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Heimat passt nicht in einen Koffer – Hombergerin nimmt Verwandte auf

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Von: Claudia Brandau, Maja Yüce

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Auf dem Foto sind mehrere Menschen zu sehen.
Aus der Ukraine in das sichere Homberg geflüchtet: Nina Kempe (hinten) mit ihren Verwandten aus der Ukraine (von links) Zoriana und Milana und Diana Krupa sowie Uliana und Zlata Vyhovska. © Maja Yüce

Der Krieg in der Ukraine bedeutet für die Menschen im Land großes Leid. Viele Ukrainer suchen Zuflucht in anderen Ländern – auch in Homberg.

Homberg / Lemberg – Drei Tage brauchten sie, bis sie in Sicherheit waren: Als Uliana Vyhovska (31) und Zoriana Krupa (36) am Donnerstagmorgen überstürzt die 1200 Kilometer lange Strecke nach Homberg mit ihren drei Kindern antraten, flüchteten sie vor einem Krieg, mit dem sie nie gerechnet hätten. „Meine Großmutter hat vom Krieg erzählt“, sagt Uliana. „Dass ich selber einen erleben würde, habe ich bis vorige Woche nicht glauben können.“

Die Frauen sitzen in Homberger Wohnzimmer von Nina Kempe, die ihnen Zuflucht vor Krieg, Angst, Bomben bietet. Ihre Männer Alexander und Marian sind in der Heimat geblieben, werden kämpfen müssen – wollen es auch. Denn sie sind stolz auf ihr Land und wollen es verteidigen. Auch wenn das für sie bedeutet, dass sie sich von ihren Frauen und den Kindern von jetzt auf gleich trennen mussten – auf unbestimmte Zeit.

Frauen und Kinder waren drei Tage im Auto unterwegs

„Wir haben nur schnell zwei Hosen, zwei Pullover und warme Jacken für jeden von uns eingepackt. Die Heimat passt nicht in einen Koffer“, sagt Zoriana Krupa. Dann ging sie los, die Fahrt, die länger dauerte als gedacht. Denn statt um die zwölf Stunden, wie es der Routenplaner anzeigt, waren die Frauen und ihre Kinder drei Tage unterwegs.

Allein die Fahrt bis zur nur rund 100 Kilometer entfernten polnischen Grenze dauerte zwei Tage. „Es ging nur im Schritttempo voran“, beschreibt Uliana, die all die Zeit am Steuer des Wagens saß. Bei einem Zwischenstopp an einer Tankstelle wollten die Frauen etwas zu Essen kaufen, doch die Regale waren leer. „Da lag nur noch eine Tüte Chips“, sagen die Mütter. Für einen Moment hätten sie da daran gedacht, umzukehren. Zurück nach Lemberg, zur Familie. Doch ging es für sie um mehr als um den Hunger – sie wollten ihre Kinder in Sicherheit bringen.

An der polnischen Grenze gab es Saft und Kekse – darüber haben sich die Kinder sehr gefreut

Das haben sie geschafft. Sie erreichten die polnische Grenze. „Dort haben wir ein Wunder erlebt. Wir bekamen eine große Tüte mit Lebensmitteln, Keksen und Saft geschenkt“, sagt Zoriana Krupa. Darüber hätten sich vor allem die Kinder sehr gefreut. Die Fahrt ging anschließend schnell weiter – in Richtung Homberg.

Während die Frauen auf dem Sofa im warmen Wohnzimmer ihrer Cousine sitzen, erzählen sie davon, welche schrecklichen Nachrichten sie aus ihrer Heimat hören und sehen. In der Küche läuft ein ukrainischer Radiosender, im Wohnzimmer im TV deutsche Nachrichtensender. Sie erzählen von permanentem Sirenengeheul in Lemberg, von der großen Sorge um ihre Männer, Eltern und Verwandten. Auch, wenn sie nicht zum Militär müssen, wollten sie nicht fliehen, erzählen die Frauen. „Sie wollen ihre Stadt nicht alleine lassen.“

Auf dem Foto sind mehrere Menschen zu sehen.
Weihnachtsausflug in Lemberg: Zoriana, Diana und Marian Krupa. Im Kinderwagen die kleine Milana. © Krupa

Auch wenn Lemberg noch nicht bombardiert wurde, so ist die Sorge davor groß. Die Lage in der Region verschlechtere sich täglich. So gebe es zum Beispiel kaum mehr Lebensmittel in den Geschäften und die Menschen suchten nach sicheren Orten. „Es ist totenstill, selbst die Vögel sind verstummt. Alle warten auf den ersten Einschlag“, sagen die Frauen. Das haben ihnen ihre Familien geschrieben und bei Videoanrufen erzählt. „Wir haben zum Glück zu allen Kontakt und informieren uns gegenseitig.“

Uliana Vyhovska, die Englischlehrerin ist, unterrichtet sogar ihre Schüler online weiter. „So gut es eben geht.“ Aber auch das sei nur ein Versuch, etwas Alltag zu erhalten – für sich und die Kinder im Alter von acht Monaten, sechs und zehn Jahren.

Auf dem Foto sind mehrere Menschen zu sehen.
Glückliche Zeit: Uliana und Alexander Vyhovska mit ihrer Tochter Zlata. © Uliana Vyhovska

Die schreckliche Nachricht, dass Russland das Gelände des Atomkraftwerks Saporischschja bombardiert habe, raubt auch den geflüchteten Frauen die Worte. „Die Radiosender in der Ukraine raten den Menschen, sich mit Jodtabletten einzudecken“, sagt Nina Kempe. Sie wissen, dass die Ukraine viel kleiner als Russland und auch militärisch viel stärker aufgestellt ist. Und doch sprechen sie davon, dass ihr Land, die Ukraine, schon jetzt gewonnen habe – zumindest die Herzen. „Wir haben ein Gesicht bekommen. Die Welt kennt uns jetzt. Und wir zeigen, was für ein starkes Volk wir sind.“

Nina Kempe (52) kam vor über einem Vierteljahrhundert der Liebe wegen aus der Nähe von Lemberg nach Homberg. Ihr verstorbener Mann Ganghold Kempe hatte sich damals in sie und in ihre Heimat verliebt: „Wir sind gerne zu meiner Familie in die Ukraine gefahren.“

Vor drei Jahren waren sie schon mal in Homberg – aber zu Besuch

Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie allein in ihrer Wohnung im großen Fachwerkhaus am Marktplatz, hat aber Platz geschaffen für die beiden Frauen und deren drei Kinder. Für Uliana ist es nicht das erste Mal, dass sie in Homberg ist, sie war bereits vor drei Jahren zu Besuch dort. Doch das war eine komplett andere Situation: Jetzt ist sie nicht im Urlaub, sondern auf der Flucht.

Es sind noch weitere Verwandte auf dem Weg nach Homberg. Denn die Situation in der Ukraine wird nicht besser, sondern schlimmer. Doch darüber wollen sie nicht reden: Die Hoffnung, bald wieder nach Hause zurückkehren zu können, ist größer als die Angst. (Claudia Brandau und Maja Yüce)

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