Täglich werden in Hessen 4,7 Hektar versiegelt

Landwirte klagen über großen Flächenverlust in Hessen

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Jede Medaille hat zwei Seiten: Ausverkaufte Gewerbegebiete sind Erfolgsmeldungen für die Kommunen, aber immer auch mit einem großen Flächenverlust verbunden. Das Foto zeigt das Interkommunale Gewerbegebiet Mittleres Fuldatal bei Ostheim.

Schwalm-Eder. Die Zahl der Äcker, Felder und Wiesen sinkt: Täglich werden hessenweit 4,7 Hektar Flächen betoniert. Der BUND Hessen und der Hessische Bauernverband schlagen Alarm.

Im Schwalm-Eder-Kreis ist die landwirtschaftliche Nutzfläche in den vergangenen 70 Jahren um 18 Prozent gesunken, um eine Fläche von knapp 24 000 Fußballfelder geschrumpft. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Hessen und der Hessische Bauernverband schlagen Alarm: „Jeder versiegelte Quadratmeter ist unwiederbringlich für die Landwirtschaft verloren“, sagt Stefan Strube, Pressesprecher des Regionalbauernverbands Kurhessen in Homberg. Der unterstützt auch die Initiative „Stoppt Landfraß!“ die auf die drastisch sinkende Zahl der Äcker hinweist. Auch wenn ausverkaufte Gewerbe- oder Neubaugebiete für die Kommunen als Erfolgsmeldungen gelten, sei das doch nur eine Seite der Medaille, sagt Strube: Auch die Landwirtschaft sei ein Wirtschaftsfaktor – doch könne man die dafür nötigen Flächen weder verlagern noch vermehren.

Bau von riesigen Parkplätzen entlang der Autobahnen

Das Problem sei massiv, aber noch lange nicht in den Köpfen angekommen, sagt Michael Rothkegel vom BUND in Frankfurt. Er fordert, dass der Flächenverbrauch drastisch reduziert wird: „Wenn Menschen regionale Produkte wollen, muss es eine regionale Landwirtschaft geben.“ Maximal dürfe in Hessen ein Hektar täglich zubetoniert werden. Dafür aber müsse ein Bewusstseinswandel her, fordert Dr. Wolf Rheinwald, Sprecher des Bunds für Naturschutz (Nabu) aus Treysa. Freie Flächen seien Schätze für Natur und Landwirtschaft, doch die gingen rasant verloren, zum Beispiel durch den Bau von riesigen Parkplätzen entlang der Autobahnen. Oder von Stromtrassen und Gaspipelines, ergänzt Stefan Strube. Das Thema Flächenverlust sei eine Misere, die die Natur täglich unter größeren Druck setze.

 Das Thema Flächenverlust beschäftigt nicht nur die Landwirte, sondern auch die Naturschützer. Denn nicht nur die Anbauflächen für Lebensmittel, sondern auch die Lebensräume für Tiere werden immer knapper. Dr. Wulf Rheinwald ist Vogelschutzbeauftragter in der Schwalm und sicher: „Wir haben zu viele versiegelte Flächen – nicht nur außerhalb, auch innerhalb der Städte.“

Rheinwald spricht nicht nur von den riesigen Parkplätzen, die an den Autobahnen entstehen, damit Lastwagenfahrer ihre Ruhezeiten einhalten können, sondern auch von Flächen, die in den Orten versiegelt sind. Leer stehende Betriebe samt Parkplätzen, betonierte Auffahrten zu Häusern und Firmen, nicht genutzte Sportplätze, weil Vereine längst fusioniert sind und nicht zuletzt die vielen mit Kieseln und Steinen belegten ehemaligen Gärten. „Wir leben in schwierigen Zeiten, was den Umgang mit der Natur angeht“, sagt Rheinwald.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sieht das genauso und fordert: „An jeder Stelle, an der ein Hektar Fläche versiegelt wird, müsste eine gleichgroße Fläche entsiegelt werden,“ sagt Sprecher Michael Rothkegel aus Frankfurt. Das aber sei teuer – und komme deswegen nicht in Frage. „Boden kann nur einmal versiegelt werden, dann ist er für die Landwirtschaft verloren“, sagt Stefan Strube, Sprecher des Regionalbauernverbands Kurhessen mit Sitz in Homberg.

Über Jahrzehnte hinweg seien große landwirtschaftlich genutzte Flächen mit Gewerbe- und Neubaugebieten bebaut worden. Das müsse sich dringend ändern: Die noch verfügbare Ackerfläche der Erde müsse für eine Weltbevölkerung von 7,2 Milliarden Menschen ausreichen. Ums Jahr 2050 aber lebten nach Studien der Vereinten Nationen bereits 9,5 Milliarden Menschen auf der Welt, die ernährt werden müssten. Stefan Strube spricht aber nicht nur vom globalen, sondern auch vom wachsenden lokalen Problem: „Ohne regionale Landwirtschaft gibt es auch keine regionalen Produkte.“

Forderung der Landwirte und Naturschützer:

• Straßenbauvorhaben flächensparender realisieren • Parkplätze bei Einkaufsmärkten im Untergeschoss schaffen • Gewerbegebäude nur mehrgeschossig bauen • Gewerbebrachen erfassen und neu nutzen: Städte und Gemeinden sollen Leerstandskataster führen • Bauleitplanungen sollten strikt nach dem Prinzip Innen- vor Außenentwicklung erfolgen.

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