüber zu reden.

Deshalb habe ich mich gegenüber Kollegen, Freunden und meiner Familie sehr bedeckt gehalten. Ich wollte nicht nur auf einen Einsatz reduziert werden und auch als normaler Polizeibeamter eine gute Leistung erbringen.

Ich wollte mich nie selbst darstellen, sondern einfach nur meinen Job machen. Ich wollte nie als Held von Mogadischu gelten. Es war mir wichtiger, als Mensch wertgeschätzt zu werden.

Also hat der Einsatz damals in Mogadischu auch ihr Leben verändert?

Probstmeier: Der Einsatz hatte Signalwirkung, war ein Schlüsselerlebnis und hat mein Selbstbewusstsein gestärkt. Menschen geholfen zu haben, eine gute Tat vollbracht zu haben – das war wichtig für mich.

Ich denke jetzt nicht nur an mich, sondern versuche, bedürftigen Menschen zu helfen. Denn jeder Mensch hat seinen Wert.

Zur Person

Jörg Probstmeier (62) wurde 1956 in Kassel geboren und lebt jetzt in Hessisch Lichtenau (Werra-Meißner-Kreis). Er kam 1973 zur Polizei, von 1975 bis 1990 war er Mitglied der Spezialeinheit GSG 9. Anschließend war er Gruppenführer beim Bundesgrenzschutz in Bad Hersfeld, wurde an der deutsch-polnischen Grenze in Görlitz eingesetzt sowie am Frankfurter Flughafen. Vor seinem Ruhestand im Mai vergangenen Jahres war er bei der Bundespolizei in Kassel. Bei der Erstürmung der Lufthansa-Maschine war Probstmeier 21 Jahre alt. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.